vergrößernverkleinern
Heike Henkel gewann 1992 mit 2,02 Metern Olympisches Gold in Barcelona © getty

Im Sport1.de-Interview spricht Heike Henkel über die Probleme der Leichtathletik in Deutschland und den Dopingkampf.

Im zweiten Teil des Sport1.de-Interview der Woche spricht Heike Henkel über die Probleme der Leichtathletik in Deutschland und den Dopingkampf.

Sport1.de: Sie haben das Thema Jugendliche angesprochen. Kann die WM in Berlin für einen Aufschwung in der deutschen Leichathletik sorgen?

Heike Henkel: Das wäre natürlich das Beste, was passieren könnte. Aber ich sehe es bei meinen eigenen Kindern. Das Angebot ist einfach unheimlich groß. Wir brauchen immer Namen in der Leichathletik. Ich glaube schon, dass viele wieder Hochsprung, Stabhochsprung oder Zehnkampf machen wollen.

Sport1.de: Fehlen der Leichtathletik die Identifikationsfiguren?

Henkel: So einfach ist es leider nicht, denn nur mit Namen bekommt man jetzt nicht unheimlich viele Nachwuchsathleten. Es fehlt oft auch an Übungsleitern oder Trainern, die bereit sind, ihre Zeit zu opfern und zu Wettkämpfen zu fahren (zum Kader).

Aber wenn im eigenen Land eine Weltmeisterschaft ist, gibt das immer einen gewissen Aufschwung. Die Handballer haben es vorgemacht. Man merkt danach, dass mehr Motivation da ist. Ob dann wirklich mehr bei diesem Sport landen, halte ich für fraglich. Für die Teilnehmenden ist es auf jeden Fall mehr Motivation.

Sport1.de: Die vier jamaikanischen Läufer, die positiv auf Methylxanthin getestet wurden, sind freigesprochen worden. Ein Schlag ins Gesicht für die Dopingbekämpfung?

Henkel: Ich habe den Fall nicht verfolgt. Ich habe auch nur gehört, dass sie positiv getestet wurden. Wie dieser Freispruch zustande gekommen ist, dazu kann ich nichts sagen.

Sport1.de: Sheri-Ann Brooks wurde aufgrund eines Verfahrenfehlers freigesprochen, die anderen Läufer, weil die Substanz Methylxanthin nicht eindeutig auf der WADA-Liste der verbotenen Substanzen zu finden war.

Henkel: Das ist schon alles ein bisschen seltsam. Ich habe insgesamt das Gefühl - auch über die Leichtathletik hinaus -, dass der Wille, für einen fairen und sauberen Sport einzustehen, noch fehlt. Dafür hätte man schon sehr viel mehr machen können, wenn die Leute wirklich engagiert wären. Ich finde, dafür ist zu wenig passiert. Man hat nicht wirklich das Gefühl, dass das überall ernst genommen wird. International sowieso nicht.

Sport1.de: Wo sehen Sie da Verbesserungsmöglichkeiten?

Henkel: Ich bin für Prävention. Ich denke, Athleten, die dopen, kann man nicht mehr bekehren. Die interessieren mich auch nicht. Ich bin dafür, dass Jugendliche mit dem Bild aufwachsen, dass es sich lohnt, sauber und fair zu sein.

Da gehört dazu, dass ältere Athleten ein Vorbild sind und Verantwortung tragen. Später, wenn man älter und vielleicht bekannt ist, hat man eine Verantwortung gegenüber dem Jugendlichen und der Gesellschaft. Man hat eine Vorbildfunktion und man sollte ein gutes und kein schlechtes Vorbild sein. Jugendliche sollten das Gefühl haben, nicht alles machen müssen, um nach oben zu kommen.

Sport1.de: Ist der Druck der Öffentlichkeit ein großes Problem, dass die jungen Athleten zu schnell an Ruhm und Geld gelangen wollen und daher zu unerlaubten Mitteln greifen?

Henkel: Es gibt einfach die Motivation, zu betrügen und möglichst schnell nach oben zu kommen. Das Problem haben wir eigentlich überall. Das ist ein gesamtgesellschaftliches Problem. Der Sport ist dabei nur ein Vorzeigemodell, leider ein negatives. Aber die Sportler sind eben besondere Vorbilder, da sie immer in der Öffentlichkeit stehen und Jugendliche und Kinder sie wahrnehmen.

Ich denke schon, dass man mit Ehrlichkeit weiter kommt, als wenn man ständig betrügt und damit auch sich selbst betrügt. Ich bin mittlerweile in einem Alter, in dem man anders denkt. Man lässt die Dinge Revue passieren. Ich glaube, man kann eher in die Spiegel schauen, wenn man mit sich selbst im Reinen ist. Wenn man für sich selbst versucht hat, was man kann und nicht auf Biegen und Brechen versucht hat, Erfolg zu haben. Dieser Erfolg ist auch nur kurzfristig. Es ist nur ein kurzer Moment im Leben. Das kann ich im Nachhinein sagen. Ein junger Athlet sieht das natürlich anders. Es ist nur ein kurzer Abschnitt im Leben und dafür lohnt es sich überhaupt nicht, gesundheitliche Schädigungen in Kauf zu nehmen.

Sport1.de: Wie sehen Sie denn die Chancen, dass die Leichtathletik-WM sauber ist?

Henkel: Ich glaube nicht daran, dass die WM sauber ist. Dafür gibt es einfach zu viele Athleten und zu viele Länder, in denen die Anti-Doping-Prävention nicht funktioniert. Kontrollen sind zwar auch ein wichtiger Bestandteil, aber viel wichtiger fände ich Prävention durch Aufklärung, um das Thema Jugendlichen erst einmal bewusst zu machen. Die wissen heute immer noch nicht mehr, als ich zu meiner Zeit, als ich jung war. Das finde ich bedenklich.

Hier geht es zum ersten Teil des Interviews >>

Zum Forum - jetzt mitdiskutieren! Zurück zur Startseite

teilentwitternE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel