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Christian Schwarzer wurde bei der WM 2003 zum wertvollsten Spieler des Turniers gewählt © imago

Im Interview der Woche spricht Christian Schwarzer vor der WM über die deutschen Aussichten in Horror-Gruppe A und ein Luxusproblem.

Von Rainer Nachtwey

München - Die Generalprobe der deutschen Nationalmannschaft auf Island ging in die Hose.

Doch trotz der beiden Niederlagen gegen den EM-Dritten ist Christian Schwarzer, Weltmeister von 2007, vor dem Start in die 22. WM in Schweden (Do., ab 20 Uhr LIVE im TV auf SPORT1) nicht bange.

"Es waren Tests, bei denen der Bundestrainer viel ausprobiert hat", sagt der 310-malige Nationalspieler bei SPORT1.

Der Auswahl von Heiner Brand traut der heutige DHB-Jugendkoordinator viel zu. (DATENCENTER: Der WM-Spielplan)

Im Interview der Woche spricht Schwarzer über die "Todes-Gruppe" A, das Luxusproblem im Tor und seine Favoriten.

SPORT1: Herr Schwarzer, wie sehen Sie die Verfassung der Nationalmannschaft nach den Testsspielen gegen Schweden und zweimal Island?

Christian Schwarzer: Sie ist soweit okay. Man hat zwar zweimal verloren, aber die Ergebnisse sind eher zweitrangig. Es ging darum auszuprobieren, um dann für alle Eventualitäten gerüstet zu sein. Die Mannschaft ist - da auch alle fit sind - auf einem recht guten Weg.

SPORT1: Wie weit hat sich die Mannschaft hinsichtlich der Abwehrformationen 5:1 und 6:0 entwickelt?

Schwarzer: Gegen Schweden hat die 5:1 recht gut funktioniert. Auf Island hat Brand mit den kleineren Außenspielern auf den Halbpositionen etwas offensiver 6:0 verteidigen lassen. Das hat mir auch gut gefallen. Im Angriff sind noch Dinge, die verbessert werden müssen.

SPORT1: Was genau?

Schwarzer: Es gibt noch Abstimmungsprobleme, den Spielern unterlaufen viele leichte Fehler. Die Laufwege und Passwege müssen verfeinert werden.

SPORT1: Bringt die Diskussion um Torsten Jansen Unruhe in die Mannschaft?

Schwarzer: Ich denke nicht. Die Entscheidung ist offenbar gefallen und fertig. Es waren drei Außen, eine Luxussituation für den Bundestrainer.

SPORT1: Wie sehen Sie den Zusammenhalt in der Mannschaft?

Schwarzer: Der ist sehr, sehr gut. Ich habe mich nach dem Schweden-Länderspiel im Hotel davon überzeugen können. Die Stimmung ist top, da passt alles. Das hat Deutschland immer stark gemacht, dass man über das Team Schwächen kompensieren konnte. Das muss auch bei dieser WM wieder der Weg sein.

SPORT1: Wie sehen Sie die Kreisläufer-Position im Vergleich zur internationalen Konkurrenz besetzt?

Schwarzer: Wir haben dort mit Basti (Sebastian Preiß, Anm. d. Red.) und Jacob (Heinl, Anm. d. Red.) ein gutes Duo. Man sollte beide nicht mit einem Igor Vori, Bertrand Gille oder Marcus Ahlm vergleichen. Wir müssen das als Mannschaft ausgleichen. Auf einzelnen Positionen sind andere Nationen sicherlich besser besetzt. (WM-Aus? Dänemark vorerst ohne Kreisläufer Knudsen)

SPORT1: Ein Luxusproblem hat der Bundestrainer bei den Torhütern: Jogi Bitter oder Silvio Heinevetter, wen sehen Sie im Vorteil? Oder kann sogar Carsten Lichtlein die Nummer 1 werden?

Schwarzer: Wie Sie schon sagen, hat der Bundestrainer ein Luxusproblem. Da braucht er sich sicherlich die wenigsten Sorgen machen. Ich denke nicht, dass er eine klare Nummer eins positioniert, sondern er wird von Gegner zu Gegner schauen, welcher Torwart besser passt. Wer dann im Tor steht, wird der Bundestrainer sicher aus dem Bauch heraus entscheiden.

