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Wird den THW Kiel nach zehn Jahren definitv verlassen: Stefan Lövgren © getty

Der Kieler Double-Gewinn steht im Schatten der halbseidenen Aufklärung der Manipulationsaffäre. Die Zukunft des THW ist offen.

Aus Hamburg berichtet Julian Meißner

Hamburg - Die Kieler Fans waren so aus dem Häuschen, sie feierten sogar die Spieler des Gegners.

Als die Mannschaft des VfL Gummersbach am Sonntag in der Hamburger Color-Line-Arena als Vize-Pokalsieger 2009 geehrt wurde, schallten Sprechchöre in Richtung Adrian Wagners und Viktor Szilagyis aus dem THW-Block.

Die beiden waren einst an der Förde aktiv, und die prächtig gelaunten Anhänger dankten es ihnen in diesen schweren Zeiten lautstark, als wollten sie sich demonstrativ das Feiern nicht verderben lassen.

Das dritte Double in Folge

"Grandios. Das gibt es nur in Kiel", sagte Szilagyi hinterher im Gespräch mit Sport1.de: "Schon im Halbfinale haben sie uns toll unterstützt." (Kiel macht drittes Double in Folge perfekt)

Als die "Zebras" das Podest erklommen, wurde es freilich noch lauter: Der THW feierte mit dem souveränen 30:24 (25:12) über den Außenseiter sage und schreibe das dritte Double aus Meisterschaft und Pokal in Folge - und steht dennoch angesichts des drohenden Ausstiegs der Geldgeber vor einer ungewissen Zukunft. (DATENCENTER: DHB-Pokal)

Kapitän Stefan Lövgren, der nach der Saison seine zehn Jahre währende Ära in Kiel beenden wird, beschäftigte dies unmittelbar nach Abpfiff nicht: "Ich bin sehr glücklich, dass ich in meiner letzten Saison noch solche Erfolge feiern kann."

Karabatic zuerst auf der Bank

Ihm zuliebe musste Welthandballer und Streitobjekt Nikola Karabatic bis zur 15. Spielminute auf der Bank nervös hin- und herrutschen (Christian Zeitz im Sport1.de-Interview).

Dass der THW die Partie nach einem Drei-Tore-Rückstand noch drehte, hing auch mit Karabatic' Einwechslung zusammen - und mit Thierry Omeyer.

Nachdem der Franzose seiner Meinung nach zu Unrecht eine Zeitstrafe kassiert hatte, brannte der wohl beste Torhüter der Welt förmlich.

Immer wieder warf er dem solide agierenden Schiedsrichtergespann Methe/Methe böse Blicke zu um sich dann in einen Rausch zu steigern.

Omeyer im Rausch

"Vielleicht hat er genau diesen Kick gebraucht", meinte Szilagyi: "In der entscheidenden Phase hat er Bälle gehalten, die andere Torhüter nicht halten. Aber das hat er ja nicht zum ersten Mal getan."

THW-Coach Alfred Gislason hatte den Galaauftritt sogar erwartet: "Er war gestern nicht ganz zufrieden mit seiner Leistung. Daher dachte ich mir schon, dass er diesmal eine Weltklasseleistung abliefern würde."

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Als folgenschwer könnte sich die Verletzung von Kreisläufer Marcus Ahlm erweisen. "Sollte sich wirklich herausstellen, dass Marcus einen Sehnenabriss im Finger hat, wäre dies ein herber Verlust im Champions-League-Finale", so Gislason. (STATISTIK: Stenogramme)

Im Endspiel der Königklasse treffen die Kieler auf den spanischen Klub Ciudad Real.

Totaler Triumph in allen Wettbewerben?

Doch selbst wenn es zu einem totalen Triumph in allen Wettbewerben kommen sollte: Frei von Makeln ist diese sportlich so überragende Kieler Spielzeit keineswegs.

Die nur schleppend voran kommende Aufklärung der Manipulationsaffäre wirft nach wie vor kein gutes Licht auf den einstigen deutschen Vorzeigeklub.

Dass das Ansehen des THW in der Öffentlichkeit auch ohne jeglichen Schuldnachweis mittlerweile massiv gelitten hat, zeigten schon die Reaktionen des neutralen Publikums in Hamburg: Es schlug sich auf die Seite des Gegners.

Und auch die HBL-Oberen um Präsident Reiner Witte bekamen ihr Fett in Form eines gellenden Pfeifkonzerts weg.

Mittlerweile ist auch bei den Sponsoren des Klubs angekommen, dass sich der THW schwere Versäumnisse in der Aufarbeitung der Affäre vorwerfen lassen muss.

Dieselbe Mannschaft ist nicht zu finanzieren

Offenbar drohen die Hauptgeldgeber des Klubs mit ihrem Rückzug schon nach dieser Saison, sollte es nicht zu weitreichenden Änderungen der Personalstruktur beim THW kommen.

Gesellschafter Georg Wegner dementierte dies zwar und auch Helmut Stracke, Geschäftsführer eines Sponsors und Mitglied im THW-Beirat, sprach sich gegen einen Rückzug aus: "Alle Geldgeber werden bei der Stange bleiben."

Eine Mannschaft, wie sie der Klub momentan stellt, wäre im Falle des Falles wohl aber kaum zu finanzieren.

"Mein Körper tut weh"

Vielleicht bekannte auch deshalb in Hamburg einer, der mit dem THW verwachsen ist wie nur wenige, dass er sich auf sein nahendes Karriereende freut.

Lövgren: "Mein Körper tut morgens weh. Und ich meine keine Kopfschmerzen."

Die haben trotz aller sportlichen Erfolge andere.

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