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Dwain Chambers wurde 2003 positiv auf das Steroid Tetrahydrogestrinon getestet © getty

Der Brite pulverisiert bei der Hallen-EM den 60-m-Europarekord. Eine neue Sperre droht - weil er seine Schulden nicht begleicht.

Turin - Dwain Chambers sprintete in Europarekordzeit zurück in die Rolle des zwielichtigsten Leichtathleten der Welt und schon droht dem Briten neuer Ärger.

In 6,42 Sekunden verpasste der 30-Jährige, der mit seinem am Montag erscheinenden Buch "Race against me" ("Das Rennen gegen mich") mit der Szene abrechnet und von Ex-Manager John Regis bereits eine Klagedrohung erhielt, den 60-m-Weltrekord von Maurice Greene (USA) nur um 0,03 Sekunden.

So schnell wie jetzt bei der Hallen-EM in Turin war Chambers selbst in seinen Doping-Zeiten nicht annähernd gesprintet.

Auf Position 3 der ewigen Liste

"Ich wusste, dass ich was im Tank hatte. Aber ich war auf eine Zeit von 6,45 Sekunden eingerichtet", meinte Chambers nach seinem Europarekord vom Halbfinale. Im Endlauf holte er dann in 6,46 die bestellte Goldmedaille ab.

Vor seiner Dopingsperre wegen der Designerdroge THG (November 2003 bis November 2005) hatte er eine Bestzeit von 6,55 Sekunden, 2008 steigerte er diese als WM-Zweiter in der Halle auf 6,54.

Und nun, wo er sich zum reuigen Sünder und selbsternannten Saubermann erklärt, folgt der Sprung von Position 50 an 3 in der "ewigen" Weltrangliste über 60 m.

IAAF berät über neue Sperre

Doch schon droht dem Buchautor, der seine Biographie schrieb, weil er dringend Geld braucht - allein Vorabdruck soll 50.000 Pfund gebracht haben - eine erneute Sperre.

Das Council des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF will in zwei Wochen darüber beraten.

Denn der Sprinter, in England als Ex-Doper von Olympia ausgeschlossen, ähnlich durch Sportfest-Veranstalter von 51 Meetings weltweit, muss an die IAAF Gelder in sechsstelliger Euro-Dimension zurückzahlen, die er in Zeiten des Dopings zu Unrecht erhielt.

Die Doppelmoral des Ben Johnson

"Die Regeln sind klar. Ein Sportler, der seine Schulden nicht bezahlt, ist nicht startberechtigt", erklärte IAAF-Sprecher Nick Davies in Turin.

Chambers erinnert an die Doppelmoral seines einstigen Sprint-Kollegen Ben Johnson, der nach seinem "Super-GAU" von Olympia 1988 als Prediger gegen Doping durch die Schulen zog und längst wieder verbotene Substanzen nahm.

Nach einer zweiten Affäre wurde der Kanadier dann lebenslang gesperrt. Mit modernen Mitteln könnte es Chambers, der in seinem Buch gestand, damals über 300 verschiedene Drogen pro Jahr genommen zu haben, heute viel klüger anstellen als es damals Johnson tat.

Pikante Details über Coe

Doch noch ist Chambers, der auch seine 100-m-Bestzeit vom WM-Bronze 1999 (9,97) und dem Comeback 2008 (10,00) fast erreichte, der Mann, der austeilt.

In seinem neuen Buch wirft er Ex-Manager Regis vor, dieser habe vor 2003 von seinem Dopingkonsum gewusst und beschuldigt Olympiasieger Lord Sebastian Coe (1980/84), er hätte während seiner Ehe über zehn Jahre eine Geliebte gehabt. ("Er wirft Handgranaten auf Sebastian Coe")

Diese Vanessa Lander kommt im Buch selbst zu Wort und bestätigt dem Organisationschef von Olympia 2012 in London, er habe damals im Bett ähnliche Klasse bewiesen wie bei seinen Mittelstrecken-Weltrekorden. Coe, als Vizepräsident des Leichathletik-Weltverbandes IAAF in Turin präsent, nimmt zu dem peinlichen Kapitel nicht Stellung.

Warnung an Regis

Regis hat gegenüber "BBC Radio 5 Live" erklärt, er lasse seinen Namen von Chambers nicht zerstören.

Mittlerweile ermitteln offenbar schon der Leichtathletik-Verband und das nationale Olympische Komitee Großbritanniens gegen Ex-Sprinter Regis, der bei Olympia 1988 und 1992 Silber und Bronze gewann.

Im Buch sagt Chambers über Regis, als Mitwisser habe ihm dieser nach seiner internen Dopingoffenbarung gewarnt: "Aber Du musst sehr, sehr vorsichtig sein..."

"Ich war ein wandelnder Junkie"

Am Montag werden bei Erscheinen des Chambers-Buches wohl die letzten Anschuldigungen publik, die der Sprintstar gegen die Szene erhebt.

"Es wird Großbritannien und die Leichtathletik-Welt ins Mark treffen", ließ das Boulevard-Blatt "Daily Mail" bereits wissen.

Chambers wirft Funktionären Heuchelei vor und kritisiert die Qualität der Kontrollen: "Ich war damals fast jeden Tag auf Drogen, praktisch ein wandelnder Junkie. Ich bin immer routinemäßig kontrolliert worden, im Zeitraum des Gewinns meines EM-Titels 2002 gleich zehnmal. Nie wurde ich positiv getestet."

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