Druck? "Lasse ich nicht an mich ran"
Von Thorsten Langenbahn
Wattenscheid - In 11,22 Sekunden sprintete Verena Sailer (MTG Mannheim) in Bochum-Wattenscheid über 100 Meter zu ihrem sechsten deutschen Meistertitel.
Die Europameisterin blieb damit erneut unter der Olympianorm von 11,25 Sekunden und verwies Tatjana Pinto (LG Ratio Münster) um vier Hundertstel auf Platz zwei ( Bericht: Weltmeister protzen, Spiegelburg kratzt am Rekord).
"Ich bin sehr froh, den Titel wieder zu haben. Die Zeit war zweitrangig", sagt Sailer, die bereits von 2006 bis 2010 Deutsche Meisterin war. Im vergangenen Jahr musste sie die Saison wegen anhaltender Achillessehnenprobleme vorzeitig abbrechen und kehrte erst im Januar nach fast achtmonatiger Wettkampfpause zurück.
Vorfreude auf London
Im SPORT1-Interview spricht die 26-Jährige über ihre Titelverteidigung bei der Europameisterschaft in Helsinki (27. Juni bis 1. Juli), ihre Vorfreude auf die Olympischen Spiele (27. Juli bis 12. August), das neue DLV-Outfit und ihre geflochtenen Zöpfe.
SPORT1: Frau Sailer, herzlichen Glückwunsch zu Ihrem sechsten deutschen Meistertitel. Gewöhnt man sich daran?
Verena Sailer: (lacht) Nein, ich bin sehr froh den Titel wieder zu haben. Das ist schon schön bei einer Meisterschaft. Die Zeit war zweitrangig, aber ich freue mich natürlich, dass ich die Olympianorm nochmal bestätigen konnte.
SPORT1: Pusht Sie das zusätzlich, dass mit der 19-jährigen Tatjana Pinto, die gemeinsam mit Ihnen die deutsche Jahresbestleistung von 11,19 Sekunden hält, auch national jemand auf Augenhöhe ist?
Sailer: Absolut. Konkurrenz belebt das Geschäft. Es war total spannend. Sie hat es mir wirklich nicht leicht gemacht und gut dagegen gehalten. Aber man darf nicht vergessen, dass die Situation in den letzten Jahren immer ähnlich war. So ungewohnt ist das nicht. Natürlich ist sie ein großes Talent, aber man muss erstmal sehen, wie ihr Weg weiter verläuft.
SPORT1: Sechs Wochen vor Beginn der Olympischen Spiele: Wo sehen Sie sich selbst vom Leistungsvermögen?
Sailer: Das kann ich immer ganz schwer einschätzen. Das war hier in Wattenscheid noch nicht meine absolute Bestleistung.
SPORT1: Ist die EM in der Vorbereitung auf Olympia eher störend oder noch einmal ein wichtiger Gradmesser?
Sailer: Die Europameisterschaften stören überhaupt nicht. Die sind ganz normal eingeplant im Trainingsaufbau und sind jetzt der nächste Höhepunkt. Ich komme aus einem Verletzungsjahr und nicht aus einem Jahr, in dem ich Europameisterin wurde. Deswegen mache ich mir jetzt nicht so großen Druck. Ich weiß, dass das von mir vielleicht erwartet wird, aber das lasse ich überhaupt nicht an mich heran. Klar will ich ins Finale und dort so weit wie möglich kommen. Danach geht man wieder normal ins Training und dann steht Olympia an.
SPORT1: Reicht die Wettkampfhärte nach Ihrer langen Zwangspause?
Sailer: Das würde ich schon sagen. Ich habe ja auch extra eine Hallensaison bestritten, um wieder in die Wettkämpfe reinzukommen. Ich fand am Anfang der Saison nicht, dass mir irgendwas gefehlt hätte. Die Pause hat mir sogar gut getan. Ich konnte super trainieren und der ganze Körper konnte sich regenerieren, nicht nur die Achillessehne. Das ist von Vorteil gewesen, auch wenn es in dem Moment schwer gefallen ist und nervig war, wenn man die ganze Zeit in den Fuß reinhören muss und noch viel mehr reininterpretiert, als da überhaupt ist.
SPORT1: Ist in diesem Jahr dann vielleicht sogar Ihre Bestzeit von 11,10 Sekunden aus Ihrem Gold-Lauf bei der EM 2010 fällig?
Sailer: Ich hoffe es. Mein Ziel ist es immer, bei den Jahreshöhepunkten meine Bestzeit zu laufen. Deswegen werde ich das auf jeden Fall versuchen.
SPORT1: Ist Olympia noch einmal ein besonderer Höhepunkt?
Sailer: Ja, klar. Olympia ist mit überhaupt gar nichts zu vergleichen. Ich freue mich absolut darauf.
SPORT1: Wie schätzen Sie die internationale Konkurrenz ein?
Sailer: Die ist bestimmt nicht schwach. Aber ich gucke gar nicht so extrem auf andere, sondern konzentriere mich mehr auf mich. Mit der DLV-Staffel können wir auf jeden Fall ins Finale kommen.
SPORT1: Sie haben kürzlich das neue Outfit des DLV-Teams vorgestellt. Wie gefällt es Ihnen?
Sailer: Es ist sehr schlicht und gefällt mir echt gut. Im Endeffekt kann das Trikot aber aussehen wie es will, denn es hat für mich einfach eine ganz große Bedeutung, ein Deutschland-Trikot zu tragen.
SPORT1: Und ihr eigenes Outfit? Pferdeschwanz oder geflochtene Zöpfe: Hat Ihre jeweilige Frisur beim Rennen etwas zu bedeuten?
Sailer: Nein. Das mache ich, je nachdem, wonach mir ist.
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