Bei der Leichtathletik-WM drehte sich vieles um Zeiten und Weiten - aber nicht alles. Es gab Momente, da siegten die Emotionen.

Es gibt Dinge, die sind zu Tränen rühren. Und es gibt Dinge, die sind zum Weinen.

Letzteres zuerst: Man weiß es nun nicht. Die Frage stellte sich tagelang bei der Leichtathletik-WM in Berlin.

Ist sie nun eine Frau, oder ist sie ein Mann? Oder gar ein Zwitter? Caster Semenya, südafrikanische Weltmeisterin über 800 Meter, verblüffte mit ihrem Auftreten nicht nur die Konkurrentinnen.

Sie machte auch viele andere mit ihrem kräftigen Lauf sprachlos. Über das wahre Geschlecht sollen sich jetzt die Mediziner streiten, die vom Weltverband IAAF zur Untersuchung des Falls beauftragt wurden.

Tränen der Rührung kamen jedenfalls nicht auf.

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Da ist Shelly-Ann Fraser. Die schnellste Frau der Welt aus Jamaika trommelte in Berlin mit ihrer gedrungenen Gestalt die 100 Meter nur so runter, dass den Gegnerinnen Hören und Sehen verging.

Klein, muskulär, und sehr schnell (10,78 Sekunden). Doch: Schön sah das nicht aus. Leichtathletik ist auch was fürs Auge, es ist etwas Ästhetisches. Usain Bolt lässt grüßen.

Da muss der Autor dieser Zeilen 49 Jahre zurückdenken. Olympische Spiele 1960 in Rom. Das 100-m-Finale der Frauen. Es siegte Wilma Rudolph. Die "Schwarze Gazelle" lief nicht nur, sie schwebte. Die am 12. November 1994 verstorbene US-Amerikanerin aus Clarksville ist heute noch der Inbegriff des eleganten Laufstils.

Aber es gab auch Dinge in Berlin, die rührten zu Tränen. Steven Hooker, der australische Stabhochsprung-Überflieger. Einer, der die Show liebt. Einer, der ganz cool wirkt. Doch nicht so im Olympiastadion. Unter Schmerzen quälte er sich über die 5,90 Meter.

Danach kauerte Hooker auf der Sprungmatte, hielt sich das verletzte Bein und brach in Tränen aus. Der harte Aussie - ganz weich. Gold mit einem gelungenen Sprung, die Freude wurde verinnerlicht.

Das ist Dwight Phillips. Der Weitsprung-Star aus den USA ist sonst ein ebenso cooler Typ. Gold schien für den Mann, der mit 8,54 Metern die Konkurrenz in Schach hielt, nur ein Zubrot zu sein. Doch als dieser Dwight Phillips auf dem Siegerpodest stand, schossen ihm die Tränen in die Augen.

Der Grund war eine Geste, die er nicht erwartet hatte. Die Enkelinnen zweier Weitsprung-Helden überreichten Phillips die Goldmedaille. Die eine war Marlene Dortch, Enkelin des legendären Jesse Owens, die andere war die Enkelin des früheren deutschen Europarekordlers Luz Long.

Phillips: "Ich habe nie geglaubt, dass mich so etwas so mitnehmen könnte. Hier, in dem Stadion, in dem mein Vorbild und Idol Jesse Owens vor 73 Jahren vier Goldmedaillen gewann, von seiner Enkelin geehrt zu werden, ist für mich unvergesslich."

Für Phillips war es der Blick in die Vergangenheit, als sich Sprint-Ästhet Owens und Long ein beispielloses Weitsprung-Duell lieferten. 1936 in Berlin. Der farbige Überflieger und der weiße Herausforderer.

Während Adolf Hitler den "Neger" Owens am liebsten in Grund und Boden verdammt hätte, bekam der US-Star ausgerechnet von einem Deutschen die entscheidenden Tipps. Owens stand in der Qualifikation nach zwei Fehlversuchen vor dem Aus, als ihm Luz Long den entscheidenden Ratschlag gab, den Anlauf zu verlängern.

Owens sprang später 8,06 Meter und gewann, Long holte sich Silber. Nach dem Wettkampf leistete sich Long eine Geste, die bei den Nazi-Größen auf der Tribüne für Unmut sorgte, aber von den 110.000 Leichtathletik-Fans stürmisch gefeiert wurde.

Long hob den Arm seines Widersachers und Bezwingers Owens zum Zeichen des Sieges. Nach diesem legendären und zu der Zeit politisch hoch brisanten Sport-Duell wurden die Gegner zu Freunden. Kai Long, der Sohn des im Krieg gefallenen Luz Long, hatte später noch bis zum Tod von Jesse Owens 1980 dem Superstar der Spiele von Berlin Briefe geschrieben.

Leichtathletik ist mehr als nur "Schneller, höher, weiter"!

Wolfgang Kleine hatte als Journalist seine Feuertaufe bei der Fußball-WM 1974 in Deutschland. Danach wurden für ihn zahlreiche Handball-Spiele, die Berichterstattung vom Leichtathletik-Europacup 1979 und die Begleitung der Tour de France 1996 sowie 1997 unvergessliche Erlebnisse. Aber eines bleibt besonders in Erinnerung: Das Wintermärchen der Olympischen Spiele 1994 in Lillehammer.

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