Fußball rund um die Uhr im TV. Sport1.de-Redakteur Wolfgang Kleine über Szenen einer Ehe an einem normalen Fußball-Wochenende.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund DGB war einst stolz auf den Slogan "Samstags gehört der Vati uns!" Er kämpfte dafür und der Großteil der deutschen Betriebe und Firmen verzichtete auf die Samstagsarbeit zu Gunsten der Familien.

"Samstags gehört der Vati uns!" ist allerdings für alle Ehefrauen, Töchter und Söhne von Fußball-Fans inzwischen in weite Ferne gerückt.

Da wird gekickt, was das Zeug hält. Die Fans sind entweder live vor Ort in den Stadien oder drücken als Couch-Potatoes vor dem TV sich den Allerwertesten platt - und das stundenlang.

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Irene fragt samstags: "Heinz, können wir denn mal mit den Kindern in den Zoo gehen?" Antwort von Heinz: "Nein. Müsst alleine gehen. Gleich fängt Fußball an."

Damit die Fernseh-Bosse mitsamt der DFL- und DFB-Chefs alle ihre finanzielle Befriedigung finden, wurden die Spieltage der Bundesliga und Zweiten Liga dann auch noch ordentlich gestreckt.

Nach der TV-Berieselung durch Champions League am Dienstag, Champions League am Mittwoch und Europa League am Donnerstag gleich im Dreier-Pack wäre doch mal eine Pause nötig.

Nein! Und dann geht's richtig los. Freitag, 18 Uhr: Zweitliga-Spiele im Bezahl-TV. 19.50 Uhr: Pause. Sagen wir doch mal ehrlich. Die braucht man doch, um sich die nächste Flasche Bier aus dem Keller zu holen. Denn gleich geht's weiter. Man kommt kaum zum Trinken, geschweige denn zum Essen. 20.30 Uhr: Ein Bundesliga-Spiel im Bezahl-TV - bis 22.20 Uhr.

Und wer dann noch nicht alles gesehen hat, findet sicherlich noch einen Sender, der alles noch einmal zeigt.

Da kann ja der Schlaf in den Samstag hinein nur eine Wohltat sein. Der Fan stärkt sich für den nächsten Stress. 13 Uhr: Zweitliga-Spiele im Bezahl-TV bis 14.50 Uhr. Aufgepasst, da muss der DFL ein Fehler unterlaufen sein. Man hat ja 40 Minuten Pause. Was macht man bloß? Essen. Die Frau hat schon zum vierten Mal die Erbsensuppe warmgemacht.

Aber: Zwischendurch - zwischen einem Schluck Wasser oder Bier und dem Löffel Bohnensuppe - kann man sich doch das Spiel der englischen Premier League anschauen.

Dann geht's endlich weiter. Bundesliga ab 15.30 im Bezahl-TV bis 17.20 Uhr. Der Fan vor dem Fernsehschirm ist warmgelaufen - die dritte Tüte Chips. Doch ist noch kein Ende in Sicht. Irene tönt dazwischen : "Heinz, können wir denn am Sonntag in den Zoo gehen?" Heinz: "Ach was. Da müsst ihr alleine gehen. Da ist Fußball." Irene rührt den Kuchenteig weiter.

18.30 Uhr: Das nächste Bundesliga-Spiel läuft. Wo? - natürlich im Bezahl-TV. Wer das nicht empfängt, ist keineswegs arm dran. Man hat ja parallel im ersten Free-TV, wie es neudeutsch heißt, alle Spiele in 90 Minuten, kurz und fündig. Mit dem Ersten sitzt man sogar in der ersten Reihe.

So das war's dann. Nein, weit gefehlt! Frühestens ab 22 Uhr - der Fan hat sich erholt und die Erbsensuppe verdaut - steigt im zweiten Free-TV, mit dem man noch besser sieht, alles noch einmal von vorn. Wer dann aber noch Spaß hat, kann sich, wie kürzlich geschehen, ab 0.45 Uhr die Pokal-Auslosung reinziehen.

Nach einem erneut gesunden Schlaf folgt der geruhsame Sonntag. Weit gefehlt! Ab 13.30 Uhr Zweitliga-Spiele im Bezahl-TV bis 15.20 Uhr. Pause - denkste! Fernsehen und DFL wollen einen Rundum-Service bieten. In den USA heißt es "Twenty four/Seven". Das erste Bundesliga-Spiel steigt - im Bezahl-TV - bis 17.20 Uhr.

Irene nervt wieder: "Heinz, können wir denn jetzt mal an die frische Luft? Es ist doch so schön draußen." Heinz: "Ach was, reg mich nicht auf. Gleich kommt Fußball." Gesagt, getan. Der kommt tatsächlich. Nach Snacks, einem Stück von Irenes gebackenem Kuchen und einer Tasse Kaffee (man gönnt sich ja sonst nichts) muss nur zehn Minuten später, um 17.30 Uhr, alles wieder parat sitzen. Das nächste Bundesliga-Spiel läuft - natürlich im Bezahl-TV.

Um 19.20 Uhr ist dann aber auch Heinz geschafft. Irene hat nämlich zum sechsten Mal zum Abendessen gerufen.

Das Wochenende mit Fußball oder Teigrühren ist vorbei. Irene atmet auf. Doch Heinz ist schon in froher Erwartung. Am Montag läuft ab 20.15 Uhr ein Zweitliga-Spiel - diesmal live im Free-TV.

Wie hieß es doch: "Samstags gehört der Vati uns."

Wolfgang Kleine hatte als Journalist seine Feuertaufe bei der Fußball-WM 1974 in Deutschland. Danach wurden für ihn zahlreiche Handball-Spiele, die Berichterstattung vom Leichtathletik-Europacup 1979 und die Begleitung der Tour de France 1996 sowie 1997 unvergessliche Erlebnisse. Aber eines bleibt besonders in Erinnerung: Das Wintermärchen der Olympischen Spiele 1994 in Lillehammer.

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