Das Duell zwischen der BRD und der DDR gipfelt bei Olympia 1972 in München. An zwei Sonntagen erlebt die BRD Denkwürdiges.

Bei der Leichtathletik-WM in Berlin (ab Samstag) kämpfen Speerwerferin Christina Obergföll aus Offenburg und Diskuswerfer Robert Harting aus dem Ostteil von Berlin in einer deutschen Mannschaft um die Medaillen.

Ich blicke da 37 Jahre zurück. Olympische Spiele 1972 in München. Es sollten eigentlich die fröhlichen Spiele werden. Doch nicht nur der Terroranschlag der Palästinenser, sondern auch der damalige Kalte Krieg überschattete die Veranstaltung.

Dieser Zwist zwischen der DDR und der BRD sorgte vor allem auch im Sport für Reibungen, Dissonanzen und Propaganda gegen den jeweils anderen deutschen Staat.

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Die DDR sah die Auseinandersetzungen im Schwimmbecken, auf der Tartanbahn und in den anderen Sportstätten als Mittel, die Überlegenheit des Sozialismus gegenüber dem Kapitalismus in der BRD auszudrücken.

Jeder Erfolg über einen Athleten oder eine Mannschaft aus der BRD war gleichzeitig auch ein politischer Triumph. Die Retourkutschen folgten auf dem Fuß.

Und so wurde hochgerüstet - mit allen Mitteln. Wie wir jetzt ausführlich wissen: Mit eiserner Disziplin, ausgeklügelten Trainingsmethoden - und mit jeder Menge vom Staat verordnetem Doping.

Oral Turinabol war der Schlüssel zum Kampf um die Weltspitze.

Und jetzt kam München. Oberguru Manfred Ewald hatte die Losung ausgegeben: "Wir schlagen die Athleten der BRD auf deren Territorium."

Charme-Offensiven waren nur gespielt, nur eine grässliche Maske. Nach dem Einmarsch der Nationen im Olympiastadion begann der Kalte Krieg auf der Tartanbahn.

Hämische Schadenfreude

Damalige Reporter des DDR-Fernsehens und ?Rundfunks mussten oder wollten alle Errungenschaften Westdeutschlands schlecht machen.

Das undichte neue Dach des Stadions wurde mit hämischer Schadenfreude kommentiert, Erfolg der bundesdeutschen Sportler entweder runtergeredet oder ganz ignoriert. Der Besuch der jungen Hochsprung-Olympiasiegerin Ulrike Meyfarth im DDR-Fernsehstudio blieb eine Ausnahme.

Die Reaktion im Westen Deutschlands ließ nicht lange auf sich warten. Jeder Erfolg über die scheinbar übermächtigen DDR-Athleten wurde besonders bejubelt.

Zwei goldene Sonntage

Und so wurden zwei Sonntage im September unvergessen. Es waren zwei goldene Sonntage für die bundesdeutschen Leichtathletik, die von den Zuschauern im Olympiastadion gefeiert wurden.

Der 3. September 1972: In drei von fünf Entscheidungen siegten Sportler aus der Bundesrepublik - zumindest zum nach außen zur Schau gestellten Ärger der DDR-Funktionäre und -Reporter.

Wolfermann und Falck mit Gold

Klaus Wolfermann gewann mit 90,48 Metern das Speerwerfen vor dem Favoriten Janis Lusis (UdSSR), dem zwei Zentimeter zum Erfolg fehlten. Die Stimmung im Stadion war schon auf dem Siedepunkt, als Hildegard Falck zum 800-m-Finale startete.

Die Wolfsburgerin siegte unter dem ohrenbetäubenden Lärm in 1:58,6 Minuten vor Niele Sabaite (UdSSR) und vor allem vor Mitfavoritin Gunhild Hoffmeister aus der DDR.

Kanneberg geht zu Gold

Kurz darauf kam Bernd Kannenberg beim 50 km Gehen ins Stadion. Der Jubel wollte nicht enden. Der noch heute prominenteste bundesdeutsche Geher sicherte sich die Goldmedaille in 3:56:11,6 Stunden vor dem Sowjetrussen Wenjamin Soldatenko.

Die Genugtuung im Kampf der Systeme zwischen Ost und West: Ein DDR-Geher kam nicht aufs Podest. Hier standen die West-Medien den Ost-Medien in ihrer versteckten Häme in nichts nach.

Wer schlägt Stecher?

Der 10. September 1972: Es war eine unerträgliche Spannung im Stadion und vor den TV-Schirmen. Das Staffel-Duell über 4x100 Meter der Frauen überbot bisher alles Dagewesene. Die DDR mit 100-m-Olympiasiegerin Renate Stecher als Schlussläuferin war hoch favorisiert. Wer sollte sie schlagen? Nach dem Europarekord der Ost-Mädchen von 42,87 Sekunden schien der Sieg Formsache.

War es wieder das Duell Ost gegen West, das das BRD-Quartett besonders motivierte? Christiane Krause, Ingrid Mickler, Annegret Richter und Heide Rosendahl gingen als Außenseiterinnen ins Rennen.

Thiele hält es nicht aus

Sprint-Bundestrainer Wolfgang Thiele konnte das Finale nicht mitansehen. Während im Stadion der Startschuss fiel, marschierte der Berliner Coach an einer Zigarette ziehend nervös vor den Toren entlang.

Nach drei Läuferinnen bahnte sich auf der Bahn das Wunder von München an. Annegret Richter übergab den Stab mit einem Meter Vorsprung vor der DDR an Heide Rosendahl. Eine Fünfkämpferin im Duell mit der Supersprinterin Renate Stecher.

Die Zuschauer hielt es nicht mehr auf den Plätzen. Für sie war es nur noch eine Frage von Metern, dass Stecher an Rosendahl vorbeizog.

Doch dann geschah das Unfassbare. Meter um Meter verteidigte "Gold-Heide" den Vorsprung und brachte den Stab unter dem ohrenbetäubenden Lärm vor der DDR ins Ziel. Der Jubel der bundesdeutschen Fans war grenzenlos - in der DDR die Enttäuschung groß. Ein scheinbar sicheres Gold war verloren - und das an den Klassenfeind!

Heide, die Tigerin

Trainer Thiele erklärte hinterher das Phänomen so: "Heide ist eine Tigerin. In solchen Momenten wächst sie über sich hinaus."

München 1972 - der Höhepunkt im Systemkampf Ost gegen West.

Gut, dass es auch anders geht. Nach der Wende 1989 trafen sich in München an der legendären Statte die Kontrahentinnen von einst wieder. Renate Stecher und Heide Rosendahl plauderten auf einem Treffen der ehemaligen Stars versöhnlich über das Geschehene - und auch über private Dinge.

Jetzt bei der WM in Berlin wird man sich wiedertreffen.

Wolfgang Kleine hatte als Journalist seine Feuertaufe bei der Fußball-WM 1974 in Deutschland. Danach wurden für ihn zahlreiche Handball-Spiele, die Berichterstattung vom Leichtathletik-Europacup 1979 und die Begleitung der Tour de France 1996 sowie 1997 unvergessliche Erlebnisse. Aber eins bleibt besonders in Erinnerung: Das Wintermärchen der Olympischen Spiele 1994 in Lillehammer.

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