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Filip Jicha vom THW Kiel ist Welthandballer des Jahres 2010 © imago

Filip Jicha spricht bei SPORT1 über seine Kritik an DHB-Spielern, seine WM als Fan und die Option, für Deutschland aufzulaufen.

Aus Schweden berichtet Julian Meißner

Malmö/München - Seinen einzigen Auftritt bei der WM in Schweden hatte Filip Jicha am Finaltag. Allerdings in Zivil.

IHF-Präsident Hassan Moustafa ehrte den Rückraumspieler vom THW Kiel im Rahmen des Endspiels von Malmö als Welthandballer.

Den Krimi zwischen Frankreich und Dänemark verfolgte er von der Tribüne aus, um eine Trophäe und einen Scheck über 10.000 Euro reicher. Seine Tschechen hatten die Qualifikation zur Endrunde aufgrund eines einzigen Tores verpasst.

Bei SPORT1 spricht Jicha über seine WM als Fan und erklärt seine Kritik am deutschen Team.

SPORT1: Herr Jicha, wie war es, die WM als Zuschauer zu verfolgen?

Filip Jicha: Am Anfang hat es weh getan, aber so ist das Sportlerleben. Wir waren in der Qualifikation zu schwach. So konnte ich mich etwas ausruhen, zumindest was den Spielstress angeht.

SPORT1: Alfred Gislason hat die Zeit also genutzt?

Jicha (lacht): Ja, in Sachen Training kann ich nicht von Ausruhen sprechen. Danach habe ich zu Hause immer den Fernseher eingeschaltet.

SPORT1: Wie bewerten Sie das Niveau des Turniers?

Jicha: Die ersten Spiele fand ich klasse. Dann wurden die Ergebnisse etwas schwächer, es sind wenig Tore gefallen. Die Mannschaften haben aber wieder angezogen und mit vollem Tempo gespielt. Ich war teilweise schon begeistert. Bei Dänemark gegen Kroatien zum Beispiel hat es mich nicht auf dem Sofa gehalten. Sensationeller Handball.

SPORT1: Haben Sie neue Entwicklungen gesehen?

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Jicha: Ehrlich gesagt habe ich als Fan zugeschaut. Ohne den Druck, etwas über den Gegner einstudieren zu müssen. Manche Trickwürfe, gerade Dreher sind schon unfassbar. Aber ich habe keinen kritischen Blick auf die taktischen Varianten geworfen, sondern eher genossen. Und man fiebert natürlich mit den Bekannten und Freunden mit.

SPORT1: Hat sich ein Spieler als neuer Welthandballer aufgedrängt?

Jicha: Nikola Karabatic war wieder sensationell. Und Xavier Barachet, der Linkshänder der Franzosen, hat mich begeistert. Auf dieser Position hatten sie in der Vergangenheit zu kämpfen, aber er macht das super. Er spielt, als ob er schon Jahre dabei wäre. Dänemarks Torhüter Niklas Landin hat großen Anteil daran, dass sein Team ins Finale gekommen ist. Das sind sehr junge Spieler, die den Handball prägen werden.

SPORT1: Wie haben Sie die deutsche Mannschaft gesehen?

Jicha: Die schwächsten Spiele gegen Norwegen, Ungarn und Argentinien habe ich nicht gesehen. Dafür aber gegen Spanien und Frankreich. Es wird nun viel geschrieben, aber man muss realistisch sehen, was man aus der Mannschaft herausholen kann. Als sie Island geschlagen haben, wurde das in den deutschen Medien so präsentiert: Endlich mal! Aber das war an der Grenze. Solch eine Leistung zehnmal in zwei Wochen abzurufen, ist nicht einfach.

[kaltura id="0_fex765qe" class="full_size" title="Karabatic Ich kann es noch nicht fassen "]

SPORT1: Waren die Erwartungen also überzogen?

Jicha: Vielleicht war ein bisschen mehr drin, aber ans Halbfinale konnte man dieses Jahr leider nicht denken. Den Spielern sollte man keinen Vorwurf machen, sie haben ihr Bestes gegeben. Aber unter Druck sind sie in eine Krise geraten.

SPORT1: Es war zu lesen, Sie hätten gesagt, einigen Deutschen würde es reichen, der Berühmteste zu sein.

Jicha: Ich wüsste gerne, woher dieses Zitat kommt. Mit mir hat zu diesem Zeitpunkt keiner gesprochen. Aber egal: Mir tut es jedenfalls leid, wie die Spieler in den Medien präsentiert wurden. Das schadet den Jungs und verunsichert sie. Kein Sportler schafft es, gar keinen Blick in die Zeitung oder ins Internet zu werfen. Vieles war dabei nicht objektiv. Manchmal sind die Nationalspieler sicher ein bisschen zu fokussiert auf die Medien. Es ist aber auch Aufgabe der Führungsebene, das abzustellen und zu sagen: Jungs, jetzt konzentrieren wir uns auf Handball.

SPORT1: Die Kritik war also ungerecht?

Jicha: Auf dem Spielfeld wurde oft in der richtigen Situation geworfen, aber kein Tor erzielt. Dem Spieler werden in den Medien heftige Vorwürfe gemacht. Dann trifft einer mit Glück aus 14 Metern über drei Leute im Block, und alle jubeln.

SPORT1: Ist es ein Problem, dass die Deutschen sich nicht fernab der Heimat beweisen müssen?

Jicha: Das glaube ich nicht. Die Spanier spielen ja auch alle zu Hause. Und Deutschland wurde 2007 Weltmeister. Für einen Ausländer ist es natürlich etwas anderes. Man entdeckt eine andere Seite in sich, eine neue Sprache, eine andere Mentalität. Das ist ein Vorteil im Leben. Aber auf dem Feld ist dieser Vorteil sehr begrenzt.

SPORT1: Sehen wir Tschechien bei der EM 2012 in Serbien?

Jicha: Das hoffe ich! Vom Papier her sollten wir und Norwegen den Sprung schaffen. Jedoch sollte man bei uns nicht zu optimistisch sein, sonst geht es wieder in die Hose.

SPORT1: Sie sind schon so lange in Deutschland, sprechen die Sprache perfekt, und der DHB hat ein Problem im Rückraum. Können Sie sich vorstellen, für Deutschland zu spielen?

Jicha (lacht): Die Frage taucht in letzter Zeit häufiger auf. Aber ich sehe das gar nicht so, dass Deutschland ein Rückraum-Problem hat. Und ich bin und bleibe Tscheche. Ich spiele zwar in Deutschland und fühle mich sehr wohl in Kiel. Aber das ist ein professionelles Leben. Nach meiner Rückkehr nach Tschechien würde ich auch gerne noch ein paar Jahre in meiner Heimat spielen.

SPORT1: In der Meisterschaft wird es dieses Jahr schwierig für den THW. Worauf liegt nun der Fokus - Pokal und Champions League?

Jicha: Nein, auf keinen Fall. Das Ziel ist das nächste Spiel. Wir sind fünf Punkte hinter Hamburg - wenn wir da noch eine Chance haben wollen, müssen wir alles gewinnen. Das wird nicht einfach. Was ich versprechen kann ist, dass wir nicht aufgeben. Es werden noch drei intensive Monate, da kann noch einiges passieren.

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