vergrößernverkleinern
Jerrome Fernandez (M.) reckt nach dem Sieg den WM-Pokal in die Höhe © getty

Frankreich zerstört in Kroatien eindrucksvoll alle Träume vom Gewinn der Heim-WM. Nikola Karabatic peilt schon Neues an.

Von Julian Meißner

München/Zagreb ? Da standen sie, die kroatischen Spieler, die eigentlich hätten Weltmeister werden sollen, und holten sich ihre Silbermedaille ab.

Es war ein trauriger Anblick, wie sie den kleinen Pokal emotionslos von einem zum anderen reichten.

"Ich fühle mich wie ein kleines Kind, dem man das Spielzeug geklaut hat", erklärte Nordhorns Goran Sprem im DSF seine Gefühlslage.

Glaubte er wirklich, ihm hätte das edelste der Metalle schon gehört, bevor das Endspiel angepfiffen wurde?

Gold ging jedenfalls an Frankreich. Die Kroaten unterlagen im Endspiel von Zagreb dem Olympiasieger mit 19:24 (12:11) und zogen damit gegen die unbestritten beste Mannschaft der Welt den Kürzeren.

Kroatiens achter Mann

Einzig das Publikum als achter Mann hätte den Kroaten zum Titelgewinn im eigenen Land verhelfen können, so wie es 2007 in Deutschland geschah.

Damals besiegte der Gastgeber Frankreich gleich zweimal, auch wenn "Frankreichs Leistungsfähigkeit damals wie heute weit von unserer entfernt war", wie Bundestrainer Heiner Brand vor der WM im Gespräch mit Sport1.de sagte.

Der Publikumsjoker stach diesmal nicht. Nach einer ausgeglichenen ersten Halbzeit spielte das Team von Erfolgstrainer Claude Onesta im zweiten Durchgang seine ganze Klasse und vor allem Nervenstärke aus (Spielbericht: Franzosen mit Nerven aus Stahl zum WM-Titel).

"Große Abwehrleistung"

Daniel Narcisse, der in der entscheidenden Phase mit drei Treffern in Folge den Grundstein zum Sieg legte, sagte: "Heute hat alles geklappt. Wir wussten, dass es ein hartes Spiel werden würde. Schließlich stand das ganze Land hinter der kroatischen Mannschaft."

Und das Entscheidende: "Wir haben eine große Abwehrleistung abgeliefert." Die Defensivreihe um Ciudad Reals Hünen Didier Dinart agierte so kraftvoll, geschmeidig und schnell, dass die Kroaten in der Schlussphase nur noch durch Einzelaktionen Erfolg hatten.

Sprem erkannte: "Frankreich war die bessere Mannschaft. Wir haben nicht gut Handball gespielt, das ist das Problem."

Druck zu groß

Vor allem die beiden Spielmacher Ivano Balic und Domagoj Duvnjak erreichten nie Normalform.

Superstar Balic wohl, weil er das ganze Turnier schon nicht fit war und Duvnjak (20) wohl, weil der Druck, siegen zu müssen, für sein juveniles Alter einfach zu groß war.

Dass das gesamte Team von Trainerlegende Lino Cervar am Ende überfordert war, manifestierte sich im unrühmlichen Abgang von Turnier-MVP Igor Vori.

Als Gold entglitten war, ließ sich der begnadete Kreisläufer zu einer Beinahe-Tätlichkeit gegen die dänischen Schiedsrichter Olesen/Pedersen hinreißen, deutete einen Wurf in das Gesicht des einen Referees an, und ging mit Rot vom Platz. "Ich hoffe, wir haben heute niemanden enttäuscht", sagte Vori.

"Wir konnten nicht mehr"

Und Cervar erkannte: "Wir haben bis zur 50. Minute mitgehalten. Danach konnten wir nicht mehr."

Die Franzosen spielten nach Abpfiff ihre Routine beim Feiern aus. Nikola Karabatic, dessen Trophäenschrank bald aus allen Nähten platzen dürfte, sagte: "Es ist einfach so schön, Titel zu gewinnen. Es ist so schön, dabei in die Augen deiner Kumpels zu schauen. Das kann man gar nicht beschreiben. Titel bleiben für immer. Deswegen will ich immer etwas Neues gewinnen."

Guigou nervenstark

Sein Klubkollege vom THW Kiel, der erneut überragende Torhüter Thierry Omeyer, versuchte sich in einer Analyse des Geschafften: "Wir waren sehr ruhig, auch als wir zurücklagen. Und Michael Guigou und Daniel Narcisse waren heute extrem stark."

Das traf es auf den Punkt. Guigou verwandelte trotz des konstanten Pfeifkonzerts, das die 15.200 Zuschauer in der Arena Zagreb veranstalteten, sieben von sieben Siebenmetern eiskalt und traf zudem noch dreimal aus dem Feld.

Karabatic weiter titelhungrig

Kurz nach Abpfiff dachte Karabatic, dessen Absichten über einen Wechsel zu den Rhein-Neckar Löwen die gesamte WM für Wirbel gesorgt hatten, sogar schon wieder über neue Titel nach: "Jetzt werde ich mit Kiel in der Champions League, der Bundesliga und im Pokal angreifen."

Nur als er auf seine Wechselabsichten angesprochen wurde, hielt er sich zurück.

Wo er denn jetzt hingehe? "Ich gehe jetzt feiern. Dann wird man sehen."

Zum Forum - jetzt mitdiskutierenZurück zur Startseite

teilentwitternteilenE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel