Die Leichtathletik-WM in Berlin war für Sportfans begeisternd, aber ihre Heldengeschichten werden von Zweifeln belastet bleiben.

"Berlin, es war wunderschön. Danke!", war der freundliche Abschiedsgruß von IAAF-Boss Lamine Diack.

Ähnlich euphorisch bilanzierte Deutschlands Leichtathletik-Chef Clemens Prokop: "Diese WM hat nur Gewinner."

Verantwortliche Funktionäre müssen das wohl so übereuphorisch ausdrücken, aber es ist schon wahr: Das Gastspiel der internationalen Athleten-Elite in der Bundeshauptstadt hat blendende Eindrücke hinterlassen.

Beim deutschen Publikum vor allem durch viele Erfolgserlebnisse nach der sieglosen Schmach von Peking.

Die vertrieben nicht nur die Goldgewinner Steffi Nerius und Robert Harting aus der Erinnerung. Auch diejenigen, die es nicht ganz nach oben geschafft haben, haben ihre Geschichten geschrieben - seien es Jennifer Oeser, Betty Heidler oder Raul Spank.

Oder auch Ariane Friedrich, die trotz verpasstem Gold durch ihre ehrliche Freude über Bronze daran erinnert hat, dass in der goldverrückten Gesellschaft nicht nur Siege Anerkennung verdienen.

[image id="cf1aec9a-65df-11e5-acef-f80f41fc6a62" class="half_size"]

Im internationalen Vergleich verblassen all diese Geschichten aber natürlich neben Usain Bolt und seinen Weltrekordläufen.

Aber trotzdem dürfen in der Euphorie über beeindruckende Leistungen vor einem tollen Publikum nicht die Schattenseiten dieses sportlichen Freudenfestes ausgeblendet werden.

Und damit sind nicht die überhöhten Ticketpreise und die - daraus resultierend - stellenweise leeren Zuschauerränge gemeint.

An erster Stelle die entwürdigende Posse um die 800-m-Siegerin Caster Semenya, auf der der Verdacht liegt, dass sie ein Mann oder intersexuell ist.

Eine Problem, das Südafrikas Funktionäre früher als solches erkennen hätten müssen, ehe der Streit um Semenyas sexuelle Identität vor die Weltöffentlichkeit gezerrt wird - mit unabsehbaren Folgewirkungen für die Psyche eines 18-jährigen Mädchens.

In negativer Erinnerung bleibt auch der Verbalausfall von Goldgewinner Harting gegen eine Protestaktion von Dopingopfern der Vergangenheit.

Seine Erkenntnis, dass er seine Vorbildfunktion damit "so ziemlich gar nicht" erfüllt hat, lässt aber hoffen, dass er die richtigen Schlüsse daraus gezogen hat.

Das Doping der Gegenwart war bei dieser WM kaum ein Thema. Nur zwei Positivtests bei eher unbekannten Athleten - das liest sich erstmal gut.

Wer aber weiß, was für ein löchriges Fangnetz Dopingtests für Sünder sind, weiß um die Aussagekraft dieser Statistik: nahe null.

Und so ist nicht ausgemacht, ob im Nachhinein nicht noch einige Heldengeschichten dieser WM umgeschrieben werden müssen.

Unangenehme Fragen belasten sie ja schon jetzt: Die Mega-Rekorde von Usain Bolt - nur ein Produkt von Talent, Trainingsfleiß und dem guten jamaikanischen Essen?

Das Zahnspangenlächeln von Shelly-Ann Fraser: Nur ein süßer Makel oder wie einst bei Marion Jones ein Indiz für Hormonmissbrauch?

Man kann solche Fragen, die nicht nur an die Jamaikaner zu richten sind, als ungebührliche Kritteleien einer dopingfetischistischen deutschen Öffentlichkeit abtun - und wer geschäftliches Interesse an den WM-Helden hat, tut das natürlich allzu gerne.

Aber die Vergangenheit hat zu oft gezeigt, dass es in der Leichtathletik trotz aller Beteuerungen immer gute Gründe für Argwohn gibt.

Zum Forum - jetzt mitdiskutieren!Zurück zur Startseite

teilentwitternteilenE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel