"Jahrtausendtalent" und Sido-Fan im Goldrausch
Helsinki - Kugel-Koloss David Storl war am Tag nach seinem Triumph noch müde und musste sich den Schlaf aus den Augen reiben.
Nüchtern, fast ein bisschen gelangweilt, kommentierte der erst 21 Jahre alte Chemnitzer seinen erneuten Gold-Coup.
Dagegen wirkte seine 15 Jahre ältere Disziplin-Kollegin Nadine Kleinert nach dem ersten großen Karriere-Titel aufgekratzt wie ein Teenager.
Kleinert, die sich selber gerne als Kugelstoß-Oma bezeichnet, hätte den Moment am liebsten festgehalten.
Doch Jungspund Storl blickte routiniert in Richtung Olympia, das an seinem 22. Geburtstag beginnt (27. Juli). "Meine Technik muss noch besser werden", sagte der Welt- und neue Europameister, nachdem er am Vortag in Helsinki sein 7,26 Kilo schweres Arbeitsgerät auf 21,58 m gewuchtet hatte.
Storl nicht rundum zufrieden
Die große Party blieb jedoch aus.
Müde und mit schmerzendem Knie sank der 126-Kilo-Athlet bereits um Mitternacht ins Bett. Schlaf fand er lange nicht. Er grübelte.
Der ehrgeizige Sachse hatte zu viele technische Fehler begangen, um völlig zufrieden sein zu können. Zudem machte ihm sein Knie zu schaffen (Patellasehnen-Spitzensyndrom).
Den Wettkampf hatte er nach dem vierten Versuch erst abbrechen wollen. Dann ging er aber doch lieber auf Nummer sicher, weil von den anderen "jeder 'mal eine Sternstunde haben kann", so Storl. Doch die fand nicht statt.
Mit Unterstützung von Sido zum Sieg
Ihre ganz persönliche Sternstunde erlebte dagegen Kleinert.
Die 36-Jährige pushte sich mit dem Song "Beweg dein Arsch" von Rüpel-Rapper Sido im wohl letzten Jahr der Karriere zu ihrer ersten Goldmedaille.
"Reiß dich zusammen, heute wird dein Tag! Steh auf, geh raus und mach's einfach!", heißt es im Text. Und es wurde der Tag der Magdeburgerin. "Das ist ein Riesen-Gefühl", sagte sie, "die Siegerehrung hat mir fast ein bisschen lange gedauert, ich wollte endlich die Hymne hören."
Obwohl sie ihr Glück kaum fassen konnte, verzichtete auch Kleinert auf eine spektakuläre Feier. "Ich bin keine Millionärin. Sechs Euro schon für ein kleines Bier, das kann ich mir in Skandinavien nicht leisten."
Kleinert von Storl begeistert
Und nach dieser Saison hat sie auch keine Lust mehr, sich täglich im Training zu quälen.
"Schluss, Aus, Ende, vorbei", sagte sie. Nach den Olympischen Spielen in London (27. Juli bis 12. August), ihrem 50. Einsatz in der Nationalmannschaft, will sie die Laufbahn beenden und Trainerin werden.
Dann wünscht sich Kleinert Athleten wie Storl. "Er ist ein Jahrtausendtalent - und macht einfach sein Ding. Absolut unbekümmert und sehr explosiv."
Storl vor ersten Spielen gelassen
Der Hochgelobte, der mit seinen 21,58 Metern auf Platz fünf der Weltrangliste liegt, versucht sich derweil vor Olympia nicht zu sehr unter Erfolgszwang setzen zu lassen. (DIASHOW: Weltrekorde der Leichtathletik)
"Ich glaube, andere sind mehr unter Druck als ich", sagte er, "und es sind ja meine ersten Olympischen Spiele. Ich habe noch Zeit".
Die Vorbereitung läuft jedenfalls hervorragend, der Sachse bricht im Training reihenweise seine Rekorde.
Wenn der Riese mit dem leichteren 4-Kilo-Gerät trainiert, wird sogar die Trainingsanlage zu klein. Dann stößt er regelmäßig über den zwMeter hohen Begrenzungszaun und muss die Kugel aus einem Erdhaufen pulen.
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