SPORT1: Was trauen Sie der deutschen Mannschaft zu?

Schwarzer: Es sind alle fit, ich hoffe, dass bleibt auch so. Wenn man gut ins Turnier kommt und Selbstvertrauen sammelt, dann ist auch das Erreichen des Halbfinals möglich. Man hat zwar eine schwere Vorrundengruppe mit den beiden stärksten afrikanischen Mannschaften und mit Frankreich und Spanien. Aber für uns war es eigentlich immer besser, eine schwere Gruppe in der Vorrunde zu haben und sich da durchsetzen zu müssen. Wir haben uns mit schweren Gegnern immer leichter getan - auch wenn es sich komisch anhört.

SPORT1: Was braucht die deutsche Mannschaft, um Weltmeister zu werden?

Schwarzer: Da muss alles funktionieren. Der Grundstein ist eine gute Abwehr mit super Torhütern. Das haben die Franzosen bei den letzten drei großen Turnieren gezeigt: Beste Abwehr, bester Torwart. Dazu hatten sie mit Karabatic, Narcisse, Abalo und wie sie alle heißen die nötige individuelle Klasse. Wir müssen das als Mannschaft kompensieren. Und dann müssen wir uns über den Angriff nicht viele Gedanken machen. Wenn wir wenige Tore kriegen, brauchen wir vorne nicht so viele schießen.

SPORT1: Ist Frankreich wieder der absolute Topfavorit?

Schwarzer: Ich bin gespannt, wie sie die Ausfälle kompensieren können. Ein Narcisse, vor allem vorne im Angriff, ein Guillaume Gille in der Abwehr, das sind ganz wichtige Eckpfeiler. Nichtsdestotrotz strotzen sie vor Selbstvertrauen und sind allen anderen Nationen einen kleinen Schritt voraus. Dahinter gibt es dann sechs bis acht Mannschaften, die an guten Tagen jeden schlagen können.

SPORT1: Ist das dritte Gruppenspiel gegen Spanien das entscheidende um Platz zwei hinter Frankreich?

Schwarzer: Vom Papier her musst du die Afrikaner schlagen. Darauf wird es wohl auch hinauslaufen, wenn es nicht große Überraschungen gibt. Die Hauptrunde dürften dann Frankreich, Spanien und Deutschland erreichen. Dort wären zwei Punkte natürlich sehr hilfreich, besser sogar vier. Aber das heißt, du musst mindestens einen der beiden schlagen. Spanien ist eine recht junge Mannschaft, aber auch eine gierige, die unbedingt was erreichen möchte.

SPORT1: Wen zählen Sie zu den Mannschaften hinter Frankreich? (Der SPORT1-Favoriten-Check)

Schwarzer: Kroatien, Polen, Island, Dänemark. Wir gehören dazu. Auch die Norweger haben gezeigt, dass sie jeden schlagen können. Ich glaube auch, dass es wieder die eine oder andere Überraschung geben wird.

SPORT1: Haben Sie da eine bestimmte Mannschaft im Blick?

Schwarzer: Auf die Afrikaner muss man immer aufpassen. Die Spielweise kann manchmal sehr unkonventionell und unangenehm sein - gerade für uns Europäer. Deshalb weiß man nicht so recht, was da auf einen zukommt. Die spielen auch mal eine Manndeckung über das ganze Feld.

SPORT1: Ein Wort zum WM-Gastgeber: Wie schätzen Sie die Schweden mit der Unterstützung der Fans ein?

Schwarzer: Wir haben bei uns 2007 im eigenen Land am eigenen Leib erfahren, was die Fan-Unterstützung bewirkt. Damals waren wir - wie die Schweden jetzt - auch nicht der Topfavorit. Aber man hat gesehen, was im eigenen Land möglich ist, wenn man mitgerissen wird. Deshalb zähle ich auch die Schweden zu den ganz heißen Kandidaten auf das Halbfinale.

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