EM-Held Behrenbruch: Triumph eines Rebellen
Helsinki - Pascal Behrenbruch gönnte sich nach seinem historischen Triumph ( Bericht) drei Pizzen und zwei kleine Drinks.
Mehr nicht. Die große Party blieb aus.
Schließlich hat Europas neuer König der Athleten Hunger auf mehr bekommen.
"Es stehen ja noch die Olympischen Spiele an", sagte Behrenbruch, "da kann ich noch nicht richtig die Sau rauslassen."
Im Gegensatz zu seinem Mentor Erki Nool, 2000 in Sydney Olympiasieger im Zehnkampf, blieb Behrenbruch nüchtern. Schon um vier lag der Europameister im Bett.
Auf den Spuren von Kirst
Der Rausch nach dem Rausch blieb also aus. Dabei hätte er allen Grund gehabt, den Moment hemmungslos auszukosten.
41 Jahre nach Joachim Kirst, der 1971 ebenfalls in Helsinki den Titel für die frühere DDR gewann, holte der Frankfurter wieder EM-Gold nach Deutschland.
Mit seiner Bestleistung von 8558 Punkten startete der Liebhaber schneller Autos auf Rang sieben der ewigen deutschen Bestenliste durch, in der Welt ist er in diesem Jahr hinter dem neuen Weltrekordhalter Ashton Eaton (9039) aus den USA die Nummer zwei (DIASHOW: Weltrekorde der Leichtathletik).
Nach dem EM-Aus der Fußballer meinte Nool zu ihm: "Jetzt bist du in Deutschland der einzige Held."
"Gold ist für Eaton reserviert"
Das alles wäre noch vor ein, zwei Jahren für Behrenbruch Grund genug gewesen, um ordentlich über die Stränge zu schlagen.
Der 1,96 m große und 94 Kilo schwere Modellathlet galt schon immer als riesiges Talent - aber auch als Enfant terrible mit dem Hang zu Eskapaden.
Doch der Rebell ist gereift. Und peilt in London (27. Juli bis 12. August) den nächsten Coup an.
"Gold ist ganz klar für Ashton Eaton reserviert", sagte Behrenbruch, "alle anderen werden um Silber und Bronze kämpfen."
Nach einem Kurztrip in die Sonne, um ein bisschen "den Wellen zu lauschen", steht für Behrenbruch bis Olympia noch einmal richtig hartes Training auf dem Plan: "Dann sind vielleicht auch 8600 Punkte drin. Ich will auf jeden Fall eine Medaille."
Vom Problemfall zum Hoffnungsträger
Plötzlich ist Behrenbruch ein Hoffnungsträger.
Nach der WM 2011 kam es zwischen ihm und dem Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) noch zum Bruch. Behrenbruch wurde aus dem Top-Team-Kader geworfen, die finanzielle Förderung gestrichen.
Also drückte er den Reset-Knopf, packte seine Sachen ins Auto, ließ Freundin Sina zurück und fuhr nach Tallinn.
Seitdem hat Behrenbruch in Estlands Hauptstadt unter Nool und dessem ehemaligen Coach Andrej Nasarow "richtig gebolzt".
Behrenbruch setzt auf Eigenständigkeit
"Ich bin eingenständiger geworden und jetzt komplett für mich selbst verantwortlich", sagte er, "ständig belehrt werden - das mag ich gar nicht. Ich entscheide jetzt, wie ich trainiere und wann. Wir sind Partner. Ich kenne meinen Körper, ich weiß, was ich brauche."
Beim DLV habe man seine Individualität unterdrücken wollen, meinte Behrenbruch: "Aber man kann nicht alle Athleten in ein Schema zwängen."
"Sind wie eine Familie"
Jetzt genießt er es, sein eigenes Ding zu machen. "Freiheit pur", sagte Behrenbruch.
Doch sein ganz persönlicher, sportlicher Traum hat seinen Preis, für den er "schon einen sehr hohen Betrag" investieren musste.
"Das ist eine große Belastung. Ich musste ja alles doppelt bezahlen: Wohnung, Trainingslager, alles. Und natürlich den Trainer", sagte er, "aber ich werde das Konzept in den nächsten drei Jahren weiterführen. Wir verstehen uns super, sind wie eine Familie. Das ist für mich der Weg zum Erfolg."
Seine Mission ist noch nicht beendet.
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