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Christina Obergföll hält mit einer Weite von 70,20 Metern den deutschen Rekord © dpa Picture Alliance

Christina Obergföll spricht über die Chancen auf einen 70-Meter Wurf, große und kleine Goldmedaillen und "saustarke" Gegnerinnen.

Von Olaf Mehlhose

München - Seit 2005 gehört Christina Obergföll im Speerwurf zur absoluten Weltspitze - die Krönung ist ihr bisher aber verwehrt geblieben.

Nach Silber und Bronze bei den letzten Großereignissen soll es nun bei der Leichtathletik-WM in Daegu (27. August bis 4. September) mit der ersehnten Goldmedaille klappen. (434833Der DLV-Kader für die WM)

Die Form ist glänzend: Das hat die 30-Jährige mit vier Erfolgen in der Diamond League und dem Sieg bei der Deutschen Meisterschaft bereits mehrfach unter Beweis gestellt.

Als Top-Favoritin auf den Titel sieht sie sich dennoch nicht.

Im SPORT1-Interview spricht Obergföll über die Chancen auf einen 70-Meter Wurf, große und kleine Goldmedaillen und "saustarke" Gegnerinnen bei der WM.

SPORT1: Frau Obergföll, seit der Silbermedaille von Steffi Nerius bei der EM 2002 haben deutsche Speerwerferinnen bei jeder Großveranstaltung eine Medaille gewonnen. Woher kommt die mentale Stärke?

Christina Obergföll: Im Wurfbereich ist beim DLV natürlich viel Erfahrung vorhanden. In der Vorbereitung auf die Wettkämpfe und bei den Trainingsplänen wird viel richtig gemacht. Was mich betrifft, ich wollte schon immer zu den Besten gehören und gewinnen.

SPORT1: Glauben Sie, dass Sie die Serie bei der WM in Daegu fortsetzen können?

Obergföll: Die bisherige Saison war sehr vielversprechend und stabil, deshalb sehe ich gute Chancen. Letzten Endes entscheidet aber auch die Tagesform. Wenn die Gegnerinnen sehr stark sind, kann es schnell passieren, dass man mit 68 Metern nur Zweite oder Dritte wird.

SPORT1: Neben dem Titel bei den Deutschen Meisterschaften feierten Sie auch vier Erfolge bei den Diamond-League-Meetings und hat den Gesamtsieg bereits sicher. Woher kommt die gute Form?

Obergföll: Ich habe im Winter sehr gut trainiert. Zu Beginn der Saison musste ich dann aber wegen Knieproblemen mit dem Training aussetzen. Ich bin Ende Mai eigentlich ohne große Erwartungen in die Saison eingestiegen - doch dann ist es auf einmal gelaufen. Die Entspanntheit hat dabei eine große Rolle gespielt.

SPORT1: Mit der Diamond League erleben Sie die ganze Saison über hochklassige Events. Ist die WM weiterhin das absolute Highlight des Jahres?

Obergföll: Auf jeden Fall. Der Gewinn der Diamond League ist für mich wie eine kleine Goldmedaille. Die große wird dann bei der WM vergeben.

SPORT1: Mit einer Weite von 68,86 Metern liegen Sie in der Weltrangliste knapp hinter Barbora Spotakova auf Platz zwei. Ist der Titel ihr erklärtes Ziel?

[kaltura id="0_wbnggyb9" class="full_size" title="Prügelei in Monte Carlo"]

Obergföll: Nein, eine Gold-Medaille kann man nicht planen. Spotakova und auch die Russin Maria Abakumova sind saustark, am Ende entscheidet auch das Glück. Ich will um den Titel mitwerfen, aber ich würde nicht sagen, es führt kein Weg an mir vorbei.

SPORT1: 2010 mussten Sie sich bei den Europameisterschaften Ihrer Teamkollegin Linda Stahl geschlagen geben. Trauen Sie ihr eine Überraschung zu? (BERICHT: Stahl und Dilla zur WM)

Obergföll: Ohne ihr zu nahe treten zu wollen: Ich glaube nicht, dass sich Linda Stahl bei der WM im Weitenbereich von Abakumova, Spotakova und Obergföll bewegen wird.

SPORT1: Zwei Mal Silber bei Weltmeisterschaften, einmal bei der Europameisterschaft und einmal Bronze bei Olympia. Warum ist Ihnen bei den Großereignissen noch nicht der große Wurf geglückt?

Obergföll: Bei der WM 2005 war die Silbermedaille Überraschung genug. Da war ich die junge Unbekannte hinter Steffi Nerius. 2007 hätte es eigentlich klappen sollen, da habe ich es mental ein bisschen verdummbeutelt. Ich habe eine schlechte Quali geworfen und mich dann verrückt gemacht. 2008 hatte ich Pech: Zwei Frauen über 70 Meter (Spotakova u. Abakumova, d. Red.) - das passiert einfach nicht alle Tage. 2009 und 2010 war ich gesundheitlich leider nicht ganz auf der Höhe.

SPORT1: Steffi Nerius galt bereits als ewige Zweite bevor Sie jenseits der 30 bei Welt- und Europameisterschaften triumphierte. Braucht es eine gewisse Reife, um einen großen Titel zu gewinnen?

Obergföll: Das ist gut möglich. Speerwurf ist eine technische Disziplin mit hohem Kraftanteil. Das sind Dinge, die man sich über Jahre hinweg erarbeiten muss. Genau so ist es mit der mentalen Stärke. Die Reife, zu sagen, ich bleibe jetzt locker, auch wenn ich im Moment nur Dritte bin oder sich von Dingen - wie einer schlechten Quali - nicht mehr aus der Bahn werfen zu lassen, hatte ich früher nicht. Das sind Lernprozesse, die ich durchgemacht habe, von denen ich jetzt profitiere.

SPORT1: Sie gehören zu den wenigen Werferinnen, die die 70 Meter-Marke schon geknackt haben. Ist das auch bei der WM drin?

Obergföll: Ja, das traue ich mir zu. Ich habe in diesem Jahr bereits zwei Mal knapp 69 Meter geworfen, deshalb ist es kein Zufall, wenn es demnächst knallt. Ob es bei der WM klappt, weiß ich nicht, aber eine persönliche Bestleistung ist auf jeden Fall fällig.

SPORT1: Sie gehören zu den wenigen Gold-Hoffnungen im deutschen Lager. Verspüren Sie eher Druck oder Motivation?

Obergföll: Druck fühle ich überhaupt nicht. Ich bin ja nicht zum ersten Mal in dieser Lage. Von daher verspüre ich eher die Motivation, zu den Besten der Mannschaft zu gehören.

SPORT1: Welchen Athleten im deutschen Kader trauen Sie noch den Sprung aufs Treppchen oder ganz nach oben zu?

Obergföll: In meinen Augen ist Betty Heidler (Hammerwurf, d. Red.) die größte Gold-Favoritin - nur wenn sie sich das Bein brechen sollte, könnte es schiefgehen. Robert Harting (Diskuswurf) ist für mich ein sicherer Medaillenkandidat. Es gibt aber noch viele Athleten, die um eine Medaille kämpfen, sei zum Beispiel Malte Mohr (Stabhochsprung), Matthias de Zordo (Speerwurf) oder Nadine Müller (Diskuswurf).

SPORT1: Ihr Freund Boris Henry gewann in seiner aktiven Karriere Bronze bei Welt- und Europameisterschaften. Bekommen Sie Tipps von ihm?

Obergföll: Wir versuchen, das zu trennen - das eine ist privat und das andere ist sportlich. Aber natürlich tauschen wir unsere Erfahrungen aus, und es lässt sich nicht vermeiden, dass wir auch über den Sport sprechen. Für mich ist er natürlich eine ganz wichtige Bezugsperson.

SPORT1: Leichtathletik gilt als doping-anfällige Sportart. Der IAAF hat nun angekündigt Bluttests bei allen Athleten in Daegu durchzuführen. Glauben Sie, dass sich die Maßnahme auszahlt? (Novum: Bluttests bei allen Athleten)

Obergföll: Einerseits finde ich natürlich gut, dass so etwas gemacht wird - aber es kommt ein bisschen spät. Man hätte über das gesamte Jahr unangekündigte Blutkontrollen machen müssen, so dass jeder Athlet im Vorfeld der WM einmal getestet worden wäre. Leute die bescheißen wollen, haben das Zeug in Daegu vielleicht schon wieder abgesetzt.

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