"Von Medaille zu reden wäre vermessen"
Aus Hamburg berichtet Jürgen Blöhs
Hamburg - Zwei Tage nach dem 26:22-Erfolg in Schweden kam die deutsche Nationalmannschaft im zweiten WM-Test gegen die Skandinavier vor eigenem Publikum nicht über ein Remis hinaus.
Christoph Theuerkauf traf drei Sekunden vor der Schluss-Sirene zum 28:28 ( BERICHT: DHB-Team rettet Remis).
"Es war gegenüber dem ersten Spiel ein kleiner Rückschritt. Heute haben ein bis zwei Prozent gefehlt", gab Martin Strobel zu: "Aber das ist in dieser Phase der Vorbereitung normal. Wir arbeiten konzentriert auf den kommenden Samstag hin."
Da startet die DHB-Auswahl gegen Brasilien in die Weltmeisterschaft (11. bis 27. Januar LIVE im TV auf SPORT1 und im LIVESTREAM).
"Haben zum Tore werfen eingeladen"
Während im Angriff viel funktioniert habe, war Strobel mit der Leistung in der Defensive "überhaupt nicht zufrieden. Wir haben die Schweden zu häufig ungehindert aus acht Metern werfen lassen. Das ist natürlich wie eine Einladung zum Torewerfen."
Dieselbe Beobachtung machte auch Bundestrainer Martin Heuberger: "Die Stabilität in der Abwehr hat gefehlt."
Schmerzlich vermisst wurde Abwehr-Chef Oliver Roggisch, der zwar auf der Bank Platz genommen hatte, aber wegen Magen-Darm-Beschwerden geschont wurde.
Ohne "Weltauswahl" zur WM
Roggisch ist neben Keeper Carsten Lichtlein, Dominik Klein und Michael Haaß einer der vier verbliebenen WM-Helden von 2007 im DHB-Kader ( Kader komplett: Heuberger setzt auf Lichtlein).
Mit den noch in der Bundesliga aktiven Johannes Bitter, Christian Sprenger, Torsten Jansen, Pascal Hens, Holger Glandorf, Christian Zeitz, Lars Kaufmann und Michael Kraus hat in der jüngeren Vergangenheit quasi eine Welt-Auswahl den Abschied aus der Nationalmannschaft erklärt, findet unter Heiner-Brand-Nachfolger Heuberger keine Berücksichtigung mehr oder musste verletzt passen.
Nach dem Absturz vom WM-Thron 2007 zur verpassten Olympia-Qualifikation 2012 befindet sich die deutsche Mannschaft im Neuaufbau.
Belege dafür gab es viele in den beiden Partien gegen den jeweils viermaligen Welt- und Europameister Schweden. Nur drei Spieler im DHB-Kader können auf die Erfahrung von über 100 Länderspielen zurückgreifen.
Kein Spieler vom Meister 2011 im Kader
In Hamburg stand kein Spieler des Deutschen Meisters von 2011 auf dem Parkett. Nebeneffekt: Bei der Präsentation des Gäste-Teams bekamen Andreas Nilsson und Fredrik Petersen besonderen Applaus der Zuschauer. Beide laufen in der Bundesliga für den HSV auf.
Auch Triple-Gewinner THW Kiel stellt mit Patrick Wiencek und Klein nur zwei Spieler im neu formierten Team. Den stärksten Block stellt mit der HSG Wetzlar ein Klub, der nicht in einem europäischen Wettbewerb spielt.
Drei Hessen stehen stellvertretend für die "jungen Wilden". Tobias Reichmann, Kevin Schmidt und Steffen Fäth kommen gemeinsam gerade mal auf 14 Länderspiele. Ein weiteres kommt am Mittwoch hinzu, wenn Deutschland gegen Rumänien (ab 20 Uhr LIVE im TV auf SPORT1) seine Generalprobe bestreitet.
Anzahl der Länderspiele egal
Für Spielmacher Michael Haaß kein Grund zur Beunruhigung: "Es spielt keine Rolle, ob jemand sein erstes oder 100 Länderspiel hat. Die jungen Spieler sammeln in der Bundesliga Woche für Woche Erfahrung auf höchstem Niveau."
Das stellen sie auf dem Spielfeld unter Beweis. In seinem erst zweiten Länderspiel übernahm Schmidt am Siebenmeterpunkt die Verantwortung und war mit vier Treffern gemeinsam mit seinem Vereinskameraden Reichmann und dem erfahrenen Adrian Pfahl bester Schütze beim 28:28.
"Lange nicht so gute Stimmung"
"Ich habe lange nicht so eine gute Stimmung in der Nationalmannschaft gespürt", sagte Strobel. Und Heuberger sieht sein Team als ein "gutes Kollektiv".
"Eine Startformation kristallisiert sich heraus", sagte Heuberger SPORT1, "aber bei den täglich neuen Hiobsbotschaften weiß man nie was passiert." Besonders der verletzungsbedingte Ausfall von Uwe Gensheimer, Torschützenkönig der Saison 2011/12, sei für die Mannschaft ein Schock gewesen.
"Achtelfinale ist erreichbar"
Nach der verpassten Olympia-Teilnahme sind die Titelkämpfe in Spanien für Heuberger mehr als nur eine "WM zum Lernen. Das Selbstvertrauen kommt hoffentlich durch gute Spiele in der Vorrunde", hofft der Bundestrainer ( DATENCENTER: Die WM in Spanien).
"Das Achtelfinale ist erreichbar", gibt Heuberger als Ziel vor und warnt gegenüber SPORT1 vor zu hohen Erwartungen: "Es wäre vermessen zu sagen, dass wir um Medaillen spielen werden."