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Silke Spiegelburg gewann in Zürich mit 4,79 Metern und sicherte sich erneut den Diamond-League-Jackpot © getty

Und sie kann doch gewinnen. Nach ihrem Sieg in Zürich spricht Silke Spiegelburg bei SPORT1 über 4. Plätze, Versöhnung und Glück

Von Martina Farmbauer

München - Hochspringerin Silke Spiegelburg gilt als "ewige Vierte", weil sie bei drei großen internationalen Titelkämpfen - Europameisterschaft, Olympischen Spielen und Weltmeisterschaft - hintereinander jeweils an der Bronzemedaille vorbeischrammte.

Ewige Vierte, das klingt nach ewige Verliererin. Aber wie eine Verliererin klingt Spiegelburg gar nicht, als sie an diesem Freitagmorgen am Flughafen in Zürich an das Handy geht. Wieso auch?

Die 27-Jährige hat am Vorabend schließlich nicht nur einen Wettkampf gewonnen, sondern damit auch den 40.000-Dollar-Jackpot der Diamond League geknackt (Bericht), und das zum dritten Mal in Folge.

Im SPORT1-Interview spricht Silke Spiegelburg über die Versöhnung mit sich selbst, die Bedeutung einer Medaille und ihre für sie ungewohnte Bekanntheit.

SPORT1:Frau Spiegelburg, erst einmal herzlichen Glückwunsch. Lassen Sie mich raten: Sie sind müde, aber gut gelaunt?

Silke Spiegelburg: Ja, gut gelaunt bin ich auf jeden Fall. Ich wusste nach Stockholm, dass ich noch Chancen habe, den Jackpot zu gewinnen. Dass ich aber auch das Triple für mich persönlich noch schaffe, damit habe ich am Anfang der Saison gar nicht gerechnet. Deswegen bin ich im doppelten Sinne froh, dass ich noch so einen schönen Ausklang dieser Saison hatte.

SPORT1: Sie hatten auf die Wintersaison verzichtet, wussten nicht so richtig, wo Sie stehen...

Spiegelburg: Ich habe mich aber von Woche zu Woche und von Wettkampf zu Wettkampf besser und sicherer gefühlt. Und dann war es irgendwann ein Selbstläufer, dass es wieder richtig gut ging, bergauf.

SPORT1: Und dann kam bei der WM in Moskau mal wieder ein vierter Platz. Wie haben Sie den so gut verdaut?

Spiegelburg: In diesem Jahr war es etwas anders als im vergangenen: Sowohl bei der EM in Helsinki als auch bei den Olympischen Spielen in London war ich die Favoritin. Diesmal wusste ich, dass Drei - die Weltrekordhalterin, die Olympiasiegerin und die Weltjahresbeste - vor mir einfach besser waren. Ich habe einen sehr guten Wettkampf gemacht und Saison-Bestleistung gebracht, war also genau auf dem Höhepunkt genau fit. Dennoch war es Pech, weil ich mit der Leistung in der Vergangenheit immer eine Medaille sicher gehabt hätte, das war natürlich ein Tiefschlag.

SPORT1: Hat es Sie versöhnt, dass Yarisley Silva, die Ihnen WM-Bronze weggeschnappt hat, in Zürich an 4, 86 Meter gescheitert ist und der Jackpot dadurch an Sie ging?

Spiegelburg: Ach, jeder Tag, jeder Wettkampf läuft anders und jeder steht ein anderes Mal auf dem Treppchen. Es war einfach schön für mich, dass ich den Gesamtsieg geholt habe. Und wen ich dann in dem Moment besiegt habe - das kann mal diejenige sein, die davor eine Medaille geholt und mir diese weggeschnappt hat oder auch nicht.

SPORT1: Also alles halb so dramatisch?

Spiegelburg: Natürlich sagt man sich selbst: "Jetzt habe ich sie auch noch mal besiegen können." Aber ich würde sagen, das ist ganz normales Konkurrenzdenken, das wir da haben. Und somit hat die Presse dann auch mal was zu schreiben.

SPORT1: Vielen Dank. Man kann es tatsächlich auch anders sehen. Eigentlich machen Sie das sehr geschickt: Dann, wenn es einiges an Kohle abzuräumen gibt, tun Sie das. Wären Sie ein reicherer Mensch, wenn Sie da, wo Sie vierte Plätze belegt haben, Bronze gewonnen hätten?

Spiegelburg: Oh Gott. Bei Weltmeisterschaften gibt es ja auch Prämien. Und Medaillen sind einfach das A und O, was Sponsorenverträge angeht. Es sind leider in Deutschland alle nur noch auf Medaillen aus, das finde ich persönlich schade. Wir hatten in Moskau viele, die Vierte oder Fünfte mit tollen Bestleistungen geworden sind. Sie werden allerdings über einen Kamm geschoren a la: "Wir wollen nur Medaillengewinner."Aber ob ich jetzt ein reicherer Mensch wäre? Natürlich gibt es eben Prämien, aber ich mache den Sport, weil ich ihn einfach liebe und mir zurzeit auch nicht vorstellen könnte, etwas Anderes zu machen.

SPORT1: Und Sie sind ja auch durch Ihre vierten Plätze bekannt geworden?

Spiegelburg: Ja (lacht). Als ich zurückgekommen bin aus Moskau, musste ich am Wochenende direkt weiterreisen. Da stand ich dann am Bahnhof in Köln und wurde von irgendwelchen Leuten angesprochen: "Sind Sie nicht die und die?" - Und ich so: "Jaaaa." ? "Ah ja, wir haben so mitgelitten." - Ich: "Ja, danke, hmm."

SPORT1: Die Passanten meinten: Die, die immer Vierte wird.

Spiegelburg: Das hat irgendwie schon so eine Tragik gehabt, dass bei drei internationalen Meisterschaften hintereinander der vierte Platz herausgekommen ist. Die Zuschauer haben vor dem Fernseher gesessen und gedacht: Hoffentlich klappt es heute. Und dann ist wieder das Gleiche passiert. Ich merke, dass die Anteilnahme derjenigen, die das mitbekommen haben, sehr stark war. Damit hätte ich nicht gerechnet, dass sich über vierte Plätze auch ein Bekanntheitsgrad erhöht.

SPORT1: Wären Sie als Bronzemedaillen-Gewinnerin ein glücklicherer Mensch?

Spiegelburg: Nein, solange ich weiß, ich habe eine gute Leistung abgeliefert, ist es nicht das Wichtigste. Für mich persönlich geht es darum, das zu machen, was mir Spaß macht, und wenn ich so wie aktuell davon leben und mein Studium finanzieren kann, dann ist das noch ein zusätzlicher Lohn. Ich springe halt einfach so gerne, das hilft nichts.

SPORT1: Was haben Sie sich denn dann für die Zukunft vorgenommen?

Spiegelburg: Dass ich noch mal daran arbeite, mich technisch zu verbessern. Ich weiß, ich kann noch höher springen und versuche immer, meine persönliche Bestleistung zu steigern. Ich hoffe, dass die Höhen, die ich mir vorstelle - 4, 80 Meter, 4,90 Meter und vielleicht auch mehr - dann auch mal herauskommen. Und dass ich in den kommenden Jahren bei Europa- und Weltmeisterschaften wieder um die Medaillen kämpfen kann.

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