Jury-Entscheidungen beim Turnen scheinen nicht immer gerecht zu sein. Sport1.de-Redakteur Wolfgang Kleine erinnert sich.

Tkatschew-Hocke, Tkatschew-Grätsche, Tkatschew-Bücke - die Reck-Luftnummer und -Flugteile von Alexej Nemow begeistern an diesem 23. August bei den Olympischen Spielen in Athen 2004 nicht nur TV-Kommentator Alexander Spellig, sondern auch die 12.000 Zuschauer in der Halle.

Sie raunen, sie halten die Luft an und feiern Nemow nach dem Abgang mit Standing Ovations. Doch dann kommt das, was den Beifall verstummen lässt: Die nach Meinung der Fans zu niedrige Wertung der Kampfrichter. Nur 9,725 Punkte.

In diesem Moment geschieht etwas, was keiner voraussah. Die Fans pfeifen, buhen und trampeln vor Wut. Eine Stimmung wie im Fußball-Stadion. Fünf, zehn, 15 und 20 Minuten lang wird gepfiffen, getobt.

Der Oberkampfrichter rennt wie ein hektisches Huhn umher, während der Russe Nemow ruhig mit seinen Teamkollegen die Szene beobachtet. Die Wertung wird auf 9,762 erhöht, aber es reicht nicht für eine Medaille.

Das Toben und Pfeifen auf den Tribünen geht weiter. Und hier wird das, was sonst nur negativ ausgelegt wird, zum Positiven. Die Pfiffe gegen das Kampfgericht sind auch gleichzeitig anerkennender Beifall für Nemow.

Und er versteht das. Um die Sache zu bereinigen, steht der Russe auf, wirkt mit Gesten auf die Zuschauer ein, bis dann nach fast 30 Minuten Ruhe einkehrt. Eine große Szene.

[image id="75ebd196-636c-11e5-acef-f80f41fc6a62" class="half_size"]

So wurden aus Pfiffen gegen die Kampfrichter der Beifall für den Athleten. Erst nach einer Pause trat dann Fabian Hambüchen, der bei der derzeit stattfindenden WM in London wegen eines Außebandabrisses leider ausfällt, bei seinem ersten großen öffentlichen Auftritt ans Gerät und wurde später Siebter.

Ein fast 45 Minuten dauerndes Pfeifkonzert klingt mir auch noch heute in den Ohren. Es war die Barren-Entscheidung am 9. Juli 1962 bei der Turn-WM in Prag. Nach zahlreichen Fehlurteilen zu Gunsten der Sowjets brachen nach der Wertung für Boris Schaklin bei 18.000 Zuschauern alle Dämme.

Der Jugoslawe Miroslav Cerar hatte zuvor eine bessere Leistung gezeigt, erhielt aber weniger Punkte als Schaklin. Und diese bessere Wertung für den Sowjetrussen war nach Meinung der Fans zu hoch.

18.000 rasteten in der Sporthalle aus. Sie pfiffen, sie brüllten, trampelten - ununterbrochen, schier endlos während dieser TV-Liveübertragung aus Prag.

Schaklin und Cerar unterhielten sich am Rande der Turnmatte. Sie waren genauso ratlos. Das Kampfgericht arbeitete hektisch, aber es bewegte sich nicht. Das tschechische Publikum pfiff und buhte weiter. Es wollte Cerar als Weltmeister sehen.

Nach 45 Minuten kam dann Bewegung ins Kampfgericht. Die neue Wertung wurde verkündet. Cerar erhielt für seine Übung 0,20 Punkte mehr und wurde damit Weltmeister. Die Pfiffe verwandelten sich in tosenden Beifall.

Wieder mal waren Pfiffe für die einen der Beifall für den anderen.

So auch bei der Leichtathletik-WM 2009 in Berlin. Jennifer Oeser erkämpfte sich nach Sturz und einem begeisternden 800-m-Rennen noch Silber im Siebenkampf. Mit ihrer deutschen Teamkollegin Julia Mächtig trat sie im Olympiastadion die Ehrenrunde an.

Das Duo hatte sich ein Trikot mit der Aufschrift "Danke Berlin!" übergestreift. Riesenbeifall begleitete Oeser und Mächtig. So lange bis sie von übereifrigen Ordnern gestoppt wurden.

Die forderten die beiden auf, das Trikot wieder auszuziehen und die Ehrenrunde zu beenden. Ein Sturm der Entrüstung auf den Rängen brach los. Die Ordner wurden gellend ausgepfiffen, minutenlang. Die Pfiffe gegen die Ordnungsmacht durften Oeser und Mächtig getrost als Beifall für sich buchen.

Und noch eins am Rande: Selbst Superstar Usain Bolt konnte wegen der Ehrenrunde erst später im 100-m-Finale starten. Jennifer Oeser grinsend: "Es war doch so, dass Bolt auf uns warten musste. Sonst müssen doch alle auf ihn warten."

Wolfgang Kleine hatte als Journalist seine Feuertaufe bei der Fußball-WM 1974 in Deutschland. Danach wurden für ihn zahlreiche Handball-Spiele, die Berichterstattung vom Leichtathletik-Europacup 1979 und die Begleitung der Tour de France 1996 sowie 1997 unvergessliche Erlebnisse. Aber eines bleibt besonders in Erinnerung: Das Wintermärchen der Olympischen Spiele 1994 in Lillehammer.

Zum Forum - jetzt mitdiskutieren! Zurück zur Startseite

teilentwitternE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel