1975 erlitt der FC Bayern München in Frankfurt eine böse Schlappe. Doch der damalige Trainer nahm die Sache hedonistisch.

Am 32. Spieltag traf der FC Bayern im Kampf um die Meisterschaft auf Bayer Leverkusen und gewann mit 3:0. Unter Interimstrainer Jupp Heynckes hat der Rekordmeister nach dem Klinsmann-Abgang wieder seine Stabilität gefunden.

Ein Verdienst auch des jetzt 64-Jährigen, der am Ende der Saison mit den Münchnern feiern möchte. Das sind dann Tage, die Spieler und Trainer nicht vergessen.

Aber es gab auch schon einen anderen Tag, der nicht nur für die Bayern-Fans, sondern auch für einen Journalisten großen Erinnerungswert besitzt.

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Es war ein Tag, als der von Statur her eher kleine Trainer Dettmar Cramer eine ganz besondere Rolle spielte. Man nannte ihn ja schon den Fußball-Philosophen, den Schöngeist auf der Bank.

Es war der 22. November 1975 im Frankfurter Waldstadion, der 15. Spieltag der Saison 1975/76. Die Eintracht traf im Bundesligaspiel auf den FC Bayern. Die Münchner spielten mit Topstars wie den Weltmeistern Sepp Maier, Franz Beckenbauer sowie Georg Schwarzenbeck. Dazu kamen Kalle Rummenigge und Jupp Kapellmann.

In dem von Trainer Dietrich Weise betreuten Frankfurter Team waren Bernd Hölzenbein, Bernd Nickel, Charly Körbel und ein Jürgen Grabowski.

Was die 55.000 Zuschauer an diesem Tag ab 15.30 Uhr erlebten, war das, was Trainer so beschreiben würden: "Es gibt solche Tage." Aber dieser war ungewöhnlich.

Die Eintracht führte gegen das Bayern-Ensemble schon nach 45 Minuten mit 5:0. Die 55.000 Zuschauer erlebten nicht nur ein Münchner Debakel, sie erlebten auch einen Jürgen Grabowski in einer Weltklasseform.

Er spielte im Eintracht-Trikot das Spiel seines Lebens. Einmal traf er selbst, zweimal gab er den entscheidenden Pass. Und - Grabowski spielte seinen Gegenspieler Josef Weiß schwindelig.

Alle fragten sich: Wann wechselt Dettmar Cramer den armen Josef Weiß aus? Hat er denn kein Erbarmen? Der "Napoleon", wie er genannt wurde, wird doch nicht tatenlos zusehen, wie seine Mannschaft untergeht. Er schrie nicht, er gestikulierte nicht, er rannte auch nicht verzweifelt vor der Bank herum.

Nein. Cramer saß ganz ruhig, mit lockerer Miene, und beobachtete interessiert ein außergewöhnliches Spiel. Und vor allem wechselte er den völlig überforderten Josef Weiß bis zur Halbzeit nicht aus.

Die Partie endete für die Bayern nach einer Grabowski-Galashow mit einem 0:6-Debakel. Andere Trainer als Cramer hätten in der anschließenden Pressekonferenz resigniert dagesessen, verzweifelt nach Worten gerungen oder sogar eine Wutrede gegen die eigene Mannschaft gehalten.

Nicht so Dettmar Cramer. Der kleine Mann zeigte auch in der Niederlage seine ganze Größe und sorgte für eine Überraschung.

Als er von einem Journalisten gefragt wurde, warum er denn gegen den überragenden Grabowski den völlig überforderten Weiß so lange spielen ließ und nicht einen stärkeren Defensivmann gegen ihn stellte, um das drohende Debakel noch abzuwenden, antworte Cramer ganz souverän und überlegt: "Es war so wunderbar, an diesem Tag einem Spieler wie Jürgen Grabowski zuzusehen. Es war für mich ein Fußball-Genuss. Und diesen ästhetischen Genuss wollte ich mir nicht nehmen lassen."

Wolfgang Kleine hatte als Journalist seine Feuertaufe bei der Fußball-WM 1974 in Deutschland. Danach wurden für ihn zahlreiche Handball-Spiele, die Berichterstattung vom Leichtathletik-Europacup 1979 und die Begleitung der Tour de France 1996 sowie 1997 unvergessliche Erlebnisse. Aber eins bleibt besonders in Erinnerung: Das Wintermärchen der Olympischen Spiele 1994 in Lillehammer.

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