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Seit April 2009 Trainer der Frauen-Nationalmannschaft: Rainer Osmann © getty

Nach dem Vorrunden-Aus bei der EM üben die DHB-Frauen Selbstkritik. Der Coach denkt an Konsequenzen, erhält aber Rückendeckung.

Larvik - Tränen, Trauer, Trübsinn: Nach dem EM-Debakel und der größten Blamage seit neun Jahren wussten die deutschen Handballerinnen gar nicht wohin mit ihren Emotionen.

Bundestrainer Rainer Osmann aber ahnte bereits die Folgen, die das Scheitern in der Vorrunde der Europameisterschaft in Norwegen und Dänemark nach sich ziehen wird.

"Dieses Spiel hat großen Schaden für den deutschen Handball angerichtet. Was wir hier geboten haben, kann ich nicht nachvollziehen. Ich kann es nicht fassen", sagte Osmann nach dem desaströsen 23:33 (10:15) im letzten Gruppenspiel gegen Außenseiter Ukraine.

DHB stellt sich hinter Osmann

Der 60-Jährige schloss personelle Veränderungen nicht aus: "Man muss sehen, welche Konsequenzen das Abschneiden für die Mannschaft und das Umfeld hat", meinte Osmann.

Immerhin sprach ihm DHB-Vizepräsident Horst Bredemeier am Samstag das Vertrauen aus. "Eine Trainerdiskussion findet nicht statt. Wir sind gewillt, den bis Ende 2012 laufenden Vertrag mit Rainer einzuhalten", sagte Bredemeier.

Kreisläuferin Anja Althaus, die vor Turnierbeginn sogar offen mit dem Titelgewinn geliebäugelt hatte, brachte die Untergangsstimmung auf den Punkt. "Es tut so weh. Das ist wie ein schlechter Traum und der Tiefpunkt meiner Karriere", sagte Althaus und fällte ein vernichtendes Urteil: "Hätten wir Fußball gespielt, wäre es besser gewesen."

Meilenweit unter dem Normallevel

Erklärungen für das kollektive Versagen in der norwegischen Küstenstadt Larvik hatte aber auch die eloquente Dänemark-Legionärin nicht parat.

Althaus: "Ich könnte heulen, wenn man bedenkt, was diese Mannschaft eigentlich an Potenzial hat und erreichen kann, wenn sie normal spielt."

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Doch vom normalen Niveau war dieses Team im entscheidenden Gruppenspiel meilenweit entfernt. Sogar eine Niederlage mit sieben Toren hätte sich der EM-Vierte von 2008 und 2006 gegen die bis dato noch punktlose Ukraine leisten können, um mit zwei Pluspunkten in die Hauptrunde einzuziehen.

Rückflug erst am Sonntag

Stattdessen verkrampfte die Osmann-Sieben, versagte auf ganzer Linie - und schlitterte in das größte Desaster seit der verfehlten WM-Qualifikation 2001.

Wie unvorhergesehen die DHB-Auswahl die Blamage traf, zeigte die Reiseplanung. Da niemand mit dem vorzeitigen Scheitern gerechnet hatte, wurden im Vorfeld keine Alternativmaßnahmen getroffen. Was zur Folge hatte, dass die Spielerinnen nicht schon am Samstag, sondern erst am Sonntag nach Hause fliegen konnten.

Für eine sachliche Aufarbeitung diente der freie Tag aber nicht. Zu tief noch saß der Schock über das erste deutsche Vorrundenaus bei einer EM überhaupt.

Gerade die Großen enttäuschen

"Die Erkenntnis, dass die EURO für uns zu Ende ist, wird erst in den nächsten Tagen kommen. Ich bin sehr traurig", sagte Spielmacherin Anne Loerper und musste bekennen: "Wir haben es in allen drei Spielen nicht geschafft, das abzurufen, was wir draufhaben."

Bereits zuvor hatte der WM-Siebte gegen Schweden (25:27) und die Niederlande (30:27) mehr Schatten als Licht gezeigt.

Besonders die Hoffnungsträgerinnen wie die zur Welthandballerin nominierte Grit Jurack, Spielmacherin Nina Wörz oder Talent Franziska Mietzner enttäuschten.

London rückt in weite Ferne

Die EM-Pleite hat auch zur Folge, dass die Teilnahme an den Olympischen Spiele 2012 in London in weite Ferne gerückt ist.

In der Qualifikation für die WM 2011 in Brasilien droht der deutschen Equipe nun ein schweres Los. Bei der Weltmeisterschaft in einem Jahr werden die meisten Tickets für Olympia vergeben.

Ob Osmann die Herausforderung annimmt, wird sich bald zeigen. In zehn Tagen will Bredemeier, DHB-Vize für Leistungssport, zusammen mit Osmann das Versagen bei der EM aufarbeiten.

Liga mahnt zur Besonnenheit

Bredemeier kündigte bereits die Fortsetzung des personellen Neuaufbaus an. "Mit einer Rücktrittswelle rechne ich nicht, aber es wird sicher Veränderungen geben", sagte der frühere Männer-Bundestrainer.

Auch Berndt Dugall, der Vorsitzende der Handball-Bundesliga der Frauen (HBF), warnte vor übereilten Entscheidungen.

"Nach diesem Schock ist die Suche nach Schuldigen und etwaigen Konsequenzen noch verfrüht. Aber wir werden bald alles sachlich aufarbeiten und es nicht als Betriebsunfall abhaken", sagte Dugall.

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