Nach dem Drama liegen die Nerven blank
Von Julian Meißner
München - Schiedsrichterschelte, Verletzungen, Kritik an der medizinischen Versorgung und Verschwörungstheorien: Nach der dramatischen Niederlage der deutschen Handballer bei der WM in Kroatien gegen Norwegen (SPIELBERICHT: Weltmeister verlieren Skandalspiel) liegen die Nerven blank.
24:25 (12:12) hatte der Titelverteidiger am Sonntag in Zadar gegen die Skandinavier verloren und damit den vorzeitigen Einzug ins Halbfinale verpasst.
Am Dienstag kommt es nun gegen Europameister Dänemark zum Showdown - der Sieger der Partie (Dienstag, 17.15 Uhr LIVE) zieht sicher in die Runde der letzten Vier ein.
Den Dänen reicht ein Remis, Deutschland müsste in diesem Fall auf Schützenhilfe der Polen gegen Norwegen hoffen.
Doch das deutsche Team geht schwer gehandicapt in das "Endspiel": Spielmacher und Kapitän Michael Kraus erlitt einen Bänderriss im linken Knöchel, Rückraumschütze Pascal Hens zumindest eine Muskelverhärtung im linken Oberschenkel.
Brand nahe am Eklat
Schwerer wiegen könnte allerdings noch die mentale Verfassung des deutschen Trosses, der nach einigen umstrittenen Entscheidungen die Schuld auch bei den slowenischen Schiedsrichtern Nenad Krstic und Peter Ljubic suchte.
Bundestrainer Heiner Brand war nach Abpfiff gar so aufgebracht, dass er den beiden an den Kragen wollte.
Denn Deutschland hatte Sekunden vor Spielende noch die Chance auf den Ausgleich, ein Remis hätte für das Erreichen des Halbfinales gereicht. Doch die Slowenen, die insgesamt eine schwache Leistung boten, pfiffen das DHB-Team zweimal zurück ohne die Uhr anzuhalten - der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.
"Pommes" schmiedet Verschwörungstheorien
Hens wurde im DSF deutlich: "Es ist echt zum Kotzen! Ich weiß nicht, was die gegen uns Deutsche haben. Vielleicht denken sie, wir sind Weltmeister, und deshalb können sie gegen uns pfeifen."
Brand dürfte sich auf den Fernsehbildern kaum wiedererkennen: Der sonst so besonnene 56-Jährige lief nach Spielschluss mit erhobener Faust auf das Gespann zu, besann sich glücklicherweise aber noch eines Besseren.
Er habe den Schiedsrichter nicht schlagen wollen, erklärte der Trainer später: "Ich war zornig, aber ich wollte nichts machen. Ich habe noch nie jemanden geschlagen, ich wollte mich nur abreagieren."
Auf der Pressekonferenz hatte er sich endgültig wieder gefangen: "Ich kommentiere die Leistung der Schiedsrichter grundsätzlich nicht", sagte er. Die letzte Aktion sei aber "sicherlich diskussionswürdig" gewesen.
Der frühere Weltmeister-Trainer Vlado Stenzel, der in der Halle war, wurde deutlicher. Die "Süddeutsche Zeitung" zitierte ihn mit dem drastischen Satz: "Diese Schiedsrichter sind die letzten Arschlöcher, das ist in Kroatien jedem bekannt."
Heinevetter mit starkem Debüt
Magdeburgs Torhüter Silvio Heinevetter, der mit 41 Prozent abgewehrten Bällen ein bärenstarkes WM-Debüt feierte (STATISTIK: Die Besten der Besten), meinte: "Man sollte es nicht auf die Schiedsrichter schieben. Aber diese zwei haben das ganze Spiel überhaupt keine Linie gehabt."
WM 2011: Wie weit kommt Deutschland?
Und Lemgos Sportdirektor und DSF-Experte Daniel Stephan sagte: "Sie wollten im Mittelpunkt stehen und waren des Spiels nicht würdig."
Kraus trittt Heimreise an
Brand echauffierte sich nicht nur über die letztlich Spiel entscheidende Szene, sondern vor allem über den mangelnden Schutz seiner Rückraumspieler.
Auch Kraus wurde bei seiner unglücklichen Landung, die in der 44. Spielminute zu der Verletzung führte, in der Luft angegangen.
"Ich wurde im Angriff gestoßen, verlor das Gleichgewicht, mein Oberkörper knickte weg, aber mein Fuß blieb stehen. Es hat geknallt, da wusste ich gleich, das war's", beschrieb der Schwabe, der noch am Montag in Deutschland erwartet wird, die Szene.
Brand: "Schwachsinn in der Regelinterpretation"
"Da erwarte ich eigentlich einen starken Schiedsrichter", so Brand bei "RTL". Die mangelnden Zeitstrafen für ähnliche Aktionen seien "ein Schwachsinn in der Regelinterpretation der IHF. Das beobachte ich schon das ganze Turnier über."
Da könne man gegenüber den Schiedsrichtern schon "etwas aggressiver" werden.
Teamarzt prangert mangelnde Versorgung an
Für zusätzlichen Unmut unter der DHB-Delegation sorgte die angeblich mangelnde medizinische Versorgung.
Teamarzt Dr. Berthold Hallmaier ereiferte sich im Falle Kraus: "Ob zwei oder alle drei Bänder gerissen sind, konnten wir leider nicht feststellen. Dafür reichten die medizinischen Geräte wiederum nicht aus."
"Höchst fahrlässig"
Wie schon in der Vorrunde in Varazdin bei der Verletzung von Christian Sprenger sei eine genaue Diagnose aufgrund fehlender medizinischer Gerätschaften nicht möglich gewesen.
"Die medizinische Versorgung ist einer Weltmeisterschaft absolut unwürdig", sagte Hallmaier. "Um einen Gipsverband mussten wir betteln, Krücken waren nicht zu bekommen. So etwas ist höchst fahrlässig."
Gegner Dänemark souverän
Angesichts der Entwicklungen ist das WM-Halbfinale für Deutschland nun plötzlich in weite Ferne gerückt.
Mit einem Sieg gegen Dänemark, das Mazedonien am Sonntagabend souverän mit 32:24 (13:12) besiegte und mit 6:2 Punkten die Tabellenführung in Hauptrunden-Gruppe II übernahm, stünde man zwar unter den letzten vier Teams.
Dort angekommen sind schon Gastgeber Kroatien und Olympiasieger Frankreich.(DATENCENTER: Der WM-Spielplan)
Mammutaufgabe vor der Brust
Für das DHB-Team ist das Spiel gegen breit aufgestellte Dänen angesichts des Ausfalles von Kraus und den Zweifeln an der Einsatzfähigkeit von Hens eine echte Mammutaufgabe.
Brand: "Die Verletzungen werden unsere Chancen sicherlich nicht erhöhen. Aber wir müssen mit der Situation zu Recht kommen."
Zum Forum - jetzt mitdiskutieren
Zurück zur Startseite