Athleten mit und ohne Behinderung in einem Wettbewerb: Ist die Idee ab dem Moment falsch, in dem einer mit Handicap gewinnt?

Nehmen wir mal an, die Lage im Fall Markus Rehm wäre andersrum.

Nehmen wir an, Markus Rehm hätte bei den Deutschen Meisterschaften in Ulm keine hoch entwickelte Karbonprotehese gehabt, sondern einen weit schlechteren Ersatz für seinen amputierten Unterschenkel.

Er wäre - sagen wir - 5,24 Meter weit gesprungen, statt 8,24.

Und er würde hinterher klagen, dass das doch nicht gerecht wäre: Dass der Sieger mit seinen zwei Beinen einen unfairen Wettbewerbsvorteil gehabt hätte.

Man darf annehmen, dass die Mehrheit diese Klage im besten Fall als skurrile Randnotiz wahrgenommen hätte.

Hätte sie deshalb aber auch recht damit?

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Es ist zunächst einmal schön, dass die Prothesentechnik nun so weit ist, dass sie Sport und Gesellschaft zwingt, die Debatte um Rehm ernsthaft zu führen.

Ist es richtig, dass Athleten mit und ohne Behinderung im selben Wettbewerb konkurrieren? Oder ist es falsch, weil es hier um Leistungen geht, die nicht vergleichbar sind (ein Thema, das den Behindertensport in seiner Selbstorganisation übrigens seit Jahr und Tag beschäftigt)?

Aber auch: Ist es auf einmal falsch, weil die Athleten mit Handicap jetzt gewinnen können?

Das Problem der Debatte - wie das der gesamten Inklusionsfrage an sich - ist, dass hier eine Vertretung einer Mehrheit ein Urteil fällen muss über das Anliegen einer Minderheit.

Es ist eine schwierige, unangenehme Entscheidung. Was man denen, die sie treffen müssen auch anmerkt.

Am liebsten wäre es den Leichtathletik-Verbänden anscheinend, dass ein paar kluge Leute aus der Naturwissenschaft eine exakte Antwort auf die Frage geben können, über die man dann nicht weiter nachdenken muss.

Die werden die Biomechaniker, die das Thema gerade untersuchen, aber nicht liefern können. Egal, was dabei herauskommt: Exakt gleich sind die Voraussetzungen bei einem echten und einem künstlichen Bein nicht.

Sport und Gesellschaft müssen sich entscheiden, wo sie die Grenze ziehen, ab der sie den Unterschied akzeptieren können.

Wenn der Fall Rehm außerhalb dieser Grenze liegt: in Ordnung. Aber das Thema ist damit nicht aus der Welt, es wird wiederkommen, wenn die Wissenschaft sich neue Ideen für Sportler mit Behinderung ausdenkt.

Alternativ kann man nur eine ewige Linie zwischen den beiden Welten ziehen.

Aber mit welchem Recht?

Es ist an der Zeit, neu nachzudenken über das Verhältnis von Athleten mit und ohne Behinderung.

Und es ist schade, nicht nur für Rehm, dass das nicht schon gemacht wurde, bevor er Deutscher Meister unter Vorbehalt wurde.

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