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Matthias Witthaus spielte bei Atletico Terrassa und Real Club de Polo de Barcelona © imago

Witthaus spricht bei SPORT1 über die EM, den Heimvorteil und ein mögliches Aus gegen "nicht besonders sympathische" Spanier.

Von Annette Bachert

München - Für die deutschen Hockey-Herren wird es wieder ernst.

Die Europameisterschaft in Mönchengladbach (20. bis 28. August) steht an, und an die Erwartungen sind groß. Schließlich holten die Männer 2003 den letzten EM-Titel für Deutschland.

"Puh, das ist ja schon ganz schön lange her", findet DHB-Stürmer Matthias Witthaus (DHB-Aufgebot). Bei der WM 2010 reichte es schließlich auch "nur" zu Silber.

Viel wichtiger als der EM-Titel ist aber die direkte Qualifikation für die Olympischen Spiele 2012. Nur die vier Halbfinal-Teilnehmer erhalten das Ticket nach London.

Rekordnationalspieler Witthaus spricht im SPORT1-Interview über seine Rolle als Routinier, die Ziele bei der EM, den Heimvorteil und ein mögliches Vorrunden-Aus gegen "nicht besonders sympathische" Spanier.

SPORT1: Herr Witthaus, der letzte EM-Titel ist acht Jahre her. Sind Sie bereit, ihn wieder nach Deutschland zu holen?

Matthias Witthaus: Puh, das ist ja schon ganz schön lange her. Und der letzte Titel ist auch schon drei Jahre her. Es wird also wieder Zeit. Wir sind richtig heiß darauf, wieder einen Titel zu holen. Und ich besonders. Ich war bei den EM-Titeln 1999 und 2003 dabei und würde auch das dritte Mal gerne diesen Titel holen. Schließlich wird das meine letzte EM sein.

SPORT1: Wie lief die Vorbereitung?

Witthaus: Die Vorbereitung war ziemlich durchwachsen. Wir haben oft nicht an unserer Leistungsgrenze gespielt. Aber im letzten Test gegen England war das schon sehr gut und wir hoffen, dass wir uns noch einmal richtig steigern können.

SPORT1: War die Vorbereitung anders als in den Jahren zuvor?

Witthaus: Grundsätzlich ist jede Vorbereitung etwas anders, weil sich die Mannschaft und die entsprechende Rollenverteilung ändern. Aber wir sind auf einem guten Weg.

SPORT1: Welche Rolle kommt denn auf Sie als Routinier zu?

Witthaus: Abgesehen von den Torhütern bin ich nun der älteste Spieler im Team. Aber das Alter ist nicht entscheidend. Ich sehe mich als jemanden, der die Mannschaft mit meinem Willen mitreißen kann und den jungen Spielern ein wenig den Weg weisen kann. Aber ich bin auch ein Stürmer und will für die nötigen Tore sorgen und attraktives, kreatives Hockey am Kreis zeigen.

SPORT1: Wie ist das Verhältnis zu den jungen Spielern, die teilweise fast zehn Jahre jünger sind?

Witthaus: Also ich sehe mich da nicht in einer Art Vaterrolle. Aber es ist schon so, wenn einer ein Tief hat, dass ich den zur Seite nehme und ihm gut zurede. Beispielsweise Flocke Fucks (Anmerk. der Red.: Florian Fuchs) ist ein ganz junger Spieler, von dem ich sehr viel halte. Lange Jahre war ich immer der Jüngste und nun hat sich das gedreht.

SPORT1: Zum dritten Mal in sechs Jahren findet ein großes Turnier in Deutschland statt. Ist das noch etwas Besonderes?

Witthaus: Ja total. Ich freue mich sehr auf das Turnier, besonders weil es in Deutschland stattfindet. Auch noch in Mönchengladbach, wo wir 2006 Weltmeister geworden sind. Das war ein Riesen-Turnier mit unglaublicher Stimmung. Und ich glaube, auch anhand der Kartenverkäufe und Medienpräsenz, dass es in diesem Jahr ähnlich werden kann. Für uns Spieler ist so ein Heim-Turnier emotional etwas ganz Besonderes.

SPORT1: Wie sieht es mit dem Heimvorteil aus?

Witthaus: Den gibt es auf jeden Fall. Wenn wir den Zuschauern zeigen, dass wir absolut motiviert sind, werden die Zuschauer auch wieder da sein und dann haben wir einen klaren Vorteil. Das verpufft auch nicht, nur weil die großen Turniere öfter in Deutschland stattfinden.

SPORT1: Bei der Champions Trophy im letzten Jahr enttäuschten sie vor heimischem Publikum. Ist das noch in den Köpfen? Ist da Widergutmachung angesagt?

Witthaus: Auf gar keinen Fall. Das spielt keine Rolle mehr. Die Mannschaft hat sich verändert und weiterentwickelt. Im Jahr 2010 war unser großes Ziel die WM, da haben wir dann auch Silber geholt. Insofern hatte die Champions Trophy, auch wenn diese in Deutschland ausgetragen wurde, keine so hohe Wertigkeit. Aber jetzt wollen wir den Leuten natürlich wieder zeigen, was wir eigentlich können und erfolgreich sein.

