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Sebastian Bayer sprang in Turin Deutschen und Europa-Rekord © getty

Im Interview der Woche beschreibt Sebastian Bayer seinen historischen 8,71-Meter-Satz und seine Aussichten für die Heim-WM.

Von Tobias Schröter

München - Weitspringer Sebastian Bayer hat bei der Hallen-Europameisterschaft mit einem 8,71-Meter-Satz für eine der größten Leistungen eines deutschen Leichtathleten der letzten Jahre gesorgt.

Im zweiten Teil des Sport1.de-Interviews der Woche spricht Sebastian Bayer über die Enttäuschung bei Olympia und seine Chancen für die Heim-WM in Berlin. Außerdem erklärt der frischgebackene Europameister, welchen Anteil seine Frendin an dem unerwarteten Erfolg hatte.

Sport1.de: Ist dieser Sensationssprung für die Vorbereitung auf die WM in Berlin vielleicht sogar etwas hinderlich gewesen?

Bayer: Ich kann es nur für heute sagen. Heute ist es natürlich Wahnsinn. Die Telefone glühen und jeder möchte daran teilhaben und wissen wie das geht. Einerseits verstehe ich das natürlich, aber andererseits muss ich ehrlich sagen, stört es mich schon. Ich kenne das gar nicht und es ist mit schon fast zu viel so. Ich hoffe und denke, dass ich ein gutes Umfeld um mich herum habe, mit meinem Verein, meiner Freundin und meinem Management. Die werden schon dafür sorgen, dass ich nicht abhebe ? außer vielleicht beim Weitsprung. Wenn bald eine Schlagzeile kommt: "Bayer versagt mit 8,20 m!" Dann sollen die das ruhig so titeln. Das wäre meine Bestleistung draußen und das ist mein Ziel.

Sport1.de: Gibt es konkrete Ziele für Berlin? Ändert sich dafür etwas?77978(DIASHOW: Bayers Sprung in die Annalen)

Bayer: Mein Traum und mein Ziel ist es, in Berlin im Finale zu stehen. Ich will von unserem Publikum und quasi vor Deutschland diesen Wettkampf bestreiten. Ich will erst einmal die Qualifikation bestehen, um dann sechs Versuche zu starten. Ich will dabei unter die ersten Acht kommen. Man muss dann einfach gucken. Es gibt bestimmt Leute, die noch weiter springen können als ich. Die will ich ärgern und soweit wie möglich nach hinten verdrängen. Aber auch bei Platz sieben wäre ich nicht böse. Dann wäre ich immerhin der siebtbeste der Welt. Wenn dieser Traum wahr wird, dass ich eine Medaille gewinne, dann ist es eben so. Aber mein Ziel ist es, unter die ersten Acht zu kommen ? darunter wäre ja auch der dritte Platz.

Sport1: Wer ist für Sie der Top-Favorit?

Bayer: Also der Grieche Louis Tsatoumas hatte in Turin einen starken grippalen Infekt. Der stand in der Bestenliste vor mir und kann auch verdammt weit springen. Ich glaube, dass ihm die Anlage in Turin zu Gute gekommen wäre. Dem traue ich wahnsinnig viel zu. Andrew Howe ist auch schon weiter gesprungen. Der kann auch abheben ohne Ende. Dazu gibt es noch einige Talente. Ngonidzak Makusha aus Simbabwe zum Beispiel. Dem habe ich in Peking zugeschaut. Es gibt sicherlich rund zehn Leute, die 8,30 Meter springen können. Es ist alles offen. Es kommt auf die Tagesform an. Wenn die stimmt, dann kann alles passieren. Aber eigentlich bleibt für mich klarer Favorit Irving Saladino. Es ist ein Phänomen, wie er springt.

Sport1.de: Um noch einmal auf Peking zurück zu kommen: Ist der Europameistertitel vielleicht eine kleine Wiedergutmachung für die Olympischen Spiele?

Bayer: Für mich war Peking gleichermaßen Erfolg und Misserfolg. Ich wollte mich auf jeden Fall besser da verkaufen, als ich es getan habe. Aber das gehört zum Lernprozess dazu. Der wurde gestern natürlich gekrönt. Jetzt kann ich sagen, dass es gut war, diesen Prozess durchgemacht zu haben. In ersten Moment war ich in Peking natürlich maßlos enttäuscht. Ich habe auch relativ lange gebraucht, das zu verdauen. Am nächsten Tag war meine Freundin dran, die ich dann erst einmal unterstützen wollte. Deshalb habe ich das gar nicht so offen gezeigt. Aber es war schon sehr schmerzhaft für mich. Mit 7,77 Metern habe ich mich dort klar unter Wert verkauft.

Sport1.de: In Turin haben Sie drei Sprünge ausgelassen ? wieso?

Bayer: Das war mit meinem Trainer so abgesprochen. Ich musste mich zunächst mal wieder sammeln. Ich bin zunächst mit 8,29 Meter immerhin deutschen Rekord gesprungen. Mit einem Sprung, der nicht einmal besonders gut war. Ich hatte dabei kein besonders gutes Gefühl. Aber zu diesem Zeitpunkt war ich plötzlich der beste Deutsche in der Halle. Das war schon ein sehr emotionaler Moment. Danach musste ich mich wieder aufwärmen und so habe ich die Sprünge ausgelassen. Währenddessen haben sich die Ereignisse auch überschlagen.

Sport1.de: Inwiefern?

Bayer: Auf einmal springt Nils 8,22 Meter, der Pole Marcin Starzak 8,18 Meter. Da war mir klar, das wird auch in der Masse der Top-Weiten ein Ergebnis, das in die Geschichtsbücher eingehen wird. Dann habe ich mir gedacht, jetzt muss ich aber angreifen. Ich hab dann noch zu Nils gesagt: "Mach bloß keinen Ärger." "Das kann einfach nicht sein, was hier abgeht, habe ich mir gedacht." Ich habe dann auch bei Nils letztem Versuch noch gezittert.

Sport1: Es war also die Befürchtung da, dass ihr Kollege Sie noch einmal toppt?

Bayer: Ich hätte es Nils durchaus zugetraut.

Sport1: Hat sich diese riesige Leistungssteigerung schon in den letzten Wochen oder Monaten im Training angedeutet?

Bayer: In der Schnelligkeit habe ich mich zuletzt schon sehr stark verbessert. Springerisch lief alles gut, aber eine herausragende Leistung war nicht dabei. Letztlich fühle ich mich einfach wohl im Training. Ich fühle mich in Bremen zu Hause. Ich bin sehr glücklich, dass ich jetzt dort seit Oktober mit meiner Freundin zusammen lebe. Deshalb bin ich sehr glücklich. Und das gibt mir sicher sehr viel Kraft. Aber aus dem Training konnte ich diese Leistung nicht ableiten. Aber die Vorstellungen in Chemnitz und Leipzig waren auch nicht schlecht. Das hat sicher auch mit dazu beigetragen.

Hier geht es zum ersten Teil des Interviews

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