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Molekularbiologe Werner Franke engagiert sich seit Jahren im Kampf gegen Doping © getty

Der Ex-Sportfunktionär wird nach der Buch-Beichte massiv angegangen. Franke muss "lachen", ein Opferverband erwägt Klage.

Köln - Unsäglich, menschenverachtend, verwerflich, infam: Der frühere DDR-Sportfunktionär Thomas Köhler steht nach seinen Enthüllungen über flächendeckendes Staatsdoping in der DDR im Mittelpunkt der Kritik.

"Es ist der erneute verwerfliche Versuch, die DDR-Vergangenheit zu verklären und die irreparablen Schädigungen, die durch das unmenschliche Dopingsystem entstanden sind, auszublenden", sagte Klaus Zöllig, der Vorsitzende des Dopingopfer-Hilfevereins (DOH), im Gespräch mit dem "Mannheimer Morgen".

Der Verein erwägt eine Klage gegen Köhler wegen Verleumdung und Opferverhöhnung.

"Das tut mir leid"

Köhler, der in seinem Buch "Zwei Seiten der Medaille" unter anderem über Minderjährigen-Doping in der DDR berichtet, hat sich mittlerweile offiziell bei den Opfern des DDR-Staatsdopings entschuldigt.

"Das tut mir sehr leid. Dass wir im Nachhinein gemerkt haben, dass wir eine Reihe von Fehlern und Versäumnissen zugelassen haben, auch einige Dinge unterschätzt haben, Auswüchse unterschätzt haben - das tut mir sehr leid", sagte der ehemalige Vizepräsident des Deutschen Turn- und Sport-Bundes dem "WDR": "Ich entschuldige mich bei den Opfern, die es tatsächlich gab."

Wobei die Frage offen bleibt, welche Opfer es aus seiner Sicht nicht "tatsächlich gab".

Bach fordert Entschuldigung

DOSB-Präsident Thomas Bach - der Köhlers Buch am Tag der Vorabveröffentlichungen noch begrüßte - hatte diese Entschuldigung Köhlers am Mittwochmorgen eingefordert.

"Um den Eindruck des Zynismus zu vermeiden, wäre angesichts des Eingeständnisses darüber hinaus eine Entschuldigung gegenüber den Dopingopfern und denen, die damals mit den gedopten Athleten im Wettbewerb standen, mehr als angebracht", sagte Bach.

Die Aufarbeitung der Thematik müsse nun im Rahmen des vom DOSB initiierten Forschungsprojektes weitergehen.

"Besondere Berücksichtigung müssen dabei die näheren Umstände der damaligen Entscheidungen, die Folgen für die Athleten, aber auch die Konsequenzen im deutsch-deutschen Wiedervereinigungsprozess finden", sagte IOC-Vizepräsident Bach.

NADA gibt keinen Kommentar

Die Nationale Anti Doping Agentur (NADA) wollte das Köhler-Buch überhaupt nicht kommentieren.

"Doping an Minderjährigen darf nicht wieder vorkommen", sagte NADA-Sprecher Berthold Mertes: "Deshalb sieht der Anti-Doping-Code für Minderjährigen-Doping auch das höchste Strafmaß vor. Verabreicht ein Athletenbetreuer beispielsweise Anabolika oder Epo an einen Minderjährigen, führt dies nach Artikel 10.3.2 des NADA-Codes direkt zu einer lebenslangen Sperre."

Köhler hatte die fatalen Folgen des Dopings in seinem Buch nahezu vollständig negiert.

"Die ganze Welt hat gedopt, und wenn die DDR erfolgreich sein wollte, musste sie ein System finden", sagte der Rodel-Olympiasieger von 1964 und 1968: "Und wir hatten eine Sportmedizin, die sehr, sehr verantwortungsbewusst gearbeitet hat."

Franke widerspricht

Das sieht der Heidelberger Molekularbiologe und Doping-Chefankläger Werner Franke ganz anders.

"Wenn ich lese, dass die Sportmedizin in der DDR verantwortungsbewusst gearbeitet haben soll, dann muss ich laut lachen", sagte Franke: "Die Sportmedizin dort war bieder und weit vom internationalen Standard entfernt."

Spätestens seit 1980 habe es massenweise Publikationen zu schädlichen Nebenwirkungen von Doping gegeben: "Übrigens auch in der DDR." Dennoch seien dort jährlich ca. 2000 Athleten, "darunter auch zahlreiche Minderjährige", gedopt worden.

In der Bundesrepublik Deutschland habe es flächendeckendes Doping dagegen nicht gegeben. "Dort haben kleine voneinander abgeschottete Zirkel mit der Unterstützung einiger weniger Ärzte Doping betrieben", sagte Franke.

Infame Aussagen

Dagmar Freitag, die Vorsitzende im Sportausschuss des Deutschen Bundestages, bezeichnete Köhlers Aussagen "besonders in Bezug auf junge Menschen" als infam.

"Ich bezweifle, dass jeder Betroffene gewusst hat, dass die verabreichten Substanzen Dopingmittel waren. Das ist eine Form von sportpolitischer Geschichtsklitterung, die aus meiner Sicht nicht haltbar ist", sagte die SPD-Politikerin.

"ZDF"-Moderatorin Kristin Otto, 1988 in Seoul sechsfache Schwimm-Olympiasiegerin, wollte keine Stellungnahme zu Köhlers Buch abgeben: "Ich habe in den letzten 20 Jahren bereits alles zu dem Thema gesagt. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass ich dazu jetzt nichts mehr sagen möchte."

"Kinder wurden gedopt"

Ute Krieger-Krause, ehemalige Schwimmerin und Ehefrau von Andreas Krieger, der als Heidi Krieger 1986 in Stuttgart EM-Gold im Kugelstoßen der Frauen gewann und bis heute unter den Folgen des jahrelangen Anabolika- und Testosteron-Dopings leidet, warf Köhler vor, nicht die volle Wahrheit gesagt zu haben:

"Im Schwimmen wurden sogar schon die Kinder gedopt, nicht nur die Jugendlichen. Unterstützende Mittel wurde das damals genannt."

Ihrem Mann, Jahrgang 1965, waren von 1982 bis 1984 ohne sein Wissen hohe Dosen Oral-Turinabol verabreicht worden.

Köhler beschuldigt Sportler

Köhler hatte behauptet, die gedopten Sportler hätten stets über alle Maßnahmen Bescheid gewusst.

"Alle Mittel wurden im Einvernehmen mit dem Sportler verabreicht", heißt es in seinem Buch wörtlich: "Wenn Sportler, die genau wussten, was sie bekamen, heute noch ausschließlich den Ärzten, Trainern und Funktionären die Schuld zuweisen, fehlt mir jegliches Verständnis."

Das fehlt auch dem DOH-Vorsitzenden Klaus Zöllig im Hinblick auf Köhlers Buch.

"Damit wird erneut auf den Gefühlen der DDR-Sportopfer herumgetrampelt", sagte er: "Schlimm ist nur, dass die deutschen Sportverbände dieser historischen Verfälschung nicht widersprechen und sich nicht für die vielen immer noch unter massiven gesundheitlichen Schäden leidenden Doping-Opfer einsetzen."

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