SPORT1: Erfolgreich sein, klar. Aber wie lautet denn die genaue Zielsetzung?

Witthaus: Wir wollen auf jeden Fall zu den Olympischen Spielen und dafür müssen wir ja das Halbfinale erreichen. Aber für mich gibt es nur ein Ziel, und das ist ganz klar, in Deutschland Europameister zu werden. Aber wir haben in der Vorrunde mit Belgien und Spanien zwei ganz schwere Gegner, an denen man wirklich scheitern kann. Das kann passieren.

Gegen solche Gegner kommt es auch immer auf die Tagesform an. Aber wir können das packen. Wenn das nicht klappt, wäre das schon eine echte Katastrophe und die Enttäuschung groß - für uns aber auch für alle anderen. Aber wir haben uns diese Ziele gesetzt, weil wir wissen, dass wir sie erreichen können.

SPORT1: Sie haben die Spanier angesprochen, die Deutschland 2005 und 2007 im eigenen Land jeweils im Halbfinale ausgeschaltet haben . Herrscht da eine besondere Rivalität?

Witthaus: Das ist schwer zu sagen. Wir haben so viele Duelle gegen die Spanier, auch in der Vorbereitung, dass das nicht so etwas Besonderes ist gegen sie zu spielen. Man kann aber sagen, dass sich die Mannschaften nicht besonders sympathisch sind und es ist immer besonders schön sie zu schlagen. Und das haben wir in den wichtigen Spielen bisher eigentlich immer geschafft. Und ich fände schön, wenn das bis zu meinem Karriereende in der Nationalmannschaft auch so bleibt.

SPORT1: Wer sind die Favoriten bei diesem Turnier?

Witthaus: Die üblichen Verdächtigen. In unserer Gruppe wir, Spanien und Belgien und in der anderen England und die Niederlande.

SPORT1: Gibt es einen Gegner, den sie im Halbfinale vermeiden wollen?

Witthaus: Nein, wir wollen unbedingt ins Halbfinale. Aber wer dann da kommt, ist uns egal.

SPORT1: Vor ziemlich genau 12 Jahren debütierten Sie in der Nationalmannschaft. Sie sind bereits mehrfacher Welt- und Europameister, Deutscher sowie Spanischer Meister und Olympiasieger. Wie schaffen Sie es, sich immer wieder zu motivieren?

Witthaus: Das kommt von innen heraus. Ich spüre einfach, dass ich noch Lust auf Hockey habe und immer hatte, die Turniere zu spielen und Erfolge zu feiern. Die Frage lautet nicht, wie ich das schaffe, sondern das ist einfach so. Ich weiß natürlich nicht, wie es gewesen wäre, wenn wir über einen längeren Zeitraum nicht so erfolgreich gewesen wären. Aber ich merke langsam, dass es nach den Olympischen Spielen dann Zeit wird, aufzuhören und den Jüngeren Platz zu machen.

SPORT1: Was hat sich in den Jahren verändert?

Witthaus: Einiges. Ich habe drei Trainer, viele Generationen und verschiedene Mannschaften erlebt. Ich konnte von jedem Team und jedem Spieler etwas mitnehmen, das hat schon Spaß gemacht. Auch das Hockey an sich hat sich durch die Regeländerungen verändert. Vom Stellenwert her hat sich seit der WM 2006 sehr viel verändert. Auch Sponsoren sind dazu gekommen. Seit 2006 ist Hockey auf einem sehr guten Weg.

SPORT1: Sie haben sowohl in Deutschland als auch in Spanien gespielt. Welchen Unterschied gibt es zwischen den beiden Ligen?

Witthaus: Die deutsche Liga ist von der Leistungsdichte her wohl die stärkste in Europa. In der spanischen gibt es vier sehr gute Klubs, die auch in der deutschen absolutes Spitzenniveau hätten. Aber der Rest der Teams ist mehr Kanonenfutter.

SPORT1: Und von der Professionalität her?

Witthaus: Da hat Deutschland ganz klar den höheren Stellenwert und ist weit verbreiteter. Im Vergleich sind es etwa 74.000 zu 7.000 Mitgliedern. Man kann in beiden Ligen nicht reich werden, das ist wohl kein Geheimnis. Es gibt aber in beiden Ligen Klubs, die einem beruflich weiterhelfen können und beispielsweise Fahrtgeld zahlen. Da gibt es keinen Unterschied. In Holland ist die Liga fast professional. Da ist mehr möglich.

SPORT1: Wie kann es dann sein, dass die Deutschen genauso oder sogar erfolgreicher sind?

Witthaus: Wir trainieren nicht weniger als die Holländer, nur anders. Ich mache jeden Morgen Konditionstraining, wie die anderen deutschen Nationalspieler auch, und abends dann im Verein. Das ist vom Umfang das Gleiche. Das liegt auch an der deutschen Mentalität. Damit meine ich, dass die Deutschen sehr pflichtbewusst sind. Und wissen, wann wir wann was machen müssen, um auf den Punkt fit zu sein. Auch von der Willensstärke und Motivation her.

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