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Caster Semenya war mit 1:58,66 Minuten auch im Halbfinale die Schnellste © getty

Caster Semenya gewinnt das 800-m-Finale deutlich. Doch Zweifel an ihrem Geschlecht machen ein Fragezeichen hinter ihre Leistung.

Berlin - Mit einer Weltjahresbestzeit von 1:55,45 Minuten hat die Südafrikanerin Caster Semenya auf der 800-m-Strecke Gold bei den Weltmeisterschaften in Berlin gewonnen.

Die erst 18-Jährige siegte vor Kenias Titelverteidigerin Janeth Jepkosgei (1:57,90) und der Britin Jennifer Meadows (1:57,93).

Allerdings könnte es passieren, dass Semenya ihre Medaille wieder abgegeben muss, denn medizinische Experten untersuchen derzeit, ob sie unwissend eine männliche Chromosomen-Kombination hat.

"Ein medizinisches Thema"

"Dies ist ein sehr sensibles Thema. Wir haben keine abschließenden Beweise und es gab deshalb keinen Grund, ihren Start zu verbieten", sagte IAAF-Sprecher Nick Davies.

Er könne auch noch nicht sagen, was passieren würde, wenn sich im Nachhinein herausstellt, dass Semenya unwissentlich ein Mann ist. Davies betonte, dass dies nicht mit einem Dopingvergehen vergleichbar sei: "Es gibt da keine vorgeplanten Schritte. Wir gehen diskret und sensibel mit dem Fall um. Es handelt sich um ein medizinisches Thema."

Leistungsexplosion bei Semenya

Die 18-jährige Semenya war Ende Juli in 1:56,72 aus dem Nichts in die Weltspitze vorgestoßen und hatte damals ihre bisherigen Bestzeit um fast acht Sekunden verbessert.

Schnell kamen Dopinggerüchte auf, die sich nicht bestätigten. Der nächste Schritt ist dann der Geschlechtstest.

Die Untersuchungen bei Semenya hätten bereits vor kurzem begonnen. Mindestens vier Experten sind daran beteiligt, erklärte Davies.

Sam verurteilt Geschlechtstest

Scharf verurteilt hat der Präsident des Nationalen Olympischen Komitees für Südafrika den Wirbel um Semenya.

"Wir verurteilen die Art und Weise, wie sie mit Spekulationen und Anschuldigungen konfrontiert worden ist, ausgerechnet an dem Tag, an dem sie in ihrem ersten großen Wettkampf im Finale läuft", sagte Gideon Sam.

"Die Tatsache, dass sich Caster mit diesen Dingen auseinandersetzen musste, macht ihre Leistung im Finale um so bemerkenswerter", sagte Gideon Sam, "sie hat ein unglaubliches Talent und kann große Dinge leisten."

"Mein Kind ist ein Mädchen"

Semenya war wegen ihres jungenhaften Aussehens und ihrer dunklen Stimme in ihrer Heimat offenbar lange gehänselt worden. Ihre Familie wischte jedoch alle Zweifel weg und bekräftigte, dass ihre Tochter eine Frau sei.

"Sie können jeden bei uns im Dorf fragen", sagte ihre Mutter Dorcus Semenya der südafrikanischen Zeitung "Star". "Die Leute wissen Bescheid, weil sie alle mitgeholfen haben, sie zu erziehen. Ich sorge mich nicht, denn ich weiß, dass mein Kind ein Mädchen ist." Die Familie stammt aus dem Ort Seshego, nahe Polokwane in der Provinz Limpopo.

Kein neues Problem

In der Vergangenheit gab es wiederholt Fälle, bei denen Tests zu Tage förderten, dass Männer unwissentlich als Frauen an den Start gingen.

Die Amerikanerin Stella Walsh, die als Stanislawa Walasiewicz für Polen an den Start ging, etwa holte über 100 m 1932 in Los Angeles Olympiagold und vier Jahre später in Berlin Silber.

Als sie 1980 bei einem Überfall erschossen wurde, stellte sich heraus, dass Walsh männliche Geschlechtsorgane hatte.

Soundarajan muss Medaille abgeben

Bei den Asienspielen 2006 in Doha musste die indische Leichtathletin Santhi Soundarajan ihre 800-m-Silbermedaille wieder abgeben, nachdem bei einem Geschlechtstest herausgekommen war, dass sie von der Chromosomen-Konstellation her männlich ist.

Anschließend versuchte Soundarajan, sich das Leben zu nehmen.

Ein Chromosomen-Test reicht nicht

Normalerweise weisen Frauen zwei X-Chromosomen (XX) in ihren Zellen auf, Männer ein X- und ein Y-Chromosom (XY). Manche mit einem Y-Chromosom geborenen Menschen entwickeln alle körperlich charakteristischen Merkmale einer Frau - ausgenommen der inneren Sexual-Organe. Sie leiden unter dem Androgen Insuffizienz Syndrom (AIS).

Diese Frauen sind XY, allerdings kein Mann, weil ihr Körper nicht auf das produzierte Testosteron reagiert. Deshalb dürften sie auch bei den Frauen starten.

AIS-Kranke dürfen starten

Sieben der acht Frauen, die 1996 bei Olympia in Atlanta positiv auf Y-Chromosomen getestet wurden, hatten AIS und durften teilnehmen.

Das Internationale Olympische Komitee hatte 1968 eine umstrittene "Gender Verification" (Geschlechtstest) als verbindlich eingeführt, vor den Sommerspielen 2000 in Sydney jedoch wieder abgeschafft und sieht sie mittlerweile nur noch in strittigen Fällen vor. Auch die IAAF hat ihre Tests abgeschafft.

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