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Robert Harting war nach seinem Erfolg im Diskus nicht mehr zu bändigen © getty

Robert Harting überflügelt mit dem letzten Versuch den lange führenden Polen Malachowski und holt das zweite DLV-Gold.

Berlin - Der Kraftprotz mit der Berliner Schnauze schlug mit einem Wahnsinnswurf zu.

Harten Verbalattacken gegen Dopingopfer und Funktionäre ließ Diskus-Riese Robert Harting im letzten Versuch das Überraschungs-Gold folgen und krönte sich vor dem Heim-Publikum zum Diskuswurf-Weltmeister.

Im Stile eines Champions konterte der 24-Jährige zwei Jahre nach dem Gewinn von WM-Silber Polens Olympiazweiten Piotr Malachowski mit 69,43 m aus und übertraf die vorgelegten 69,15.

Dank ans Berliner Publikum

Anschließend hob er WM-Maskottchen Berlino in die Luft und tanzte wie von der Tarantel gestochen mit freiem Oberköper über die Bahn.

"Bis morgen Abend werde ich nicht schlafen, ein bisschen Geld investieren und die Sau rauslassen", sagte Harting.

"Danke, ihr wart absolut toll. Ihr habt ordentlich abgerockt", rief er dem Publikum zu. Dann meinte er: "Ich wollte unbedingt diesen Polen schlagen. Ich wäre aber am Ende fast zusammengefallen. Solche Kreislaufprobleme hatte ich schon lange nicht mehr."

Geste für die Kritiker

Im Jubel hatte Harting aber auch eine Geste für seine Kritiker parat.

Per Handbewegung fuhr er sich über den Mund. Nach dem Motto: Ich sage nichts mehr.

Verbal fügte der dann aber an: "Für die Nummer mit den Dopingopfern entschuldige ich mich ausdrücklich."

Einer der ersten Gratulanten war sein oberster Dienstherr Verteidigungsminister Franz Josef Jung, der ein Telegramm des Hauptgefreiten Harting von der Sportfördergruppe Berlin schickte.

Rhythmisches Klatschen vor jedem Versuch

Wild entschlossen dreinblickend hatte Harting um kurz vor 20 Uhr die Arena betreten. Erst bei der Vorstellung schien sich die Anspannung zu legen.

Locker tänzelte der 2,01-m-Hüne Hin und Her. Ein Lächeln umspielte seine Lippen, mit der Hand am Ohr forderte der Publikumsliebling mehr Lärm von den 32.000 Zuschauern, vor jedem Versuch verlangte er nach rhythmischen Klatschen.

Silber ist nicht genug

Schon in den vergangenen Wochen zeigte Hartings Formkurve nach oben. Als Weltranglisten-Fünfter trat er vor sein Heimpublikum, dem er versprach: "Die Silbermedaille von Osaka ist nicht genug. Ich will mehr."

Es wurde die 14. WM-Medaille für Deutschlands Diskus-Männer seit 1983 und der erste Diskus-Titel seit Lars Riedel 2001.

Damit ist es die erfolgreichste Disziplin innerhalb der 47 WM-Entscheidungen. Außerdem war es das fünfte deutsche Edelmetall der Berliner WM.

Harting kontert Malachowski

Zum Auftakt des Wettkampfes hatte der Olympiazweite Piotr Malachowski (Polen) ähnlich wie am Vortag Speerwerferin Steffi Nerius mit 68,77 m die Konkurrenz geschockt.

Doch Harting ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.

Anders als Titelverteidiger Gerd Kanter (Estland), der sich nach 28 Siegen in Folge erstmals wieder geschlagen geben musste (66,88) und nur Bronze mit nach Hause nahm.

Eklat um Dopingopfer-Attacke

In den Tagen vor dem Finale hatte Harting immer wieder für Negativ-Schlagzeilen gesorgt. Erst stellte er mit ungeschickten Worten den Kampf gegen Doping in Frage, dann die Arbeitsmoral der Funktionäre im Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV).

Zum Eklat kam es nach der WM-Qualifikation am Dienstag (66,81), als Harting die DDR-Dopingopfer attackierte: "Wenn der Diskus aufkommt, soll er gleich gegen eine der Brillen springen, die die Dopingopfer hier verteilt haben - damit sie wirklich nichts mehr sehen. Die Leute, die die Sachen vor den Kopf bekommen, sollen sich Gedanken machen."

Später ruderte er kleinlaut zurück.

Trubel im Athletenhotel zur besseren Konzentration

Harting hatte sich von den Dopingopfern provoziert gefühlt, nachdem sie ihn wegen seiner Aussagen zum Doping und der Zusammenarbeit mit Trainer Werner Goldmann kritisierten.

Goldmann hat eine Dopingvergangenheit in der DDR.

Obwohl Harting seiner Berliner Wohnung in Hohenschönhausen ins Olympiastadion hätte fahren können, suchte der Diskuswerfer vor der WM bewusst den Trubel im Athletenhotel.

Mit einer einfachen Erklärung: "Ich muss raus aus dem gewohnten Umfeld, damit ich mich besser konzentrieren kann und mich zu nichts verleiten lasse. In meine Badewanne zu Hause passe ich sowieso nicht mehr rein."

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