Sport1.de-Redakteur Wolfgang Kleine erinnert sich an ein Rennen, das die Kräfteverhältnisse im Radsport über den Haufen warf.

Es war ein warmer Tag, dieser 20. Juli 1996 im kleinen Ort Saint-Emilion. Der große Showdown der Tour de France stand an. Das Zeitfahren über 63,5 Kilometer mit Start in Bordeaux.

Die Protagonisten: Bjarne Riis, Jan Ullrich und der bei Rundfahrten scheinbar unbesiegbare Spanier Miguel Indurain.

Zu Beginn war es ein Tag wie jeder andere, aber es sollte ein besonderer werden.

Indurain hatte in der Gesamtwertung keine Chancen mehr auf den Tour-Sieg. Doch er wollte in seiner Spezialdisziplin zum Ende seiner Laufbahn den Etappen-Erfolg. Als er über die Startrampe fuhr, war eigentlich nur die Frage: Wie hoch wird der Vorsprung auf die Konkurrenz?

Ullrich lag als Zweiter in der Gesamtwertung vor der 20. und vorletzten Etappe hinter seinem Telekom-Teamkollegen Riis 3:59 Minuten zurück. An sich war der Drops gelutscht, dem Dänen das Gelbe Trikot nicht mehr zu nehmen.

Riis, Kapitän von Telekom, musste sich bei dem Kampf gegen die Uhr nur noch einigermaßen schadlos halten. Das stellte keiner mehr in Frage.

Doch, was sich dann auf der Strecke abspielte, sorgte im Pressesaal des kleinen Ortes Saint-Emilion unter den Journalisten aus aller Welt und den Fans an der Strecke für immer größere Aufregung.

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Jan Ullrich war mit einer Radmütze, den Schirm a la Tennis-Profi Marc-Kevin Goellner nach hinten, über die Startrampe gefahren.

Kein windschnittiger Helm, wie er bei der aktuell stattfindenden WM in Mendrisio bei Titelverteidiger Bert Grabsch und Herausforderer Fabian Cancellara (Schweiz) zu sehen sein wird.

Aber Ullrich fuhr drauflos, immer schneller und schneller. Eine Zwischenzeit nach der anderen verriet: Hier wird nicht nur "König Miguel" gestürzt, hier muss auch Riis um sein Gelbes Trikot bangen.

Ullrich fuhr wie entfesselt. Die Diskussionen im Pressesaal wurden immer lauter, der Blick auf die TV-Monitore im spannender. Ullrich holte pro Kilometer Sekunde um Sekunde gegen Riis auf.

Alle fragten sich: Wann hat er den Dänen gepackt, kann Indurain noch einmal kontern? Ullrich fuhr dem Sieg entgegen, Indurain war um 56 Sekunden geschlagen. Riis stemmte sich mit allen Mitteln gegen den Verlust des Gelben Trikots.

Doch er hatte Glück. Ullrich nahm Riis zwar 2:18 Minuten ab, blieb aber noch 1:41 Minuten in der Gesamtwertung hinter ihm. Dem Tour-Triumph von Riis in Paris stand schließlich nichts mehr im Wege.

Doch nach diesem außergewöhnlichen Zeitfahren von Saint-Emilion und dem Thronsturz des großen Miguel Indurain rauschte es im Blätterwald. Ein neuer Star war geboren. Und: Warum hat Jan Ullrich den Sack nicht zugemacht? Was wäre geschehen, wenn Riis Gelb verloren hätte?

Ein Ex-Profi, der das Rennen genau beobachtet hatte, erzählte mir wenig später was von Teamorder seitens der Bosse Walter Godefroot und Rudy Pevenage: "Mensch haste das denn nicht richtig gesehen? Der Ullrich ist doch auf den letzten zehn Kilometern rückwärts gefahren, nur um seinen Kapitän nicht aus dem Gelben Trikot zu holen."

Wolfgang Kleine hatte als Journalist seine Feuertaufe bei der Fußball-WM 1974 in Deutschland. Danach wurden für ihn zahlreiche Handball-Spiele, die Berichterstattung vom Leichtathletik-Europacup 1979 und die Begleitung der Tour de France 1996 sowie 1997 unvergessliche Erlebnisse. Aber eines bleibt besonders in Erinnerung: Das Wintermärchen der Olympischen Spiele 1994 in Lillehammer.

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