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Ben Johnson überquert in Seoul vor seinem ewigen Rivalen Carl Lewis als Erster die Ziellinie © imago

Der Doping-Fall Ben Johnson erschütterte vor 20 Jahren bei Olympia in Seoul den gesamten Sport in seinen Grundfesten.

München - Es war um drei Uhr morgens an jenem 27. September 1988 in Seoul, als der Sport endgültig seine Unschuld verlor.

"Ein Kanadier ist beim Dopingtest aufgeflogen" - die Nachricht machte mitten in der Nacht in Windeseile die Runde.

Der Kanadier war Ben Johnson, der drei Tage zuvor das olympische 100-m-Finale mit dem Fabel-Weltrekord von 9,79 Sekunden gewonnen und dabei den Jahrhundert-Leichtathleten Carl Lewis fast spielerisch demontiert hatte.

Kein Ereignis hat die Sportwelt seitdem so erschüttert wie der Sturz des 100-m-Champions. Die Bilder seiner Abreise mit Mutter Gloria, die 1976 mit dem 15-Jährigen Jamaika verlassen hatte, um in Kanada ein besseres Leben zu finden, gingen um die Welt.

Deutscher hat entscheidenden Anteil

Sie wirkten wie auf der Flucht. In der Urinprobe des gebürtigen Jamaikaners, dessen Muskelmasse binnen weniger Jahre ungemein gewachsen war, hatten sich Spuren von Stanozolol gefunden, einem synthetischen anabolen Steroid.

Entscheidenden Anteil an der Überführung Johnsons hatte in Seoul der Kölner Dopinganalytiker Prof. Manfred Donike. Donike legte in den 80er Jahren die ersten Grundlagen für zweifelsfreie Doping-Tests.

"Habe niemanden umgebracht"

Benjamin Sinclair Johnson leugnete lange, dann gestand er, über Jahre unerlaubte Mittel zur Leistungssteigerung genommen zu haben.

Er verlor Gold und Weltrekord von Olympia 1988 und der WM 1987 in Rom an Lewis (9,92), wurde zwei Jahre gesperrt und durfte nur 100-m-Bronze von Los Angeles 1984 behalten.

"Ich habe damals niemanden umgebracht, und niemand aus meiner Familie war gestorben. Aber ich hatte das Gefühl, die ganze Welt würde mich jagen", sagt Ben Johnson 20 Jahre später.

Journalisten belagerten seine Villa, schlugen auf seinem Rasen ihre Zelte auf. "Ich wurde bestens bewacht, mir konnte nichts passieren", sagt er heute sarkastisch.

Lebenslange Sperre

Ben Johnson predigte während seiner Sperre in Schulen gegen Doping - und kehrte zwei Jahre später auf die Laufbahn zurück. An seine Glanzzeiten konnte er nie mehr anknüpfen.

1992 scheiterte er bei Olympia in Barcelona als Letzter im Halbfinale. Im Jahr darauf war endgültig Schluss: Er wurde in Montreal mit Testosteron erwischt und lebenslang gesperrt. Auch vor öffentlichen Gerichten unterlag er in jeder Instanz.

Persönlicher Coach Maradonas

Aufgegeben hat er nie. Johnson gab den Wide Receiver im American Football, war Konditionstrainer der Fußballer vom AC Perugia.

Er verdiente seinen Lebensunterhalt bei Stock-Car-Rennen und als persönlicher Fitnesstrainer des einst weltbesten Fußballers Diego Maradona sowie des Sohnes von Syriens Staatschef Muammar al-Gaddafi.

Auch als Leichtathletik-Coach versuchte er sich. Im Winter 2007 tauchte er für 1000 Euro plus Reisekosten als Betreuer des kanadischen 10,87-Sprinters Brandt Fralick beim Leipziger Hallenmeeting auf.

Opa mit Bauchansatz

Der einstige Sprintstar schrieb ein Buch ("Seoul to Soul" - Von Seoul in die Seele), erhob Doping-Anschuldigungen gegen Lewis, dessen Umfeld seine Probe angeblich manipuliert habe. Für Geld tat er vieles, manchmal fast alles. Ben Johnson lief sogar gegen Pferde.

Aus dem Weltrekordler und Ferrari-Fahrer ist mittlerweile ein Großvater mit Bauchansatz geworden. Er lebt mehr schlecht als recht von diversen Geschäften und fährt einen gebrauchten Mercedes-Benz C230 Kompressor, auf dessen unaufgeräumter Rückbank sich die Windeln seiner Enkelin verlieren.

Er wohnt irgendwo im Norden von Toronto, wo genau, soll niemand wissen.

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