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Dieter Baumann wurde 1992 zum Sportler des Jahres gewählt © imago

Bei den Olympischen Spielen 1992 kämpft sich Dieter Baumann aus aussichstloser Position nach vorn und holt Gold über 5000 Meter.

Von Nils Reschke

"Jetzt muss er innen durch", begann sich die Stimme Gerd Rubenbauer förmlich zu überschlagen. "Die Lücke ist da! Die Lücke ist da!?, schrie der ARD-Kommentator ins Mikrofon, als hoffe er, Dieter Baumann könne ihn rund 100 Meter vor dem Ziel hören.

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Doch der gebürtige Blausteiner sieht das Loch, das ihm seine drei afrikanischen Mitstreiter beim Endspurt förmlich auf dem Silbertablett anbieten. Unnachahmlich zieht er an, angefeuert von Gerd Rubenbauer und Millionen Deutschen vor den TV-Geräten: "Baumann! Baumann! Dieter Baumann ist Olympiasieger!?

Der "weiße Kenianer" gegen ganz Afrika

Die Olympischen Spiele 1992 in Barcelona sollten aus deutscher Sicht einige Höhepunkte bereit halten. Erstmals seit 1964 nahm wieder eine gesamtdeutsche Mannschaft an Olympischen Spielen teil.

Eine bis dahin fast noch unbekannte Franziska van Almsick schwamm sich mit süßen 14 Jahren in die Herzen der Fans und gewann zwei Mal Silber und einmal Bronze. Deutschland belegte im Medaillenspiegel den dritten Platz hinter der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten und den USA.

Und für den goldenen Moment schlechthin sorgte neben der Weitspringerin Heike Drechsler wohl Dieter Baumann. Auf seiner Paradedisziplin, den 5000 Metern lief der "weiße Kenianer? der gesamten afrikanischen Konkurrenz davon.

Die Taktik geht nicht auf

Eigentlich sah die Taktik, die sich der Schwabe für den Finallauf an jenem 8. August zurechtgelegt hatte, einen ganz anderen Plan vor.

Wenn am Ende die Führungsgruppe vier, fünf Läufer umfassen würde, so wolle er den möglicherweise vorentscheidenden Spurt ansetzen. 500 Meter vor dem Ziel war dies der Fall. Doch Dieter Baumann wurde vor eine Harte Geduldsprobe gestellt in der letzten der rund 13 Minuten, die ihm gewiss viel länger vorkommen sollte. 139955(DIASHOW: Spitznamen der Leichtathleten)

"Jetzt ist er eingekesselt", entrüstete sich Rubenbauer am Mikrofon. Baumann selbst haderte, wie er später eingesteht. "Mir blieb nur die Hoffnung, dass sich irgendwann eine Lücke auftun würde.?

Schlaflos in Barcelona

Ob es nun Reporter Rubenbauer war, der als erster rund 120 Meter vor der Ziellinie eben diese Lücke ausgemacht hatte, oder ob Dieter Baumann mit stoischer Ruhe längst registriert und ein Stück weit auch antizipiert hatte, dass sich in diesem Moment seine große Gold-Chance auftat, wird nicht mehr zu klären sein.

Der Blausteiner selbst sagt später: "In diesem Moment habe ich gewusst: Das Ding gewinne ich!? Und genauso sollte es tatsächlich kommen.

Schon nach dem Vorlauf hatte Baumann ein gutes Gefühl. "Den habe ich sehr deutlich gewonnen. Da war klar: Ich gehöre absolut zu den Favoriten, ich kann das Ding morgen gewinnen.? Baumann hätte in der Nacht vor dem 8. August vom Olympiasieg schon einmal träumen können, doch "ich war nervös, habe sehr schlecht geschlafen.?

Eine glückliche Fügung

Die Anspannung sollte sich auch am Abend danach nicht legen. In den Katakomben des Olympiastadions von Barcelona war die Nervosität buchstäblich zum Greifen. Baumann hielt es kaum noch aus. Während die Konkurrenz ihre eigenen Rituale verfolgte, setzte sich der Schwabe einfach nur noch in eine Ecke und wartete, bis er zum Start gerufen wurde.

Dort nahm er dann Stellung, Bahn fünf, 5000 Meter vor seinem größten Triumph. Lange Zeit, viele Meter, spulte er sein Pensum ab. Bei Meter 4500 etwa wäre der Moment gekommen, in dem Baumann sich seinen Spurt zurecht gelegt hatte. Doch ihm blieb kein Platz, diesen Plan in die Tat umzusetzen.

"So ein Rennen, so eine Konstellation: Das war eine sehr glückliche Lücke, eine sehr glückliche Fügung?, gibt Dieter Baumann die Ereignisse der letzten Meter später erleichtert wider.

"Ich habe es tatsächlich geschafft!?

Zunächst sieht alles so aus, als würden der Kenianer Paul Bitok und der Äthiopier Fita Bayisa die Goldmedaille unter sich ausmachen.

Dieter Baumann, der hinten den beiden Afrikanern lauerte, hatten sie anscheinend gar nicht mehr auf der Rechnung. Und dann macht Bitok einen folgenschweren Fehler, zieht einen Schritt in die Mitte. Auf einmal ist sie da: die goldene Lücke!

Dieter Baumann mobilisiert die letzten Kräfte, startet durch, hängt er Bitok ab und zieht dann auch am verbüfften Bayisa auf der Innenbahn vorbei, geradewegs zur Goldmedaille! Es dauert einige Minuten, in denen er erschöpft zu Boden fiel, ehe sich Dieter Baumann auf die Ehrenrunde macht. Und dann wird auch ihm klar: "Oh, ich bin ja hier in Barcelona, ich bin im Olympiastadion und da oben brennt die Flamme ? ich hab es jetzt tatsächlich geschafft!?

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