Ende mit Schrecken
Aus Innsbruck berichtet Julian Meißner
Innsbruck - Nicht einmal das Endspiel mag sich Bundestrainer Heiner Brand sich noch anschauen.
"Auf DVD dann", brummte Brand nach dem letzten Spiel seiner Mannschaft bei der Europameisterschaft in Österreich.
"Ich muss abschalten", sagte Brand, dessen Nerven zwar Anspannung gewohnt sind, aber am Donnerstag in Innsbruck doch gewaltig auf die Probe gestellt wurden.
Das 26:26 (16:14) gegen Tschechien war sinnbildlich für das ganze Turnier, das mit dem Endergebnis Platz zehn als Misserfolg gewertet werden muss: Es hätte etwas werden können, es wurde aber nicht.
Sieg vergeben
Deutschland führte gegen die tschechische Legionärs-Auswahl über weite Strecken, hatte in der letzten Spielminute bei Gleichstand Ballbesitz, mit dem siebten Feldspieler eine Überzahl generiert und somit eine nicht allzu kleine Chance auf den verdienten Sieg.
Doch Michael Müller, in Ermangelung des am Knie verletzten Holger Glandorf der einzige Halbrechte im DHB-Kader, spielte den Ball entgegen der Absprache in die Mitte und weg war er.
Tschechen ähnlich tollpatschig
Die Deutschen entgingen sogar nur haarscharf einer äußerst bitteren Niederlage – weil die Tschechen um Turnier-Topscorer Filip Jicha vom THW Kiel sich ähnlich tollpatschig anstellten.
Sie vergaben ihrerseits den Sieg mit der Schlusssirene, weil der Wurf aufs leere Tor am eigenen Mann hängenblieb (Bilder vom Spiel)..
Ein schwacher Trost für Brand: "Leider hat ein Spieler nicht die nötige taktische Disziplin gehabt. Das ist symptomatisch für dieses Turnier, und das ärgert mich am meisten", so der 57-Jährige: "Mit dem Unentschieden kann ich leben."
Müller: "Einfach schlecht"
Der angesprochene Müller gab sich im Gespräch mit Sport1.de dann auch ziemlich zerknirscht: "Wir hatten es selbst in der Hand, zu gewinnen. Am Ende muss ich den Ball nach rechts weiterspielen. In der Szene hat mir die nötige Ruhe gefehlt."
Auch habe er seine Chance, die sich durch den Ausfall Glandorfs ergab, nicht genutzt: "In der zweiten Halbzeit habe ich viel zu viel verschossen. Das war einfach schlecht."
Es fehlt die Konstanz
Bei dem unter dem Strich gerechten Unentschieden führte die deutsche Auswahl erneut vor, zu was sie momentan einfach nicht in der Lage ist: Ein Spiel über 60 Minuten konstant zu bestreiten.
"Das heute war ein Paradebeispiel für die ganze EM", sagte der erneut enttäuschende Kapitän Michael Kraus: "Wir hätten frühzeitig den Sack zumachen können, haben es aber nicht geschafft."
Und wenn selbst Torsten Jansen, der mit 176 Länderspielen der weitaus routinierteste DHB-Akteur ist, in der Nachbetrachtung auf der Suche nach positiven Aspekten anführt, man habe nun "mehr Erfahrung auf der Habenseite", klingt das schon recht verzweifelt.
Kraus erneut blass
Der Lemgoer Kraus, der von einem „lehrreichen Turnier“ sprach, wird sich in Zukunft überlegen, ob er sich noch einmal angeschlagen das Mammutprogramm einer EM aufhalst.
"Ich habe versucht, der Mannschaft zu helfen", meinte "Mimi", der gegen Tschechien torlos blieb und über weite Strecken von der Bank zusehen musste, wie Michael Haaß seine Position bekleidete.
Österreich vor Deutschland
Am Ende blieb dem DHB-Team nicht einmal die Bürde erspart, für das schlechteste deutsche Abschneiden in der EM-Geschichte verantwortlich zu sein.
Spanien besiegte am Abend Slowenien zwar sicher mit 40:32 (20:14). Doch weil Österreich Russland mit 31:30 (17:15) bezwang, rangiert die DHB-Auswahl noch hinter dem Gastgeber. Zweimal hatte der Goldmedaillengewinner von 2004 bereits Platz neun eingenommen (1994, 2000).
Banger Blick nach Wien
Wahrscheinlich wird Heiner Brand am Sonntag, wenn sich der erste Frust etwas gelegt hat, doch nach Wien blicken, wo sich die besten Teams des Kontinents messen.
Am Final-Schauplatz werden dann nämlich auch die Playoff-Paarungen für die WM 2011 in Schweden ausgelost, Deutschland findet sich in einem der Töpfe.
Vielleicht will er sich damit momentan aber noch gar nicht beschäftigen.
Auf die Frage, ob ihm bange sei vor den Qualifikationsspielen, die im Juni ausgetragen werden, meinte Brand: "Ein bisschen Sorge hat man immer."
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