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Benjamin Kleibrink ist der erste deutsche Einzelolympiasieger in der Waffe Herrenflorett © getty

Olympiasieger Benjamin Kleibrink erklärt den Nachteil des Fechtens. Sein umstrittener Klubwechsel habe sich "super ausgezahlt".

Von Martin Hoffmann

München - Im August 2008 auf dem Olymp, im April 2010 in Vergessenheit: Um den Fechter Benjamin Kleibrink ist es still geworden.

Der erste deutsche Einzelolympiasieger mit dem Herrenflorett, der sich in Peking ähnlich überraschend wie Gewichtheber Mathias Steiner die Goldmedaille sicherte, bereitet sich auf die EM in Leipzig vor. Doch große Schlagzeilen winken dem 24-Jährigen auch da nicht.

Im Interview der Woche von SPORT1 erklärt der Rheinländer das mediale Problem des Fechtens und zieht einen Vergleich zum Fußball.

Zudem spricht Kleibrink über einen Experten, den er vor den Sommerspielen 2010 ins Boot holen will, und über seinen umstrittenen Vereinswechsel ins Fecht-Mekka.

SPORT1: Herr Kleibrink, werden Sie eineinhalb Jahre nach Ihrem Olympiasieg eigentlich noch auf der Straße erkannt?

Benjamin Kleibrink: Nein, eigentlich gar nicht.

SPORT1: Wurden Sie es denn je?

Kleibrink: In den Wochen danach ein paar Mal, aber das hat schnell nachgelassen.

SPORT1: Mit eineinhalb Jahren Abstand: Was hat der Olympiasieg für Sie bewirkt?

Kleibrink: Es gab hier und da ein paar Auftritte direkt nach den Spielen, große Sponsorenverträge sind aber nicht dabei rumgekommen. Im Endeffekt hat sich auf lange Sicht nicht viel verändert, aber das ist auch in Ordnung so. Es ist angenehm, wieder ganz normal arbeiten zu können.

SPORT1: Sie würden sich also nicht wohl fühlen, wäre das Interesse an Ihnen so explosionsartig gestiegen wie bei Matthias Steiner, den jetzt jeder kennt?

Kleibrink: Ich weiß nicht, so würde ich das vielleicht auch nicht sagen. Man müsste es ausprobieren. Ich bin zufrieden, wie es ist. Aber vielleicht wäre ich es auch dann, wenn es anders gekommen wäre.

SPORT1: Haben Sie, was Ihre Selbstvermarktung angeht, nach Olympia etwas falsch gemacht?

Kleibrink: Falsch gemacht ist nicht das richtige Wort, aber ich hätte vielleicht einiges anders machen können. Ich bin kein Marketingspezialist und habe mich damit nicht groß auseinandergesetzt.

SPORT1: Würden Sie es also beim nächsten Mal anders machen?

Kleibrink: Ich werde mir wahrscheinlich vor London jemanden suchen, der sich mit solchen Dingen beschäftigt, um darauf vorbereitet zu sein.

SPORT1: Mit den Olympiasiegen von Ihnen und Britta Heidemann hat sich auch die Hoffnung verknüpft, dass Ihre Sportart einen Schub erlebt. Haben Sie davon etwas bemerkt?

Kleibrink: Ich persönlich nicht, aber ich habe doch gehört, dass es etwas bewirkt hat und etwas mehr Nachwuchs gekommen ist. Es scheint sich etwas getan zu haben.

SPORT1: Das Fechten hat einen Ruf als elitäre Sportart. Liegt es auch daran, dass sie trotz allem eine Randerscheinung ist?

Kleibrink: Vielleicht. Das Hauptproblem ist, dass man ins Fernsehen kommen muss, um sich zu etablieren. Und das ist schwierig bei einer Sportart, die so extrem schwer zu verstehen ist. Wenn Leute vor dem Fernseher sitzen und fünfmal hintereinander nicht verstehen, warum jetzt der eine einen Treffer bekommen hat und der andere nicht, dann ist das problematisch, da Interesse zu wecken. Das ist der Nachteil an einer komplexen Sportart.

SPORT1: Wie würden Sie denn einem Interessierten erklären, was einen guten Fechter ausmacht?

Kleibrink: Das wichtigste ist mentale Stärke, besonders wenn man in den entscheidenden Gefechten den nötigen Treffer setzen muss. Das ist eine genauso angespannte Situation wie beim Elfmeterschießen im Fußball. Dazu braucht es Schnelligkeit, Zielstrebigkeit, man muss mitdenken können und braucht wie in jeder Sportart den nötigen Ehrgeiz. Es ist auch im Fechten möglich, sehr erfolgreich zu sein, ohne gleich der Talentierteste zu sein - so lange man hart arbeitet.

SPORT1: Was hebt denn Ihre Disziplin, das Florett, von den anderen Varianten des Spiels ab?

Kleibrink: Das Florett liegt von der Dynamik zwischen Degen und Säbel. Der Säbel ist sehr schnell, da preschen die Gegner aufeinander, beim Degen wird viel abgewartet und taktiert. Das Florett ist der Mittelweg, bei dem man alle Elemente des Fechtens auf sich vereinen muss - sowohl taktisch als auch athletisch.

SPORT1: Nach Olympia hat ihr Vereinswechsel von Bonn nach Tauberbischofsheim hohe Wellen geschlagen. Sie hatten sich mit dem Bonner Vorstand verkracht, es ging im Streit um eine Prämie vor Gericht und es gab Falschmeldungen über einen Medizinstudienplatz, den Ihnen Ihr neuer Verein angeblich verschafft hätte. Hat sich denn inzwischen alles normalisiert nach dem Trubel?

Kleibrink: Ich habe mit meinem neuen Verein ein super Verhältnis. In Bonn trainiere ich ja noch immer, aber der Kontakt zu dem Vorstand, mit dem ich damals über Kreuz lag, ist jetzt gleich null. So gesehen ist aber alles gut.

SPORT1: Hat sich der Wechsel nach Tauberbischofsheim, das als Mekka der Szene gilt, bezahlt gemacht?

Kleibrink: Tauberbischofsheim ist, was Marketing und Organisation angeht, deutlich professioneller als das, was ich aus Bonn kannte ? und es ist auch kein Geheimnis, dass der Verein mir ein super Angebot gemacht hat. Von daher hat sich alles super ausgezahlt.

SPORT1: Im Juli gibt es eine EM im eigenen Land. Was haben Sie sich für Leipzig vorgenommen?

Kleibrink: Ich strebe im Einzel eine Medaille an, in der Mannschaft wollen wir auch ins Finale und alles rausholen. Es wird in jedem Fall schön, vor eigenem Publikum zu fechten. Wir hatten schon eine Weltmeisterschaft in Leipzig, das war damals meine erste und das war eine schöne Erfahrung. Ich hoffe auf eine ähnliche.

SPORT1: Treibt Sie der Wunsch nach Wiedergutmachung an, nachdem Sie bei der EM im Vorjahr früh ausgeschieden sind?

Kleibrink: Das Abschneiden damals muss man einordnen: Ich hatte damals nicht viel trainiert, daher war das frühe Aus für mich auch keine Überraschung. Ich habe es auch recht schmerzfrei verkraftet. Aber nichtsdestoweniger will ich in diesem Jahr wieder versuchen voll anzugreifen.

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