Das Gesicht tritt ab: Juracks tränenreicher Abschied
Leipzig - Grit Jurack hängte sich ein Handtuch über die geröteten Augen, ihre Mitspielerinnen machten die Laola-Welle und die Zuschauer würdigten sie stehend mit Beifall.
Mit einem emotionalen Abschied ist die deutsche Rekordnationalspielerin und -torschützin in ihrer Heimatstadt Leipzig von der Handballbühne abgetreten.
Beim 29:20-Testsieg der Nationalmannschaft gegen Tschechien absolvierte die 34-Jährige ihr 306. und letztes Länderspiel im Nationaltrikot.
Wegen einer schweren Schulterverletzung musste die wohl beste deutsche Handballspielerin und Gesicht einer ganzen Sportart im August ihren Rückritt bekannt geben.
"Ich danke allen, die mich auf meinem Lebensweg begleitet haben", sagte Jurack mit tränenerstickter Stimme: "Jetzt freue ich mich auf mein neues Leben. Ich werde dem Handball trotzdem treu bleiben."
Tore Nummer 1580 und 1581
Jurack erzielte am Sonntag in Leipzig ihre Tore 1580 und 1581. Nach dem Abpfiff sah sie sich Arm in Arm mit ihren Teamkolleginnen ein Video mit den besten Szenen ihrer Karriere an.
Vor dem Spiel in ihrer Heimatstadt hatte sich Jurack als erste Frau ins Goldene Buch des DHB eingetragen.
"Ich möchte mich bei Grit Jurack für all das bedanken, was sie in den letzten Jahren für den Handball getan hat", sagte DHB-Präsident Ulrich Strombach, der dem Aushängeschild auch eine Tätigkeit im Verband anbot: "Wenn dein Kind dir Zeit lässt, wirst Du etwas Entsprechendes vorfinden."
Botschafterin für die Heim-WM
Zudem kündigte Strombach an, Jurack als offizielle Botschafterin für die Heim-WM 2017 verpflichten zu wollen.
Auch als "Dankeschön" hatte der DHB Jurack gegen Tschechien ein Abschiedsspiel ermöglicht. Noch einmal war sie im Kreise ihrer alten Weggefährten, noch einmal spürte sie die Atmosphäre der Nationalmannschaft, noch einmal bildete sie mit dem Team vor dem Spiel einen Kreis.
Zur Mannschaftsaufstellung wurde sie einzeln aufgerufen. Das 1:0 erzielte sie dann höchstpersönlich.
Knorpelschaden als Rücktritts-Grund
Eigentlich hatte sie noch eine Saison am Ball bleiben wollen, doch ein Knorpelschaden in ihrer Schulter hatte die "Frau mit der linken Klebe" zum Rücktritt gezwungen. "Das war ein Schock", hatte Jurack gesagt, die eigentlich den Zeitpunkt ihres Rücktrittes selbst wählen wollte.
So wie beim Ende ihrer Nationalmannschaftskarriere, das sie im März bekannt gab, um mehr Zeit für ihren Sohn Lukas zu haben.
Mit dem DHB-Team holte sie zweimal WM-Bronze und nahm 1996 und 2008 an den Olympischen Spielen teil. Mit dem dänischen Klub Viborg HK gewann sie dreimal die Champions League. Insgesamt wurde sie fünfmal zur Handballerin des Jahres in Deutschland gewählt.
DHB-Debüt mit 18 Jahren
Am 23. Januar 1996 hatte sie mit 18 Jahren ihr Debüt in der Nationalmannschaft gegeben.
Mit ihrem außergewöhnlich harten Wurf, ihrer Spielübersicht und vor allem ihren Führungsqualitäten setzte sie internationale Maßstäbe. In ihrer Wahlheimat Dänemark, wo sie seit 2004 mit ihrer Familie lebt, war Jurack ein Star und Sympathieträger.
Ihr erzwungener Rücktritt hatte das handballverrückte Nachbarland geschockt, die Medien berichteten tagelang.
Mittel- und langfristig plant Jurack allerdings wieder die Rückkehr nach Deutschland, Ziel ist ein Job im Sportmanagement. Derzeit arbeitet Jurack bei einem Wohnbauunternehmen in Viborg.