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Nadine Kleinert gewann bei der WM im August in Berlin mit 20,20 Meter Silber © getty

Kugelstoßerin Nadine Kleinert spricht im Interview über die fehlende Beachtung ihres Sports, ihre Pläne und eine große Rivalin.

Von Michael Spandern

München - Sie gehört zu den stärksten Frauen der deutschen Leichtathletik - auch wenn ihr Gold bis heute verwehrt blieb.

Doch auch über ihre sechste Silbermedaille - die vierte bei einer WM - jubelte Nadine Kleinert in Berlin ausgelassen. Schließlich hatten viele der 33-jährigen Kugelstoßerin keine Medaille zugetraut, erst recht nicht mit 20,20 Metern.

Im Interview mit Sport1.de sagt die Magdeburgerin, dass ein perfekter Versuch noch viel weiter ginge und ihr Gold gebracht hätte.

Zudem verrät Nadine Kleinert, wo sie Weltmeisterin Valerie Vili, die die Disziplin seit Jahren dominiert, schlagen will. Doch derzeit kämpft sie mal wieder mit Schmerzen.

Sport1.de: WM-Silber mit persönlicher Bestleistung - und das vor heimischem Publikum. Was für Ziele können Sie sich nun noch stecken?

Nadine Kleinert: Ich setze mir keine Ziele, sondern will mein Bestes zeigen: Es ist wie eine Mutter mit ihrem Kind: ich merke, dass der Weg noch nicht zu Ende ist...

Sport1.de: Sie haben Ihre Bestweite nach vier Jahren noch mal um 14 Zentimeter gesteigert. Sie meinen, dass die 20,20 m noch nicht alles waren?

Nadine Kleinert: Ich bin jemand, der richtig ehrgeizig wird, kämpft und keine Ruhe gibt, wenn da noch mehr geht. Dann muss mich mein Trainer manchmal bremsen. Ich habe mir meinen ersten und dritten Versuch bei der WM noch mal angesehen und glaube mit dem Abstand von einigen Wochen: Wären die Technik des ersten und die Schnelligkeit des dritten zusammen gekommen, hätte Valerie Vili keine Chance gehabt. Ich traue mir 20,50 m zu!

Sport1.de: Haben Sie diese Weite im Training bereits gestoßen?

Nadine Kleinert: In diesem Jahr nicht, aber vor Olympia. Genau 20,54 Meter. Damit hätte ich in Peking Silber gewonnen.

Sport1.de: Werden Sie bereits im Winter auf Weitenjagd gehen?

Nadine Kleinert: Ja, ich war noch nicht in Katar, daher will ich zu den Hallen-Weltmeisterschaften in Doha. Und dann kommt ja die erste Diamond League - mit Kugelstoßen, falls sie es nicht wieder aus dem Programm streichen. Das lohnt sich, und da habe ich Valerie bereits den Kampf angesagt.

Sport1.de: Ansonsten ist das Kugelstoßen nicht gerade lukrativ...

Nadine Kleinert: Ich habe trotz neun internationaler Medaillen keinen Sponsor. Wenn ich nicht die Bundeswehr als Arbeitgeber hätte, könnte ich den Sport nicht in diesem Umfang ausüben.

Sport1.de: Warum findet sich denn kein Sponsor?

Nadine Kleinert: Das liegt an der Disziplin, aber vielleicht auch an meiner Person, weil ich auch mal den Mund aufmache.

Sport1.de: Ihre Bestweite liegt mehr als zwei Meter hinter dem Weltrekord und auch hinter Ilona Briesenicks Deutschem Rekord von 1980. Schadet dem Kugelstoßen die fehlende Rekordjagd?

Nadine Kleinert: Da tut uns gar nicht gut. Es wurde einfach verpasst, bei der Wiedervereinigung oder spätestens zum Jahrtausend-Wechsel einen Schnitt zu machen und die alten Rekorde einzufrieren.

Sport1.de: Wäre es nicht wichtiger, die Wettkämpfe attraktiver zu gestalten?

Nadine Kleinert: Wir sind ja dabei. Wir hatten Schloss-Meetings im Sand in Gotha und Engers sowie beim Super-Grand-Prix in Stockholm. Das war ein geiler Wettkampf, der ist richtig gut angekommen. In Berlin haben wir uns gedacht: Wenn schon für den Marathon am Brandenburger Tor alles umgebaut wird, warum gehen wir nicht dorthin? Aber da hat die Stadt nicht mitgespielt.

Sport1.de: Nach den neun Medaillen von Berlin: Ist die deutsche Leichtathletik wieder im Kommen?

Nadine Kleinert: Nicht erst seit Berlin. All die persönlichen Bestleistungen und Endkampfplatzierungen von Peking sind aber untergegangen, weil wir nur eine Medaille geholt haben.

Sport1.de: Wie viel hat der DLV zur positiven Entwicklung beigetragen?

Nadine Kleinert: Ich glaube, dass ist alleine auf uns Athleten zurückzuführen. Wir wollten zeigen, wozu wir fähig sind.

Sport1.de: Wie stark ist dieses Wir-Gefühl der deutschen Leichtathleten?

Nadine Kleinert: Das ist in diesem Jahr noch stärker geworden, dass wir uns gegenseitig anfeuern und mitfiebern. Ich selbst bin eng mit der Hindernisläuferin Antje Möldner befreundet, teile mir mit ihr ein Zimmer. Sie hat zwei persönliche Bestleistungen aufgestellt, aber es werden halt nur Medaillen wahrgenommen.

Sport1.de: Sie betonen oft, welch große Rolle Ihr Trainer Klaus Schneider spielt. Was war sein größtes Verdienst auf dem Weg zu WM-Silber?

Nadine Kleinert: Er hat mich nie aufgegeben. Ich wollte schon so oft hinschmeißen, und er hat mich immer wieder aufgebaut. Ich bin wirklich nicht leicht im Training, da fliegen auch mal die Fetzen. Aber er ist dann der ruhende Pol und holt mich wieder herunter.

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