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Monique van der Vorst gewann bei den Paralympics 2008 zwei Silbermedaillen © imago

Nach 13 Jahren Rollstuhl kann Paralympics-Athletin Monique van der Vorst wieder gehen. Im Interview erzählt sie ihre Geschichte.

Von Marc Ellerich

München - Die Geschichte der Monique van der Vorst ist schlichtweg kaum zu glauben. Nach einer Operation mit 13 Jahren ist ihr linkes Bein gelähmt, 2008 erleidet sie bei einem Autounfall eine Rückenmarksverletzung und kann nicht mehr gehen.

In der Rehabilitation entdeckt die Holländerin ihre Leidenschaft für das Radfahren mit dem Hand-Bike. 2000 nimmt sie an ihrem ersten Rennen teil, was folgt, ist eine echte Erfolgsgeschichte.

In den nächsten Jahren wird die 26-Jährige zweimal Zweite bei den Paralympics in Peking, mehrfach Welt- und Europameisterin und stellt im Marathon einen Weltrekord auf.

Das Wunder ihres Lebens widerfährt van der Vorst, als sie 2010 beim Training auf Mallorca zum zweiten Mal einen Unfall hat.

Im SPORT1-Interview spricht van der Vorst über den Crash, der zum Glücksfall wurde und den schwierigen Abschied vom Leben als gefeierte Leistungssportlerin.

SPORT1: Ihre Geschichte klingt wie ein Märchen. Wie werden Sie 2010 in Erinnerung behalten? Das Jahr, in dem das Wunder passierte?

Monique van der Vorst: Ja, es ist für mich immer noch ein Wunder. Und zugleich das Jahr, in dem die größte Veränderung in meinem Leben stattfand. Ein Jahr, das natürlich sehr schön, aber eben auch sehr hart war.

SPORT1: Sie waren dreizehn Jahre lang gelähmt. Seit diesem Jahr können Sie wieder gehen. Wie war das möglich?

Van der Vorst: Das weiß niemand so genau. Ich habe auf Mallorca mit meinem Hand-Bike trainiert und bin von einem deutschen Radfahrer angefahren worden. Er hat mich von hinten getroffen. Es sah nicht gut aus, als ich da auf dem Boden lag. Meine Beine haben unkontrolliert gezittert. Ich wusste nicht, was los war, und auch im Hospital konnten sie es nicht sagen.

SPORT1: Sie waren da immer noch gelähmt?

Van der Vorst: Ja, in dem Moment waren meine Beine immer noch gelähmt. Aber irgendwann im Krankenhaus habe ich ein Kitzeln im linken Bein gespürt. Das war sehr seltsam. Vorher hatte ich in den Beinen kein Gefühl. Einige Monate später konnte ich mein Bein dann ein wenig bewegen.

SPORT1: Das haben sie dann den Ärzten gesagt.

Van der Vorst: Ja, natürlich. Die haben mich dann erst mal für mich alleine Physiotherapie machen lassen. Aber da war auch noch nicht klar, dass ich wieder gehen würde.

SPORT1: Wann hatten Sie den Unfall?

Van der Vorst: Der Unfall war im März, das Kitzeln hatte ich dann im Juni. Zwei Monate später konnte ich dann das Bein etwas bewegen. Im Juli haben mir die Ärzte gesagt, dass ich wieder gehen werde.

SPORT1: Wie war Ihre Reaktion?

Van der Vorst: Ich war überwältigt und unglaublich glücklich. Ich habe alles dafür getan, um meine Beine wieder zu bekommen.

SPORT1: Das kann sicher jeder verstehen.

Van der Vorst: Ich habe versucht aufzustehen, bin aber sofort hingefallen. Ich bin oft gestürzt, ich konnte meine Beine immer noch nicht richtig spüren. Trotzdem war ich sehr glücklich. Es war ein unglaubliches Gefühl.

SPORT1: Hat man ihnen eigentlich erklärt, wieso dieser Unfall ein Handicap auflösen konnte, das die Ärzte nicht in den Griff bekommen haben.

Van der Vorst: Nein, keiner konnte mir einen guten Grund dafür nennen. Sie haben mir erzählt, dass durch den Unfall eine Blockade gelöst worden sei.

SPORT1: Was war eigentlich die Ursache dafür, dass Sie nicht mehr laufen konnten?

Van der Vorst: Ich hatte mit 13 Jahre eine Infektion nach einer Operation am linken Bein. 2008 bin ich dann von einem Auto angefahren worden, als ich mit meinem Hand-Bike trainiert habe und hatte danach eine Rückenmarksverletzung, die auch das andere Bein gelähmt hat.

SPORT1: Mit ihrer Behinderung waren Sie ein Star im paralympischen Sport. Sie waren Zweite bei den Olympischen Spielen, mehrfach Welt- und Europameisterin, Weltrekordhalterin. Das ist jetzt vorbei.

Van der Vorst: Ja, das ist vorbei. Und das ist für mich sehr hart. Ich habe aus dem Sport sehr viel Kraft gezogen und ihn wirklich geliebt. Ich war schon total auf die Olympischen Spiele 2012 in London konzentriert und den Ironman. Es ist eine also eine zwiespältige Sache.

SPORT1: Auf der einen Seite die sportliche Karriere, die nun vorbei ist. Auf der anderen Seite das größte Geschenk, das man Ihnen machen konnte.

Van der Vorst: Ja. Das ist sehr hart. Es ist eine gewaltige Veränderung. Im Moment habe ich noch mit meiner Rehabilitation zu tun, aber ich muss mir neue Ziele im Leben suchen. Es ist alles anders. Bisher war alles, was ich tat, darauf ausgerichtet, meine athletischen Fähigkeiten zu verbessern.

SPORT1: Und Sie waren berühmt in den Niederlanden?

Van der Vorst: Ein bisschen. Ich war Behindertensportlerin des Jahres.

SPORT1: Wie wollen Sie nun Ihr neues Leben angehen. Welche Pläne und Ziele haben Sie?

Van der Vorst: Erst einmal mache ich die Reha fertig. Und dann will ich Dinge machen, die ich vorher nie hätte tun können. Ich will herausfinden, was mir Spaß macht. Aber einen richtig guten Plan habe ich noch nicht. Das alles ist noch sehr ungewohnt. Ich will mein Studium beenden, das ich im Moment unterbrochen habe, menschliche Bewegungslehre. Ich möchte Leuten helfen.

SPORT1: Werden Sie zu den Spielen nach London reisen, auch wenn Sie dort nicht mehr an den Start gehen können.

Van der Vorst: Ja, ich denke, ich werde dort hinfahren. Es sind doch meine Freunde dort, sehr nette Menschen.

SPORT1: Und welche Rolle wird Sport in Ihrem neuen Leben spielen?

Van der Vorst: Ich will unbedingt wieder trainieren, am liebsten für einen Lauf oder für einen Triathlon. Ein Leben ohne Sport will ich mir nicht vorstellen.

SPORT1: Und dass dann keiner mehr hinschaut ist egal?

Van der Vorst: Das macht nichts. Vorher war Sport mein Beruf, jetzt nicht mehr. Einen Zehn-Kilometer-Lauf zu beenden, wäre mir mittlerweile wichtiger, als eine olympische Medaille zu gewinnen.

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