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Claude Onesta trat bei der "Equipe tricolore" 2001 das Erbe von Daniel Constantini an © getty

Frankreichs Coach ist Reizfigur und Erfolgsmagnet zugleich. Vor dem Prestige-Duell warnt er seine Überflieger vor dem DHB-Team.

Aus Schweden berichtet Julian Meißner

Kristianstad - Monsieur beißt nicht, ganz im Gegenteil. Sogar zu Scherzen ist Frankreichs meist überaus grimmig wirkender Nationaltrainer aufgelegt.

"Ach, Deutschland spielt auch mit?", brummt Claude Onesta, als er von SPORT1 am WM-Spielort in Kristianstad nach dem nächsten Gegner seines Teams gefragt wird. (DATENCENTER: Der WM-Spielplan)

Das handballerische Verhältnis der beiden Nationen ist - gelinde gesagt - etwas angespannt.

Nach zahlreichen denkwürdigen Duellen sind Begegnungen der Nachbarn, noch dazu bei großen Turnieren, immer etwas Besonderes. So auch das für Deutschland so wichtige Aufeinandertreffen in Gruppe A am Mittwoch (ab 18 Uhr im LIVE-TICKER).

(Jetzt auch um 12 und 13 Uhr: die SPORT1 News)

Kein Freund von Brand

Unvergessen ist das dramatische Halbfinale der WM 2007, als Deutschland nach zweimaliger Verlängerung siegte, auch dank teilweise unverständlicher Schiedsrichterentscheidungen des schwedischen Gespannes Hakansson/Nilsson.

Onesta boykottierte anschließend die Pressekonferenz und erhob sogar Betrugsvorwürfe. "Es ist eine Mafia", wütete er damals über den angeblich überbordenden Einfluss des deutschen Handballs beim Weltverband IHF.

Spätestens seitdem ist auch die Beziehung zu Heiner Brand zerrüttet. "Onesta hat seine Freunde, ich habe meine", sagte der deutsche Nationalcoach einst über seinen Trainerkollegen.

Onesta lobt Torleute

Von einem Wutausbruch ist der der 53-jährige Onesta im Gespräch mit SPORT1 allerdings weit entfernt. Überaus geduldig und freundlich steht er Rede und Antwort.

"Es ist zwar ein junges Team, aber die Spieler haben bereits eine Menge Erfahrung", meint Onesta über die DHB-Auswahl. Und auch er kann sich einen Blick in die Vergangenheit nicht verkneifen: "Gegen Frankreich liefert Deutschland immer große Spiele ab."

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Einzelne Schlüsselspieler will er nicht ausgemacht haben, sagt aber respektvoll: "Die Torhüter sind beide sehr stark."

Rekord für die Ewigkeit

Dabei haben die Franzosen keinen Gegner auf dieser Welt zu fürchten, was auch Verdienst des Mannes mit der tiefen Stimme ist.

Ohne Onesta, dessen Cousin Gerard für die französischen Grünen im Europaparlament sitzt, wäre der Handball der "Grande Nation" nicht dort, wo er heute ist: auf dem Gipfel, und zwar alleine.

Weltmeister, Europameister und Olympiasieger mit einem Team, das hatte zuvor nur die russische Trainerlegende Wladimir Maximow geschafft. Alle drei Titel gleichzeitig, das ist bislang Onesta vorbehalten und scheint ein Rekord für die Ewigkeit zu sein.

Großer Respekt

Dementsprechend groß ist der Respekt der Spieler vor dem Coach, der die "Equipe tricolore" 2001 von Daniel Constantini übernahm.

[kaltura id="0_yt69l7mr" class="full_size" title=" Alle wollen uns schlagen "]

"Er hat immer offene Ohren für uns. Es kommt nicht von ungefähr, dass wir mit ihm so viel Erfolg hatten", sagt der verletzte Guillaume Gille in der "Handballwoche" über Onesta.

Und Bruder Bertrand präzisiert: "Er weiß ganz genau über unsere Bedürfnisse Bescheid. Er hat keine Angst, uns in Ruhe zu lassen. Auch wenn es brennt, hat er Vertrauen in uns. Es ist in sehr respektvolles Verhältnis."

Ohne Narcisse und Gille

Guillaume, der ältere des Brüderpaars in Diensten des HSV, musste die WM aufgrund einer Wadenverletzung absagen.

Neben dem Rückraum-Routinier wird auch Sprungwunder Daniel Narcisse vom THW Kiel aufgrund eines Kreuzbandrisses schmerzlich vermisst.

Doch Onesta will bei der Jagd nach dem nächsten Titel keine Ausreden gelten lassen. "Man muss immer Lösungen suchen mit den Spielern, die man zur Verfügung hat und nicht über die jammern, die man nicht hat. Wir machen das Beste aus der Situation."

Ohnehin rücken Talente wie Montpelliers William Accambray oder Xavier Barachet aus Chambery nach und ergänzen den Kader um die Ausnahmekönner Nikola Karabatic, Thierry Omeyer, Michael Guigou oder Luc Abalo.

"Probleme im Angriff"

"In der Defensive haben wir bislang sehr gut gespielt, hatten dafür aber einige Probleme im Angriff", meint Onesta, dessen Team nach drei siegreichen Partien - zuletzt ein 41:17 gegen Bahrain - vorzeitig in der Hauptrunde steht:: "Wir müssen unsere Präzision erhöhen."

Und auf das Spiel gegen den Erzrivalen bezogen: "Es ist immer sehr schwer, gegen Deutschland zu gewinnen. Wir werden auf höchsten Niveau spielen müssen, um das zu schaffen."

Man kann ihm glauben, oder auch nicht. Hin und wieder ist Monsieur Onesta schließlich zu Scherzen aufgelegt.

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