vergrößernverkleinern
Nationalspieler Florian Fuchs kam bei der WM fünfmal zum Einsatz © getty

Herren-Bundestrainer Markus Weise nennt bei SPORT1 Gründe fürs historische WM-Aus. Für Jamilon Mulders ist es ein Albtraum.

Von der Hockey-WMberichtet Andreas Reiners

Den Haag - Markus Weise lachte kurz laut auf.

Das erste vorzeitige Aus der deutschen Hockey-Herren bei einer WM nach 43 Jahren. (Bericht: Historischs Aus trotz Kantersieg)

Und das zwei Jahre nach dem Olympiasieg. Und knapp zwölf Monate nach dem EM-Titel. Ein Albtraum? Eine Katastrophe? Der Worst Case? (KOLUMNE: Halbfinale nicht selbstverständlich)

Der 51-Jährige weiß um die zumeist überhöhte Erwartungshaltung in der Heimat. Nein, ganz so schlimm ist es letztendlich zwar auch wieder nicht. Trotzdem wurde Weise schlagartig ernst.

Wohin geht der Weg?

Wie schlimm es denn nun wirklich um das deutsche Hockey steht?

"Das kann alles sein. Das kann der Beginn eines langjährigen Tiefs sein. Das kann ein Ausrutscher sein. Das werden wir in den nächsten fünf Jahren erfahren", sagt Weise im Gespräch mit SPORT1.

Die deutschen Hockey-Herren verpassten trotz eines 6:1-Kantersiegs gegen Südkorea das Halbfinale bei der WM (LIVE im TV auf SPORT1und in der SPORT1-App). Das erste Mal seit 1971.

[kaltura id=",0_yi2vvthd" class="full_size" title="DHB M nner ballern sich Frust von der Seele"]

Am Sonntag spielen sie gegen Belgien um Platz fünf. (903353DIASHOW: So schön ist der WM)

Nur ein Trostpflaster

Ein Sieg zum Abschluss wäre ein Trostpflaster. Mehr nicht.

Das weiß auch Weise. Die Analyse dauert noch an. Wird er selbst auch Konsequenzen ziehen? Etwas ändern? Reformen fordern? An Stellschrauben drehen?

Von allem ein bisschen. Und gerne auch ein bisschen mehr.

Denn der Bundestrainer predigt die Probleme bereits seit ein paar Jahren.

[kaltura id="0_1sov0s3b" class="full_size" title="Hauke Vorbereitung keine Ausrede"]

Zu erfolgreich

Sein persönliches Problem: Seine Mannschaft spielte im Grunde zu erfolgreich, um die Missstände öffentlichkeitswirksam anprangern zu können.

"Wenn du aber mal so ins Klo greifst, hören dir ein paar mehr zu", sagt er.

Unter dem Strich wurde in Den Haag deutlich: Es fehlten die berühmten paar Prozent. Und die machen in der enger zusammengerückten Weltspitze eben den Unterschied.

"Diese paar Prozent summieren sich überall auf. Es kommt alles Mögliche zusammen. Dann muss man überall sauber hinschauen", fordert Weise.

Flexibler Spielplan

Ein Thema: Die Bundesliga, die teilweise einen Monat länger lief als bei anderen Nationen. Und so auch eine optimale Vorbereitung zunichte machte.

Über eine Flexibilisierung des Spielplans wurde bereits gesprochen. Und erste Ergebnisse gibt es auch bereits. (Service zur WM: SPORT1 erklärt Hockey).

In der kommenden Saison wird im Hinblick auf die World League, wo das Olympia-Ticket vergeben wird, das Programm umgestrickt.

Vor den Stützpunkten in der Endphase der Liga soll es nur noch Einzel-Spieltage geben. Zudem wird die Liga nach der World League zu Ende gespielt.

Probleme en masse

"Es ist der richtige Weg, auf das internationale Hockey zu setzen und die Bundesliga attraktiv, aber verträglich zu gestalten", sagt Kapitän Maximilian Müller bei SPORT1.

Das nächste Problem: die anstehende Hallensaison mit der WM 2015 in Leipzig.

[image id="7d95681b-63a9-11e5-acef-f80f41fc6a62" class="half_size"]

Dorthin wird möglicherweise eine starke, aber eben nicht die stärkste Auswahl geschickt. Gut möglich also, dass vom derzeitigen WM-Kader niemand dabei sein wird.

Ein anderes Thema ist laut Weise das "Teilzeit-Nationalspielertum". Mit den Spielern, die schon arbeiten oder im Studium härter belastet sind, soll klarer geplant werden.

"Dann wirst du erschossen"

"Dieses System ist in Deutschland eine Insellösung. Einmal super flexibel, und einmal super starr", wettert Weise.

Und fügt an: "Man kann sich auf nichts verlassen, und du musst für jeden einzelnen Spieler eine extra Lösung ausarbeiten. Da ist Deutschland nicht gerade leistungssportfreundlich aufgestellt."

Denn: In vielen Studiengängen gibt es heute eine Anwesenheitspflicht.

"Und wehe du kommst einmal nicht", so Weise. "Dann wirst du erschossen. Das führt dazu, dass man alles viel strikter durchplanen muss."

Spieler werden "zerrieben"

Auch Müller prangert den vollen Terminplan an.

"Es wird zu wenig auf den Spieler gehört. Er wird zwischen den Systemen Nationalmannschaft und Bundesliga und Sonstiges zerrieben. Es wird eigentlich nur geschaut, ob er Zeit hat", so Müller.

Ob er das leistungstechnisch schaffe oder ob es ihn weiterbringe ? darauf werde gar nicht geschaut.

Genau geschaut wird aber nun mal auf das Ergebnis. Und die Ironie der Geschichte: Fünf Vorbereitungsspiele fehlten der DHB-Auswahl im Vorfeld, sagt Weise.

Nach fünf Vorrundenspielen mit zwei Siegen zum Abschluss ist klar - im Grunde könnte das Turnier jetzt beginnen. Deshalb ist die Enttäuschung groß.

[fbpost url="https://www.facebook.com/hockey.de/posts/883280755020498"]

Schöne Bilder malen

Und sie wird noch größer. (903944DIASHOW: Die Turnier-Bilder)

"Sie sinkt so langsam ein. Die wird in den nächsten Tagen noch etwas tiefer werden", so Weise, der den Frust auf seine Weise überspielt.

Mit Humor.

"Vielleicht machen wir was kaputt. Vielleicht kann man das auch kreativer lösen, und wir malen schöne Bilder."

[kaltura id="0_t2h3zcul" class="full_size" title="M lders spricht Klartext"]

Mülders persönlicher Albtraum

Für Jamilon Mülders war das Bild, das seine Damen zum Vorrunden-Abschluss abgaben, ein persönlicher Albtraum.

Der EM-Titel im Vorjahr? Ist endgültig Geschichte. Die Probleme bei den Damen? Ähnlich wie bei den Herren.

Mit dem Unterschied, dass sich die Mannschaft während des Turniers nicht berappelte.

Ein Remis und ein Sieg zum Auftakt, danach ging die DHB-Auswahl unter. (Bericht: Mülders kämpft für Hockey-Reformen)

Damen geben zu denken

Wie sich seine Mannschaft zum Vorrundenabschluss beim schwachen 1:3 gegen England präsentierte, gab dem Bundestrainer zu denken.

Das Spiel um Platz sieben am Freitag gegen Südkorea? Wohl letztendlich schlicht und einfach der aktuelle Leistungsstand.

Nachdenken werde Mülders nach dem Turnier. Ob diese "beschissene Situation" auch eine Chance sein kann, wollte und konnte er nicht beantworten.

Zu tief saß der Frust bei ihm, zu tief die Trauer bei seiner Mannschaft. (899051DIASHOW: Deutsche Hockey-Sternstunden)

Bundestrainer aber fest im Sattel

"Jetzt geht es erst einmal um die Mädels", so Mülders, der zuletzt immer wieder "mehr Zeit, mehr Länderspiele und mehr Geld" gefordert hatte.

Zeit wird er selbst wohl bekommen. Denn der Deutsche Hockey-Bund wird keine personellen Konsequenzen ziehen.

Beide Bundestrainer stehen nicht zur Debatte.

Für Mülders ist das momentan nur ein ganz schwacher Trost.

[tweet url="//twitter.com/HONAMAS2012"]

teilentwitternE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel