Auf der "Pista Stelvio" in Bormio geht 1985 der Stern eines deutschen Blondschopfs auf. Wolfgang Kleine blickt zurück.

Der Tag ist trist. Ich liege im Krankenhaus, bin am Tag nach der Leisten-OP noch wie benebelt. Aber der Ton der TV-Übertragung, die ich im Bett nur akustisch verfolgen kann, weckt mich aus dem Dämmerschlaf.

Es ist der 7. Februar 1985, der Tag des WM-Riesenslaloms von Bormio. Ich höre immer wieder "Zappradiii!"", "Was macht der Bursch denn da?", "Zappradiii!"

Der Bursch ist ein bis dahin noch nicht so bekannter Blondschopf. Sein Name: Markus Wasmeier.

Und TV-Reporter Harry Valerien ist aus dem Häuschen: "Zappradiii! Der rast da im Harakiri-Stil die Piste runter!" Es ist die "Pista Stelvio".

"Wasi" hat im ersten Durchgang die beste Zeit vorgelegt. Er ist plötzlich Gold-Favorit.

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Wasmeier verliert schon bald nach dem Start in den zweiten Lauf kurz die Konzentration, rast mit dem Kopf vor die Stange.

"Danach habe ich nur noch das Strickmuster der Mütze gesehen", wird er später erzählen. Der Blindflug dauert ein paar Meter, dann wirft "Wasi" Mütze und Brille in den Schnee.

Valerien fiebert mit, ich werde immer wacher. Und dann zählt er die Sekunden. 1:19 Minuten, 1:20 - 1:20,18 Minuten. "Es reicht. Der Wasi hat's geschafft! Zappradiii - er ist Weltmeister!" brüllt Valerien ins Mikro.

Ich bin plötzlich hellwach. Ein junger Deutscher ist Ski-Weltmeister vor Pirmin Zurbriggen und Marc Girardelli.

Später bei der Siegerehrung auf dem Marktplatz in Bormio, wo jüngst auf der "Pista Stelvio" die Abfahrt ausgetragen wurde, ist der "Wasi" immer noch in Trance - wie die Veranstalter. Denn die legten die DDR-Hymne auf.

Doch Wasmeier war nicht die einzige WM-Überraschung. Die andere war ein Prinz - Prinz Hubertus von Hohenlohe. Der für Mexiko startende Österreicher kam in der Abfahrt auf Rang 40, im Slalom auf den 26. Platz.

Und das mit dem von ihm gewünschten erträglichen Abstand. Playboy, Fotograf und Sänger von Hohenlohe: "Ich wollte doch nicht, dass die anderen mich als Nasenbohrer bezeichnen."

Wolfgang Kleine hatte als Journalist seine Feuertaufe bei der Fußball-WM 1974 in Deutschland. Danach wurden für ihn zahlreiche Handball-Spiele, die Berichterstattung vom Leichtathletik-Europacup 1979 und die Begleitung der Tour de France 1996 sowie 1997 unvergessliche Erlebnisse. Aber eines bleibt besonders in Erinnerung: Das Wintermärchen der Olympischen Spiele 1994 in Lillehammer.

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