Bei den French Open dreschen die Tennis-Profis die Aufschläge pfeilschnell über das Netz. Doch auch "von unten" kann effizient sein.

French Open 2009: Roger Federer und andere Tennisprofis dreschen den Aufschlag mit Geschwindigkeiten bis 230 km/h über das Netz. Selbst auf der bremsenden Asche von Roland Garros werden diese Bälle nicht selten zum Ass.

Aber es gibt auch andere Beispiele. Wenn Spielerinnen oder Spieler aus Resignation, Verzweiflung, taktischem Kalkül oder körperlicher Schwäche den Aufschlag von unten ansetzen.

Die Gegnerin oder der Gegner ist durch diese sonst bei Profis nicht üblichen "Hausfrauen-Aufschläge" verwirrt oder verblüfft. Das Publikum reagiert unterschiedlich.

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Haben die Fans nun Mitleid oder wähnen sie eine Unsportlichkeit?

Es war der 5. Juni 1989 in Paris. Das Achtelfinal-Duell Ivan Lendl gegen Michael Chang spitzte sich zu. Außenseiter und Newcomer Chang litt nach über vier Stunden unter Krämpfen.

Eine unerreichbare Mücke

Nach vielen Litern Flüssigkeit und zahlreichen Bananen, die der US-Amerikaner zu sich nahm, spielte er "Mondbälle" mit den Kräften am Ende. Als dann gar nichts mehr half, spielte Chang den "Hausfrauen-Aufschlag". Lendl war verwirrt, spielte unkonzentriert und beendet das Match mit einem Doppelfehler.

Chang fiel nach dem 4:6, 4:6, 6:3, 6:3, 6:3 zu Boden. "Es war eine lange Reise mi Ivan, aber Gott und Jesus Christus waren mit mir?, sagte Chang, der von den Zuschauern gefeiert wurde. Lendls Kommentar: "Ich sah die Mücke da drüben, konnte sie aber nicht totmachen.?

Hingis polarisiert

Ebenso dramatisch war das Damen-Finale 1999 im Juni in Paris zwischen Steffi Graf und Martina Hingis. Auch hier spielte kurz vor Ende der denkwürdigen Partie ein "Hausfrauen-Aufschlag? eine entscheidende Rolle.

Völlig entnervt durch die Aufholjagd der Deutschen reagierte Hingis und brachte die Zuschauer gegen sich auf. Beim ersten Matchball der Gräfin zum 4:6, 7:5, 6:2-Erfolg schlug die Schweizerin von unten auf. Steffi Graf war überrascht und verlor den Punkt.

Die Fans pfiffen Hingis aus. Doch die zweit Chance ließ sich die Deutsche nicht nehmen und siegte in ihrem letzten Match in Roland Garros.

Tränen einer 18-Jährigen

Die Fans feierten sie, Hingis verschwand in die Kabine. Ein Drama spielte sich ab. Erst Minuten später am die Weltranglisten-Erster weinend im Arm ihrer Mutter Melanie Molitor wieder auf den Centre Court zu Siegerehrung.

Sie hatte das Finale und auch alle Sympathien des Publikums verspielt. 15.000 feierten die Gräfin mit "Steffi, Steffi?-Rufen. Martina Hingis schluchzend unter Tränen: "Vielleicht seid ihr da oben im nächsten Jahr auf meiner Seite.?

Ein glückliche Steffi nach ihrem 22. Grand-Slam-Titel: ?Ich habe mich gefühlt wie eine Französin. Ich habe in aller Welt gespielt, aber nie vor so einem Publikum.?

"Katze" gegen "Jimbo"

Das Drama Nr. 3 spielte sich am 26. Mai 1985 auf der Asche des Düsseldorfer Rochusclub ab. Im Finale des World Team Cup zwischen den USA und der CSSR konnte Miloslav Mecir im zweiten Einzel gegen Jimmy Connors alles klarmachen.

Doch die "Katze?, wie der Slowake genannt wurde, verlor im dritten entscheidenden Satz die Nerven. Nichts lief gegen den US-Amerikaner mehr. "Jimbo? beherrschte das Match. Vor allem die Aufschläge kamen nicht.

Auf einmal, voller Verzweiflung, servierte Mecir den "Hausfrauen-Aufschlag?. Er tat es noch ein zweites Mal. Doch Connors ließ sich durch die Spielweise seines völlig entnervten Gegner nicht beeindrucken. Er gewann den Satz mit 7:5 und das Match. Mecir schlich mit Tränen in den Augen vom Platz.

Applaus für Mecir

Doch dann kam die Überraschung: Bei der Siegerehrung für die Amerikaner, die zum Schluss das Doppel gewannen, waren nicht Connors, John McEnroe und Co. die gefeierten Stars, sondern ein Verlierer.

Als Miloslav Mecir vom Stadionsprecher aufgerufen wurde, standen Zuschauer auf dem Centre Court auf und spendeten ihm mit minutenlangen Standing Ovations Trost.

Wie Mecir später verriet, war es für ihn der eindruckvollste Moment seiner so oft erfolgreichen Spieler-Karriere.

Wolfgang Kleine hatte als Journalist seine Feuertaufe bei der Fußball-WM 1974 in Deutschland. Danach wurden für ihn zahlreiche Handball-Spiele, die Berichterstattung vom Leichtathletik-Europacup 1979 und die Begleitung der Tour de France 1996 sowie 1997 unvergessliche Erlebnisse. Aber eins bleibt besonders in Erinnerung: Das Wintermärchen der Olympischen Spiele 1994 in Lillehammer.

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