vergrößernverkleinern
Steffi Nerius genießt das Blitzlichtgewitter und freut sich mit ihrem Trainer über Gold © getty

Nerius genießt das Blitzlichtgewitter im Stadion und eine durchzechte Disko-Nacht. Den Gold-Triumph sagte sie voraus.

Berlin - Kein Gold der Welt kann Steffi Nerius von ihrem Weg abbringen.

Deutschlands erste Speerwurf-Weltmeisterin hört vier Wochen nach ihrem hollywoodreifen Sensations-Triumph auf.

Auch am Morgen nach dem großen Wurf auf 67,30 m und durchfeierter Nacht stand für die 37-jährige Leverkusenerin fest:

"Es wird keinem Menschen gelingen, mich am Aufhören zu hindern. Auch meiner Mutter nicht. Es ist der richtige Moment. Man darf das Glück nicht erzwingen."

Bundeskanzlerin Angela Merkel, die um kurz vor Mitternacht im deutschen WM-Club Nerius im Namen "aller 80 Millionen Deutschen" gratulierte, versuchte gar nicht erst Deutschlands Speerspitze umzustimmen.

Eine "super Nacht" ohne Schlaf

"Zum Weitermachen lässt sie sich ja leider nicht überreden", sagte die Regierungschefin, die während eines Dienstfluges per SMS von Nerius Triumph erfahren hatte.

Mit einer Tour durchs Berliner Nachtleben feierte Nerius nach dem Treffen mit der Kanzlerin ihren Überraschungs-Coup. Lachend und ausgelassen, nachdem zuvor im Stadion ihre Gefühle Achterbahn fuhren.

"Da schoss alles aus mir heraus, was an Tränen in mir war." Es folgte eine "super Nacht": "Man wird ja nur einmal im Leben Weltmeisterin."

Keine Motivation mehr

Zuvor hatte sie nur nach dem EM-Silber 2002, als die Serie von sieben internationalen Medaillen binnen acht Jahren begann, durchgemacht.

"Damals ging es direkt vom Zapfhahn zum Frühstücksfernsehen", sagt sie. Diesmal legte Nerius noch eine Duschpause im Hotel ein. Dann begann der Medienmarathon.

"Für ein weiteres Jahr kann ich mich nicht mehr motivieren", sagt Nerius über die Gründe ihres Rückzuges.

Schlusspunkt in Berlin

Drei Wettkämpfe plant die Leverkusenerin noch: Am 26. August im thüringischen Sondershausen, am 6. September beim DKB-Cup-Finale in Elstal vor den Toren Berlins und beim Weltfinale am 13. September im griechischen Thessaloniki.

"Eine Mega-Sause gibts dann wohl erst im Dezember."

Als die WM Ende 2004 an Berlin vergeben worden war, habe sie sich bereits vorgenommen, im Olympiastadion den Schlusspunkt zu setzen.

"Sonst hätte ich womöglich schon eher aufgehört."

Es folgt die 40-Stunden-Woche

Rund 100.000 Euro gehen Nerius nach Schätzung von Manager Jörg Neblung durch das Karriereende flöten. Trotzdem ist er überzeugt: "Dies ist der richtige Augenblick für einen Abschluss."

Nerius, die für die WM in zwei Jahren in Daegu/Südkorea als Titelverteidigerin gesetzt wäre, tritt am 1. Oktober eine Trainerstelle in der Behindertensport-Abteilung ihres Vereins Bayer Leverkusen an.

Eine Hollywoodreife Saison

"Dann beginnt für mich der Arbeitsalltag mit einer 40-Stunden-Woche."

Sie freue sich darauf, ihre eigenen Athleten "quälen" zu können, sagt Nerius lachend, im Büro wird sie zusammen mit ihrem jetzigen Trainer Helge Zöllkau sitzen. Gemeinsam mit seinem Schützling hatte er die gesamte Saison über auf das vierte WM-Bronze in Serie spekuliert.

Doch kurz vor der WM sagte Nerius dann: "Ich werfe einfach 72 Meter und hole Gold. Der Trainer sagte: Ok, machen wir so. Die gesamte Saison war schon hollywoodreif."

"Es ging einfach nicht"

Dem Triumph von Nerius stand im WM-Finale die Pleite der Olympiadritten Christina Obergföll vier Tage vor ihrem 28. Geburtstag gegenüber.

Die Offenburgerin wurde mit 64,34 m nur Fünfte, einen Platz vor Nerius-Vereinskollegin Linda Stahl (63,23). "Ich bin von Anfang an Steffis Weite nachgelaufen und war übersteuert. Es ging einfach nicht", sagte sie zweimalige WM-Zweite.

Eine Zerrung in der Zwischenrippen-Muskulatur hatte ihre Krise im Frühsommer ausgelöst, den gestörten Bewegungsablauf bekam sie nich mehr in Griff.

Zum Forum - jetzt mitdiskutieren! Zurück zur Startseite

teilentwitternE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel