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Werner E. Klatten wird auch auf Bällen kräftig die Werbetrommel für die Sporthilfe rühren © imago

In Teil zwei des Sport1.de-Interviews spricht Werner E. Klatten über die Fußballvormacht und den Effekt der Wirtschaftskrise.

Von Conny Konzack

Sport1.de: Die Sporthilfe besteht schon über 40 Jahre: Wo sehen Sie die Erfolge?

Klatten: Im Sport gibt es im Sektor Spenden keine mit der Deutschen Sporthilfe vergleichbare Marke. Selbst wenn ich über den Sport hinaus gehe, sehe ich keine andere vergleichbare nationale große Fördermarke. Die Sporthilfe ist das Bindeglied zwischen Wirtschaft und Sport, und darum ist es so wichtig, dass sie unabhängig bleibt. Sie hat auch einen sportpolitischen Wert, der sich über Begriffe wie Leistung, Fairplay und Miteinander definiert.

Das sind zwar menschliche Werte, die in jedem anderen Bereich genauso wichtig sind, aber im Sport am legitimsten. Diese Begriffe haben gerade heutzutage eine besondere Attraktivität: Hätten wir in der Gesellschaft mehr Leistung und mehr Fairplay gehabt, hätten wir derzeit weniger Sorgen.

Sport1.de: Welche Baustellen bereiten Ihnen die stärksten Kopfschmerzen?

Klatten: Mir steht es nicht zu, kritisch über die Vergangenheit zu sprechen, sondern eine Definition der Marke Sporthilfe vorzunehmen. Und die Frage zu stellen: Ist der Markenauftritt noch gut genug? Wenn nicht: Was müssen wir noch mehr für einzigartige Werbebotschaft der Marke tun? Die Transparenz der Marke Sporthilfe muss noch klarer, schärfer herausgestellt werden.

Sport1.de: Sehen Sie noch weitere Aufgaben?

Klatten: Die zweite Aufgabenstellung ist: Welche Aktivitäten und Aktionen beleben die Marke? Wir stellen ja leider rückgängige Aktivitäten fest - siehe Glücksspirale und Briefmarken. In anderen Bereichen wie zum Beispiel dem der Nationalen Förderer geht es mit neuen Konzeptionen sehr sehr gut nach vorne und wir sind absolut auf dem richtigen Weg ? es kommt jetzt nur noch auf die Umsetzung an. Aber andere Bereiche müssen wir nachladen. Ich sehe meine Aufgabe auch darin, einen Ideenprozess zu initiieren, der dazu führt, dass wir am Schluss sagen können: Die Marke Deutsche Sporthilfe hat einen Schritt nach vorne gemacht.

Sport1.de: Werden Sie sich mit Ihrer Vorgängerin Frau Linsenhoff austauschen?

Klatten: Dass ich Kontakt mit Frau Linsenhoff halte, ist selbstverständlich. Ich sehe das so: In jedem Unternehmen entstehen mal Konflikte zwischen Aufsichtsrat und Vorstand. Das ist überhaupt nicht schlimm, sondern zutiefst menschlich. Ich will aber nichts aus der Vergangenheit bewerten, sondern muss in die Zukunft schauen.

Sport1.de: Sie haben viele Pläne ? macht Ihnen da die derzeitige Finanzkrise nicht einen Strich durch die Rechnung?

Klatten: Wir stehen zweifelsohne in der größten Wirtschaftskrise der Bundesrepublik und die Wirtschaft muss sich erst wieder selbst finden. Andererseits sehen wir auf Grunde dieser Wirtschaftskrise auch, wie wichtig es ist, die wirtschaftspolitischen Aufgabenstellungen zu definieren und zu beleben. Wir werden in unserem Ehrgeiz, das jetzige Umsatzvolumen zu halten, nicht nachlassen. Und mittelfristig soll es sogar steigen.

Sport1.de: Aber leichter macht Ihnen die Wirtschaftskrise den Job sicherlich nicht.

Klatten: Stimmt. Aber mein ganzes Leben bin ich nicht dafür bezahlt worden, dass alles so bleibt wie es ist. Ich bin nie für die Defensive, sondern immer für den Angriff bezahlt worden...

Sport1.de: Wo drückt den deutschen Sport besonders der Schuh?

Klatten: Wenn man die angelsächsischen Sport-Systeme in England, Amerika oder Australien betrachtet, sieht man, dass der Sport dort an den Schulen und später an den Unis einen vollkommen anderen Stellenwert hat. Das geht bis ins Alter hinein: Erfolgreiche Sportler sind auch später in ihrem Beruf erfolgreich. Bei uns gibt es leider immer noch diesen Bruch - nach dem Leistungssport sind viele Deutsche für unsere Gesellschaft leider oft abrupt weg.

Sport1.de: Trägt daran der in Deutschland übermächtige Fußball eine Mitschuld?

Klatten: Die Sportware Fußball hat in der letzten Zeit eine extreme Aufwertung in der Gesellschaft erfahren. Die Deutsche Sporthilfe muss dafür nichts tun. Im Gegenteil: Der Fußball sollte mehr für die Gesellschaft tun! Wir sind sehr glücklich, die DFL mit der Bundesliga als Premiumpartner zu haben. Aber Fußball wird meines Erachtens überbewertet, die anderen Sportarten und der Amateursport müssen genauso nach vorne getragen und unterstützt werden. Auch hier müssen wir viel stärker in die Diskussion mit den Medien gehen, um Konzepte zu finden, die es auch für die Free-TV-Sender möglich machen, andere Sportarten sinnvoll stärker zu unterstützen.

Sport1.de: Liegt die Vorherrschaft des Fußballs darin begründet, dass in den anderen Sportarten Helden fehlen wie früher Boris Becker oder Steffi Graf?

Klatten: Nein, Idole hat?s doch immer gegeben und zur Zeit kommen sie aus dem Biathlon oder dem Skispringen. Wo haben wir denn unsere Goldmedaillen bei den Sommerspielen geholt? Außer eine im Hockey doch nur durch grandiose Persönlichkeiten in anderen Sportarten! Aber man hat nicht den Eindruck, dass eine Goldmedaille sofort hilft, die Sportart nach vorne zu bringen. Oft hilft es nur der einen Person, aber nicht der Sportart selbst. Darüber müssen wir noch nachdenken, die Erfolge sind mir zu kurzlebig.

Hier geht's zurück zum ersten Teil des Interviews

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