Lange vor Timo Boll hatte Deutschland einen Tischtennis-Helden. Doch Eberhard Schöler hatte nicht das Auftreten eines Stars.

Das ist schon ein Unterschied. Hier der Medienmann Timo Boll, der bei der zurzeit laufenden Tischtennis-EM in Stuttgart erneut das Triple schaffen will. Dort einer, der eigentlich aussah wie ein netter Buchhalter.

Das war Eberhard Schöler - der Mann mit der Brille. Der heute 68-Jährige war der erste deutsche Tischtennis-Star, der es fast auf den von Japanern und Chinesen beherrschten obersten Olymp gebracht hätte.

Schöler, Abwehr-Spezialist und wegen seines fast unbeweglichen Gesichtsausdrucks auch "Pokerface" genannt, stand am 27. April 1969 in der Eissporthalle von München vor seinem größten Triumph.

Es war das WM-Finale gegen den Japaner Shigeo Itoh. Schöler hatte sich mit seinem Abwehr-Bollwerk und der nach ihm benannten "Schöler-Peitsche" durch Siege u.a. gegen Anatoly Amelin (Russland), Jaroslav Stanek (CSSR) und den Japaner Tokio Tasaka ins Endspiel durchgeschlagen.

Und es war an diesem April-Tag kalt und zugig in der Halle. Trotzdem: 6000 Zuschauer sorgten für eine Riesenstimmung. Schon seit Spielbeginn schallten die "Schöler, Schöler"-Rufe durch den großen Saal.

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Der Düsseldorfer hielt sensationell den Japaner in Schach. Immer lauter wurde das Gebrüll auf den Tribünen. "Schöler, Schöler!"

Der Deutsche gewann Satz eins mit 21:19, er sicherte sich Satz zwei mit 21:14 - nur ein Satz fehlte noch. Immer wieder "Schöler, Schöler, Schöler"-Rufe.

In der Pause zum dritten Satz ließ sich Itoh Zeit. Von seinem Betreuer bekam er ein Getränk gereicht. Und dann kam der Japaner ins Spiel zurück. Er drehte den Spieß um - spielte wie aufgedreht.

Die Anfeuerungsrufe für Schöler nutzten nichts mehr. Der Düsseldorfer stand vor dem großen Triumph, aber dann verlor er den dritten Satz knapp mit 19:21 und den vierten mit 15:21.

Was da unten an der kleinen grünen Platte geschah, erinnerte an die großen Spiele von Tennis-Legende Boris Becker. Schöler wurde nach vorn gepeitscht. Aber im fünften und entscheidenden Durchgang war sein Widerstand gebrochen.

Beim 9:21 war er chancenlos. Der Japaner jubelte, Pokerface Schöler verzog keine Miene. Experten meinte, er hätte auch im Falle des Erfolgs nicht anders ausgesehen.

Aber irgendwie hatte das was. Für die deutschen Tischtennis-Fans - und nicht nur für die - war dieser Mann mit der Brille ein Held.

Wolfgang Kleine hatte als Journalist seine Feuertaufe bei der Fußball-WM 1974 in Deutschland. Danach wurden für ihn zahlreiche Handball-Spiele, die Berichterstattung vom Leichtathletik-Europacup 1979 und die Begleitung der Tour de France 1996 sowie 1997 unvergessliche Erlebnisse. Aber eines bleibt besonders in Erinnerung: Das Wintermärchen der Olympischen Spiele 1994 in Lillehammer.

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