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Steffi Nerius gewann in Berlin WM-Gold mit einer Weite von 67,30 Meter © getty

Weltmeisterin Steffi Nerius spricht im Interview über das Auskommen als Speerwerferin, ihren Star-Berater und ihre Zukunft.

Aus Dalaman berichtet Michael Spandern

Dalaman - Im letzten Wettkampf ihrer Karriere krönte sich Steffi Nerius in Berlin erstmals zur Weltmeisterin.

Bei der Wahl zum "Champion des Jahres" am Sonntag hofft die 37-Jährige nun auf den Sieg - unter die finalen Fünf haben ihre Sportlerkollegen die Speerwerferin bereits gewählt.

Im Sport1.de-Interview gibt sich Steffi Nerius eine Chance auf den Wahlsieg und erklärt, was im Duell mit Doppelweltrekordler Paul Biedermann für sie spricht.

Zudem spricht die Silbermedaillen-Gewinnerin von Athen über ihr Leben nach dem Sport, das Auskommen als Speerwerferin und ihren prominenten Berater.

Sport1.de: Seit 2002 haben Sie - mit Ausnahme des fünften Platzes in Peking - in jedem Jahr eine Medaille gewonnen. Demnach könnte dies Ihr siebter Champion-des-Jahres-Urlaub sein.

Steffi Nerius: Tatsächlich ist es der achte. Im vergangenen Jahr hat mich Franka Dietzsch mitgenommen.

Sport1.de: Sie waren Schülermeisterin im Volleyball. Diesmal haben Sie die Gelegenheit, Beach-Weltmeister Julius Brink Tipps herauszufordern.

Nerius: Julius sehe ich ja beim Training bei Bayer Leverkusen oft. Hier war ich gleich am ersten Tag auf dem Beachvolleyball-Feld - er aber nicht.

Sport1.de: Sind Sie ansonsten im Leben nach dem Sport angekommen?

Nerius: Ich habe seit 2002 den Halbtagsjob als Trainerin bei Bayer und bin fünf Stunden in der Halle. Ab Oktober kommen halt vormittags drei hinzu. Ich glaube, das Leben wird entspannter.

Sport1.de: Wohin führt Sie Ihre Trainerkarriere? Eventuell zum DLV?

Nerius: Ich bin für alles offen. Mal sehen, ob sich die Gelegenheit ergibt. Aber momentan kann ich mir das nicht vorstellen, ich möchte mich erst mal als Trainerin im Behindertensport etablieren.

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Sport1.de: Sie haben die Speerwerferin Andrea Hegen und die Kugelstoßer Mathias Mester zu Silber bei den Paralympics geführt. Woher kommt das Knowhow mit der Kugel?

Nerius: Ich bin seit 2002 Trainerin für Kugelstoßen, Diskus- und Speerwerfen. Inzwischen habe ich auch den A-Trainerschein für den gesamten Wurfbereich, also auch mit dem Hammer, gemacht. Außerdem ist mein Trainer ein guter Mentor, den ich immer fragen kann.

Sport1.de: Sie selbst waren 24 Jahre im Spitzensport. Was nehmen Sie neben all ihren Erfolgen mit.

Nerius: Das prägt natürlich die Persönlichkeit. Ich bin mit 13 Jahren aufs Internat in Rostock gekommen, mit 19 bin ich alleine nach Leverkusen gegangen und war 750 km von zu Hause weg. Das hat mich selbstständig und selbstbewusst gemacht.

Sport1.de: Die WM in Berlin war für Sie der krönende Abschluss - und für die Deutschen das Ende der Krise?

Nerius: Berlin hat gezeigt, dass wir super Athleten haben, auch viele junge, die schon an der Weltspitze dran sind. Wir haben gezeigt, dass die deutsche Leichtathletik noch da und für die kommenden Jahre gut positioniert ist.

Sport1.de: Auch bei den Speerwerferinnen?

Nerius: Das reißt jetzt nicht ab. Christina Obergföll ist ja international spitze, und Linda Stahl traue ich die 70 Meter auch zu. Ich habe mich gewundert, dass sie es in diesem Jahr nicht geschafft hat. Ich sehe sie täglich im Training, und da ist sie die Beste in Deutschland. Und dann kommen auch noch Katharina Molitor und Annika Suthe nach.

Sport1.de: Sporthilfe-Chef Werner E. Klatten sagte den Athleten, dass sie durch die geringe Unterstützung gegenüber manchen Ländern einen Wettbewerbsnachteil hätten, aber auch, dass es Fehler im Management gebe. Was traf auf Sie zu?

Nerius: Ich denke, dass mein Umfeld gut aufgestellt war und ich mich hinreichend auf den Sport konzentrieren konnte. Und auf andere schaue ich nicht.

Sport1.de: Mussten Sie sich während Ihrer Karriere Geldsorgen machen?

Nerius: Mit 19 in Leverkusen war ich auf BaFÖG und die Unterstützung des Vereins angewiesen. Als Leichtathlet musst du erst zehn Jahre trainieren, bevor du Geld verdienen kannst.

Sport1.de: Kommt da Neid auf andere Sportler auf, die mehr Geld und Rampenlicht bekommen?

Nerius: Anfangs schon, aber das habe ich schnell ausgeschaltet. Man kann ja höchstens den Vergleich zu Sportlerinnen anstellen. Und wenn man in einer Leichtathletik-Disziplin vorne mitmischt, kann man schon relativ gutes Geld verdienen. Ich bin damit nicht unzufrieden.

Sport1.de: Sie haben mit Jörg Neblung einen namhaften Manager, der unter anderen auch Hannover-96-Torhüter Robert Enke berät. Wie kam es dazu?

Nerius: Ich kenne Heike Drechsler gut, die sich auch von Neblung vertreten lässt. 2004 haben wir uns dann bei einer Veranstaltung unterhalten, und ich habe mich dazu entschieden.

Sport1.de: Sie haben das Stirnband zu Ihrem Markenzeichen gemacht - und es auf Ihrer Homepage Sponsoren als Werbefläche angeboten. Wie war die Nachfrage?

Nerius: Wir haben da einiges probiert, aber letztlich hat sich kein Sponsor gefunden.

Sport1.de: Welche Chancen rechnen Sie sich aus, hier Champion des Jahres zu werden?

Nerius: Ich bin froh, von diesen 70 Athleten unter den letzten Fünf zu sein. Aber es wird schwer. Ich denke, Paul Biedermann ist von der sportlichen Leistung her vor mir.

Sport1.de: Wegen seiner zwei Titel? Oder der beiden Weltrekorde?

Nerius: Vor allem wegen des packenden Duells mit Michael Phelps, das natürlich einen Hype entfacht hat. Bei der Flut an Weltrekorden muss man die Zeiten allerdings relativieren. Dennoch erkenne ich seine Leistung an. Aber wenn man sieht, dass ich über Jahre erfolgreich war, mir seit 2002 eine Trainer-Karriere aufbaue und ich in meinem letzten Jahr meinen letzten Wettkampf mit Gold abschließe - dann habe ich mit diesem Gesamtpaket schon eine Chance.

Sport1.de: Für den Fall des Sieges: Haben Sie sich bereits Ihre Traumreise überlegt?

Nerius: Die ginge irgendwo nach Skandinavien, zu Fjorden und Schlittenhund-Rennen.

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