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Flensburgs Joachim Boldsen (2. v. r.) sah im Finale die Rote Karte © getty

Dem deutschen Handball droht ein Manipulationsskandal ungeahnten Ausmaßes. Seit dem Jahr 2000 soll Kiel Spiele verschoben haben.

Von Tobias Schneider

München - Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe und versetzte ganz Handball-Deutschland in eine Art Schockstarre:

Rekordmeister THW Kiel soll sich den Champions-League-Titel 2007 gegen Flensburg mit unlauteren Mitteln erschlichen haben (Bestechungsvorwürfe gegen Kiel).

Doch das ist beileibe nicht alles. Bereits seit dem Jahr 2000 soll der THW Spiele auf internationaler Bühne verschoben haben.

Diese Vorwürfe bestätigte Manfred Werner, Aufsichtsratsmitglied der HBL: "Der Vorwurf lautet, dass Kiel seit 2000 internationale Spiele beeinflusst haben soll."

Das "Flensburger Tageblatt" meldete, der damalige THW-Coach Noka Serdarusic habe sich selbst angezeigt. Auch über die Selbstanzeige eines Geldboten wurde spekuliert.

Der Erfolgscoach dementierte zwar umgehend die Gerüchte, die Lawine nahm zu dieser Zeit aber bereits volle Fahrt auf.

Viele Fragen stehen derzeit offen, etliche Angaben sind vage.

Sport1.de bringt Licht ins Dunkel und beantwortet die wichtigsten Fragen.

Wer brachte den Stein ins Rollen?

Ausgangspunkt dieser Gemengelage war ein Brief des HBL-Aufsichtsratsmitgliedes Dieter Matheis an THW-Manager Uwe Schwenker, in der Matheis "um Aufklärung in dieser Sache" bat.

Auf welcher Grundlage aber die Verdachtsmomente Matheis' basieren, ist nicht bekannt.

Schwenker wies die erhobenen Vorwürfe jedoch zurück: "Der THW Kiel weist die Vorwürfe entschieden von sich", sagte Schwenker.

"Eine Selbstanzeige von Serdarusic bei der Staatsanwaltschaft Berlin gibt es nicht. Im Prinzip ist es derzeit noch kein Fall, da es kein Aktenzeichen gibt", sagte HBL-Pressechef Oliver Lücke bei Sport1.de.

Auch werde nicht gegen eine dritte Person, etwa den ominösen Geldboten, ermittelt, wie Simone Herbeth, Sprecherin der Berliner Staatsanwaltschaft bei Sport1.de bestätigte. "Wir werden auch von Amtswegen keine Ermittlungen einleiten", führte die Sprecherin weiter aus.

Warum schrieb Matheis den Brief an Schwenker?

Über den konkreten Inhalt des Briefes an Schwenker herrscht Unklarheit: "Ich habe den Brief nicht gelesen. Ich weiß nicht, was Herrn Matheis getrieben hat, diesen Brief, der das Ganze erst zu einem Vorgang macht, an Herrn Schwenker zu schicken", so Lücke.

Pikant: Matheis ist neben seiner Funktion als HBL-Aufsichtsratsmitglied auch Beiratsvorsitzender der Rhein-Neckar Löwen.

Just der Verein also, den Serdarusic in der kommenden Spielzeit trainieren sollte. Vergangene Woche, als die Bestechungsgerüchte die Runde machten, ist der Coach aber von dem Vertrag zurückgetreten - aus gesundheitlichen Gründen. So lautet zumindest die offizielle Version.

Warum hat die HBL Ermittlungen aufgenommen?

Rein organisatorisch hätte eigentlich die EHF als ausrichtender Verband Ermittlungen aufnehmen müssen. Schließlich betrifft es kein Bundesliga-Spiel, sondern das Champions-League-Finale auf europäischer Ebene.

"Es handelt sich hierbei nicht nur um eine EHF-Angelegenheit, sondern auch um einen unserer Vorzeigeklubs. Wenn es um den THW Kiel geht, geht es auch um die Liga", erklärte Lücke.

Seitens der EHF sind dagegen noch keine Ermittlungen aufgenommen worden:

"Es gibt derzeit keinen Grund zu reagieren. Wir verfolgen diese Angelegenheit aufmerksam und warten momentan auf weitere Informationen. Mehr kann ich dazu nicht sagen", äußerte sich ein EHF-Sprecher gegenüber Sport1.de, der namentlich nicht genannt werden wollte.

Wie ist die weitere Vorgehensweise?

Bis auf Serdarusic sind alle Beteiligten am Montagabend zu einer Anhörung nach Hamburg geladen. Um 20 Uhr findet das Treffen statt. Mit dabei sind unter anderem Dieter Matheis, Uwe Schwenker, Aufsichtsratsmitglied Andreas Rudolph und HBL-Boss Frank Bohmann.

Im Anschluss daran tritt die HBL-Spitze vor die Presse: "Wir wollen mit größtmöglicher Offenheit Klarheit schaffen", kündigte Lücke an.

Was sagen die Betroffenen?

Das Hin- und Rückspiel war äußerst knapp und hochspannend. 28:28 endete der erste Vergleich, das Rückspiel gewann Kiel mit 29:27.

Auffälligkeiten während des Spiels gab es praktisch keine. Selbst die Rote Karte, welche die Unparteiischen gegen Flensburgs Joachim Boldsen nach 15 Minuten verhängten, war keine gravierende Fehlentscheidung.

Henning Fritz, damals in Diensten des THW, glaubt nicht an einen Betrug: "Ich konnte damals keine Unregelmäßigkeit feststellen", sagte der 34-Jahre alte Torwart der Rhein-Neckar Löwen zu Sport1.de.

Sogar beim unterlegenen Rivalen aus Flensburg hält man die Gerüchte nicht für bare Münze:

"Das war ein 50:50-Spiel, das wir genauso gut hätten gewinnen können. Ich kann mir nicht vorstellen, dass da etwas dran ist", meinte Flensburgs dänischer Nationalspieler Lars Christiansen.

SG-Manager Fynn Holpert schlug in die gleiche Kerbe: "Ich kann und mag mir nicht vorstellen, dass der THW damals in solch einer Weise operiert hat."

Selbst Flensburg-Coach Kent-Harry Andersson attestierte damals unmittelbar nach Spielende: "Kiel war heute die bessere Mannschaft."

An der Leistung des Schiedsrichter-Gespanns hatte keiner der Akteure etwas zu mäkeln.

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