Nach Debakel: DHB-Team als Großbaustelle
Mannheim - Martin Heuberger schüttelte den Kopf. Immer und immer wieder.
Wie ein schwer angeschlagener Boxer taumelte der Bundestrainer über das Parkett der Mannheimer SAP-Arena.
Während die neue Sport-Hymne "Tage wie diese" die Pfiffe der Fans am späten Donnerstagabend zumindest kurzzeitig überlagerte, schien Heuberger regelrecht in Trance - ohnmächtig ob der desolaten Vorstellung seiner Handballer beim 27:31 zum Auftakt der EM-Qualifikation gegen das international zweitklassige Montenegro ( Bericht).
Wenig Zeit, die Löcher zu stopfen
Ein harmloser Angriff, schwache Torhüter und eine Abwehr, die ihren Namen in dieser Form nicht verdient - zwei Monate vor der WM in Spanien gleicht Heubergers Team einer Großbaustelle.
Und dem Trainer bleibt nur wenig Zeit, die vielen Löcher zu stopfen. Vor dem zweiten Gruppenspiel bei Handball-Zwerg Israel am Sonntag steht sein Team unter gewaltigem Druck.
"Unsere Leistung war nicht in Ordnung", sagte Heuberger, als er die Fassung wieder gefunden hatte:
"Wir haben klare Chancen nicht genutzt und auch im Gegenstoß einige Bälle weggeschmissen. Dann liegst du plötzlich mit vier, fünf Toren hinten, und dass dann kein Selbstvertrauen da ist, erklärt sich von selbst."
"Keiner hat Normalform gebracht"
Während der Bundestrainer sich alle Mühe gab, die katastrophale Leistung seines Teams mit Worthülsen abzufedern, nahm Spielmacher Michael Haaß kein Blatt vor den Mund.
"Unsere Leistung war der Bedeutung des Spiels nicht würdig. Im Prinzip waren wir chancenlos. Keiner hat Normalform gebracht. Es gab keine Phase, in der wir das Gefühl hatten, wir drehen das Spiel. Mit solch einer Leistung können wir auch bei der WM nicht viel reißen", sagte Haaß und zeigte bei der Analyse der Partie endlich jene Explosivität, die er und das gesamte Team in den 60 Minuten zuvor hatten vermissen lassen.
Aufgescheuchter Hühnerhaufen
Dabei war es in erster Linie die zuvor häufig gepriesene 6:0-Deckung, die gegen biedere Montenegriner auf der ganzen Linie versagte ( DATENCENTER: Die EM-Qualifikation).
Wie ein aufgescheuchter Hühnerhaufen wuselten die Spieler um Abwehrchef und Kapitän Oliver Roggisch über das Parkett, von Kompromisslosigkeit im Zweikampf und einer angemessenen Grundordnung keine Spur.
"Es hat an der nötigen Härte gefehlt. Wir müssen zeigen, dass wir hier zu Hause spielen. Das haben wir nicht gemacht", sagte Haaß.
Scharfe Kritik gegen Torhüter
Heuberger muss sich die Kritik gefallen lassen, warum er erst nach einer guten Dreiviertelstunde auf die offensive und am Ende funktionierende 5:1-Variante wechselte.
"Ob es zu spät war, weiß ich nicht. Aber letzten Endes hat auch das nichts gebracht", sagte Heuberger trotzig.
Ungewöhnlich scharf kritisierte er dagegen seine Torhüter Silvio Heinetter und Carsten Lichtlein. "Ich glaube, wenn wir nur die Torhüter gewechselt hätten, dann hätte es wahrscheinlich für uns gereicht", sagte Heuberger, der für das Israel-Spiel Martin Ziemer nachnominierte und Lichtlein am Freitag aus dem Kader strich. Dieser trat am Freitagmorgen die Heimreise an ( News).
Ohne Glandorf und Kaufmann
Doch auch der Angriff spielte deutlich unter Form und ließ jegliche Torgefahr vermissen. Ohne die pausierenden Holger Glandorf und Lars Kaufmann zeigte sich der Rückraum konzept-, harm- und ideenlos.
Dass dem Team ein Leader, ein Führungsspieler fehlt, wie ihn auch der ehemalige Bundestrainer Heiner Brand zuletzt öffentlich forderte, wurde mal wieder offensichtlich.
Auch ein Schuss Genialität, Kreativität und Unbekümmertheit, wie sie der in Ungnade gefallene Michael Kraus mitbringen würde, geht dem Team in der jetzigen Form vollkommen ab.
Klein fordert "anderes Gesicht"
Am Sonntag geht es in Rishon Le Zion um nicht weniger als die Wiederherstellung der Ehre.
"Jetzt soll die Mannschaft, die dieses Spiel gegen Montenegro gezeigt hat, sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen. Ich glaube schon, dass wir das auch schaffen können", sagte Heuberger.
Und während Linksaußen Dominik Klein "ein anderes Gesicht" forderte, versprach Haaß: "Das Spiel gegen Montenegro wird eine Ausnahme bleiben."