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Professor Werner Franke klärte u. a. das DDR-Staatsdoping-System auf © getty

Werner Franke spricht im Interview der Woche über Lance Armstrong, Blutwerte im Internet und die Tour de France im Fernsehen.

Von Dustin Werk

München - Der renommierte Antidoping-Kämpfer Prof. Werner Franke prangert seit Jahren die Betrugspraktiken im Profisport, speziell dem Radsport an.

Im Sport1.de-Interview der Woche spricht der Molekular-Biologe aus Heidelberg über das Comeback von Lance Armstrong (Nicht jeder erliegt Armstrongs Charme-PR), dessen Blutwerte im Internet und eine mögliche Rückkehr der öffentlich-rechtlichen TV-Sender zur Tour de France.

Nach wie vor sei die Dopingbekämpfung von Unehrlichkeit beherrscht, sagt Franke und verweist auf Olympia in Peking.

Ferner spricht der Doping-Aufklärer über den Pharma-Großhandel, der Doping erst ermöglicht, die Operacion Puerto (Operacion Puerto wird neu aufgerollt) und die Fälle Stefan Schumacher und Bernhard Kohl.

Sport1.de: In der ARD gibt es offenbar Überlegungen, wieder live von der Tour de France zu berichten. Eine Rolle rückwärts?

Werner Franke: Es wäre zumindest unverständlich und absolut unglaubwürdig. Aber es haben sich schon ganze andere Leute für weniger Geld prostituiert.

Sport1.de: Hinge ein solcher Schritt auch mit dem Comeback von Lange Armstrong zusammen?

Franke: Vielleicht peripher. Aber es hat sich ja auch nichts geändert, es ist immer noch die gleiche Scheinwelt da.

Sport1.de: Armstrong inszenierte sich noch vor Wochen als gläserner Athlet. Davon ist inzwischen nicht mehr viel übrig. Auch Ivan Basso will nach seiner Dopingsperre seine Blutwerte ins Internet stellen.

Franke: Was soll der Unfug? Ich kann natürlich Werte, die unverfänglich sind, ins Internet stellen. Das ist nur eine neue Stufe von Volksverdummung.

Sport1.de: Derlei Maßnahmen sind also unehrlich?

Franke: Ein Beispiel: Jeder kann seit mindestens 15 Jahren das wirksamste Wachstumshormon IGF 1 nehmen - ohne, dass irgendetwas entdeckt wird. Vor Peking wurden Tests auf HGH (Human Growth Hormon, Wachstumshormon, d. Red.) angekündigt. Nichts ist geschehen. Jeder wusste, dass das nicht gemessen werden konnte. Ich halte vor Naturwissenschaftlern manchmal Vorträge darüber, wie die Bevölkerung in dieser Sache belogen wird.

Sport1.de: Ist Armstrong seiner Zeit voraus und hat Dopingpräparate, die nicht nachweisbar sind?

Franke: Diese Präparate haben die Anderen doch auch schon. Und es kommen natürlich jedes Jahr welche dazu. Gelegentlich kommt mal ein Dopingmittel an die Öffentlichkeit, weil einige Leute wirklich so bescheuert sind und das Präparat CERA nehmen, das wegen seines höheren Molekulargewichts seit längerem geradezu ideal nachweisbar ist. Aber ansonsten ist alles ein einziger Humbug: Es gibt jede Menge Zeug, das nicht erkannt wird. Also kann man seine Werte ruhig auf alles, das bekannt ist, prüfen lassen und danach ins Internet stellen.

Sport1.de: Der Ex- Radprofi Johan Museeuw beschreibt aktuell in seiner Biografie, wie er in einer Kölner Apotheke EPO (Blutdopingmittel, d. Red.) gekauft hat. Sind Dopingmittel in Deutschland frei erhältlich?

Franke: Natürlich sind in Deutschland Dopingmittel frei erhältlich, wenn die Kohle stimmt. Das waren sie immer - in Köln wie in Freiburg: Da gibt es eine kriminelle Apotheken-Szene und dort wird ohne Rezept verkauft. M sieht das doch unter anderem daran, wie die Freiburger Ärzte (Andreas Schmidt und Lothar Heinrich, die bis 2007 das T-Mobile Team betreuten, d. Red.) an das Zeug gekommen sind. Da werden riesige Mengen vertickt.

Sport1.de: Der Fall Fuentes soll neu aufgerollt werden. Unter anderem hat der Präsident des Weltradsportverbandes Pat McQuaid geäußert, er erhoffe sich jetzt juristische Urteile. Besteht wirklich Hoffnung auf eine Auflösung der "Operacion Puerto"?

Franke: Zunächst einmal. Jemand Unglaubwürdigeren als den Herren McQuaid gibt es da ja wohl nicht. Und dann: Der Fall Fuentes ist doch typisch: In Italien, Spanien und Griechenland besonders gilt das "allgemeine Mittelmeerrecht": Zu Anfang herrscht ein riesiges Tamtam, manchmal - wie in Italien - gibt es sogar eine Anklage: Aber spätestens in der zweiten Instanz schrumpft die Strafe auf eine lächerliche Höhe. Und schließlich wird in der Regel der Fall wegen Verjährung eingestellt. Kluge Anwälte, besonders in Italien, müssen den Prozess nur so lange hinauszögern, bis die Verjährung eingetroffen ist. Beim italienischen Fußball-Erstligisten Juventus Turin waren vor ein paar Jahren (Mitte der Neunziger, d. Red.) positiv auf EPO. Die Anwälte haben das so lange hinausgezögert bis feststand: Es ist nun so viel Zeit vergangen, die Fälle sind verjährt.

Sport1.de: Der österreichische Radprofi Bernhard Kohl hat seine Dopingsperre akzeptiert und möchte nach Ablauf der zwei Jahre wieder aufs Rad steigen. Im Gegensatz dazu hat sein ehemaliger Gerolsteiner-Teamkollege Stefan Schumacher angekündigt, er werde weiter kämpfen. Welcher Weg ist richtig? Der des Geläuterten oder der des Leugners?

Franke: Ich kann ja nicht sagen, wer was gemacht hat. Ich gehe davon aus, dass beide positive Tests haben. Aber ich kenne eben auch die andere Seite: schlechte bzw. falsche Ergebnisse aus den Dopingkontrolllabors. Da werden eben oft falsche Techniken unkritisch angewandt. Aber gut, manchmal ist das nachvollziehbar: Wer will schon gern sein Leben als Biochemiker damit verbringen, anderer Leute Pipi zu messen?

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