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Thomas Köhler (l.) gewann 1964 und 1968 Olympia-Gold im Rodeln © imago

Thomas Köhler, ehemals zweiter Mann im DDR-Sport, räumt Staatsdoping auch an Minderjährigen ein - entschuldigt es allerdings.

Berlin - Der erste hochrangige Ex-Sportfunktionär hat das flächendeckende Staatsdoping in der DDR zugegeben - und dabei auch die Verabreichung illegaler Substanzen an Minderjährige zugegeben.

In seiner am Mittwoch erscheinenden Autobiografie "Zwei Seiten der Medaille", taucht Thomas Köhler, einst der zweite Mann des DDR-Sports, die Vorgänge jedoch in ein äußerst mildes Licht ? und unterstellt ehemaligen Top-Athleten Mitwisserschaft.

"Alle Mittel wurden im Einvernehmen mit dem Sportler verabreicht", schreibt Köhler.

Ihm sei " aus meiner Tätigkeit im Leistungssport nicht bekannt, dass ein Trainer oder ein Sportler von oben angewiesen wurde, Dopingmittel zu verwenden", schreibt Köhler.

Das anerkannte DDR-Dopingopfer Ines Geipel kritisierte Köhler scharf und nannte sein Buch gegenüber der "dpa" eine "Lüge und eine Verklärung seiner Verantwortung im DDR-Sport".

Mittel zur "Chancengleichheit"

Köhlers Sicht der Dinge sieht wiefolgt aus: Anfang der siebziger Jahre sei die Chancengleichheit für DDR-Sportler im Ost-West-Vergleich nicht mehr gewährleistet gewesen.

Daher "entschied sich die damalige Sportleitung für den Einsatz ausgewählter anaboler Substanzen in einer Reihe von Sportarten".

Köhler - Rodel-Olympiasieger von 1964 und 1968 - räumt ein, dass die Dopingmittelabgabe auch an Nachwuchssportler unter 18 erfolgte, findet aber auch dafür entschuldigende Worte.

Minderjährigen-Doping im Schwimmen

Doping sei nur "für ausgewählte Kadersportler vorgesehen gewesen, die in der Regel erwachsen waren. Ausnahmen bestanden zum Beispiel im Schwimmen, einer Sportart mit einem geringeren Höchstleistungsalter, wobei nur Sportler einbezogen wurden, die nach einem mehrjährigen Trainingsprozess zur Leistungsspitze zählten."

Wenn Sportler bereits ab dem 16. Lebensjahr an den Dopingprogrammen beteiligt wurden, "geschah das vor allem unter Beachtung ihres biologischen Reifegrades", schreibt Köhler, gibt jedoch auch zu: "Inzwischen hat sich gezeigt, dass es Verstöße gegen diese Festlegungen gab."

Er aber hätte "Verletzungen unserer Nachwuchskonzepte" nicht geduldet, hätte er davon gewusst.

"Strengste Beachtung der ärztlichen Sorgfaltspflicht"

Der heute 70 Jahre alte Köhler behauptet außerdem: "Es stimmt nicht, dass Sportler, die es ablehnten, unerlaubte Mittel zu verwenden, ihre Kaderzugehörigkeit verloren hätten."

Er nennt die Rodlerinnen Ute Rührold, Margit Schumann und Eva-Maria Wernicke als Beispiele für Athleten, die Doping abgelehnt hätten und trotzdem erfolgreich Medaillen gewonnen hätten.

Laut Köhler waren kurz vor der Wende 90 Fachärzte in den Sportvereinen der DDR angestellt. "Die Vergabe von Medikamenten", berichtet Köhler, "erfolgte unter strengster Beachtung der ärztlichen Sorgfaltspflicht."

Schwere gesundheitliche Zwischenfälle oder sogar Todesfälle habe es in der DDR nicht gegeben - eine Behauptung Köhlers, längst durch die zahlreichen Prozesse von geschädigten DDR-Sportlern widerlegt worden ist.

"Reihe möglicher Konsequenzen nicht genügend beachtet"

Aus heutiger Sicht allerdings "haben wir Verantwortlichen des DDR-Leistungssports in der Dopingproblematik eine Reihe möglicher Konsequenzen nicht genügend beachtet", so Köhler. Und: "Nicht alle damaligen Entscheidungen können unter Berücksichtigung dieser Umstände gerechtfertigt werden."

Die Verantwortlichen des DDR-Sports hätten sich die Entscheidung für den Einsatz von Dopingmitteln nicht leicht gemacht und strenge Kriterien festgelegt, unter welchen Bedingungen sie eine Nutzung nicht nur vor den Sportlern vertreten, sondern mit ihnen gemeinsam tragen konnten.

Wie organisiert man damals auch in der Bundesrepublik vorgegangen sei, werde bis heute mit wenigen Ausnahmen bewusst verschwiegen, betonte Köhler.

Geipel: "Obermies"

Ex-Sprinterin Ines Geipel wertete Köhlers Buch als Versuch, "die Geschichte zu drehen und die Geschädigten immer wieder neu zu diskreditieren".

Die Dopingopfer, so Geipel "sterben weg, Herr Köhler aber sitzt mit guter Rente in seiner chicen 10 000 Ostmark-Villa und promotet nun mit dieser Lüge sein Buch. Das ist obermies."

Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) begrüßte das Geständnis Köhlers trotzdem: "Die Aussagen von Thomas Köhler bringen mehr Klarheit in die Aufarbeitung der Dopinggeschichte."

Natürlich sei der Staatsplan "für flächendeckendes Doping bekannt gewesen, genau wie das Doping auch an Minderjährigen bereits in Prozessen in den neunziger Jahren aufgedeckt worden ist", so Bach: "Aber die sportpolitisch Verantwortlichen der früheren DDR haben das immer weitgehend geleugnet."

Pensionär in Berlin

Köhler lebt heute als Pensionär in Berlin.

Von 1968 bis 1976 arbeitete er als Cheftrainer der DDR-Rennrodler. 1984 in Sarajevo und 1988 in Calgary war er Chef de Mission der DDR-Mannschaft bei den Olympischen Winterspielen. Bis 1990 gehörte er dem Nationalen Olympischen Komitee der DDR an.

Zehn Jahre nach der Wende wurde er wegen seiner Beteiligung an der Verabreichung von "unterstützenden Mitteln" zu einer Geldstrafe von 26.400 D-Mark verurteilt.

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