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Ronnie O'Sullivan war in der Saison 2002/03 zum ersten Mal Weltranglistenerster © getty

PKs über Oralsex, Drogen, Motivationslöcher: Ein Sportpsychologe soll Ronnie O'Sullivan im Crucible Theater den Weg weisen.

Sheffield - Es ist eine krankhafte Beziehung, die Ronnie O'Sullivan zu seinem Sport führt.

Oft hasst er das Snooker-Spiel, das er so gut beherrscht wie niemand sonst auf dieser Welt.

Nur noch selten liebt er die Momente am Tisch, wenn die Kugeln einzig und allein ihm gehorchen und scheinbar magisch ihren Weg in die Taschen finden.

Vor der Weltmeisterschaft, die am Samstag im altehrwürdigen Crucible Theater in Sheffield beginnt, steht O'Sullivan am Scheideweg. In seiner Not hat er sich Hilfe geholt.

Sportpsychologe mimt den Eheberater

Dr. Steve Peters heißt der Mann, der O'Sullivans Karriere retten soll. Er ist Sportpsychologe. Eigentlich.

Denn für den depressiven, manchmal aggressiven und momentan ständig lustlosen Ausnahmespieler mimt Peters momentan eine Art Eheberater.

Peters hat einen klaren Auftrag: Er soll O'Sullivans Leidenschaft zum Snooker neu entfachen, das zerrüttete Verhältnis zwischen dem Genie und seiner großen Liebe in Ordnung bringen.

Kampf ums eigene Gleichgewicht

Doch wo soll Peters ansetzen bei dem Mann, der all das Schöne und Rekordverdächtige im Snooker verkörpert, jedoch seit Jahren ums eigene Gleichgewicht ringt?

Die britischen Bahnradfahrer brachte Peters vor den Olympischen Spielen auf Medaillenkurs - eine vergleichsweise einfache Aufgabe zur Arbeit mit dem Enfant Terrible der 15 roten Kugeln.

O'Sullivan macht den Menschen in seiner Umgebung das Leben schwer.

O'Sullivan schockiert gerne

Er schockiert gerne, wie bei einer Pressekonferenz in China, als nicht etwa Queue und Kugeln, sondern Oralsex und die Größe seines Genitals O'Sullivans Gesprächsthema waren.

Verschossene Bälle auf dem Snookertisch quittierte der Meister mit dem ausgestreckten Mittelfinger.

Er wurde positiv auf Cannabis getestet und gab zu, alkoholkrank zu sein.

Vater als Lehrmeister

Für all die Vergehen verdonnerte ihn der Snookerverband zu Geldstrafen. Gelernt hat O'Sullivan nichts daraus.

Der einzige Mensch, der ihm etwas beibringen konnte, war sein Vater, Inhaber einiger Sex-Shops im Londoner East End.

Als Ronnie O'Sullivan 16 Jahre alt war und bei einem Jugendturnier in Thailand an seiner Karriere bastelte, wurde sein Mentor festgenommen. "Lebenslang wegen Mordes" lautete das Urteil nach einer Messerstecherei in einem Nachtclub.

Die Dämonen des Aufhörens

O'Sullivan ging dennoch seinen Weg, wurde dreimal Weltmeister und spielte die fünf schnellsten "Maximum Breaks" der Snooker-Geschichte - ein Ausdruck wahrer Perfektion.

Doch die Vorstellung, einfach alles hinzuschmeißen, quält ihn seit der Jugend, zuerst leise, dann wurde sie immer lauter.

"Meine Dämonen" nennt der heute 36-Jährige die Gedanken, ohne Snooker leben zu müssen (Jetzt auch um 12 und 13 Uhr die News im TV auf SPORT1).

"Ronnie ist wie Gott"

Dr. Peters soll diese Dämonen nun bekämpfen. Oft genug hat es O'Sullivan selbst geschafft, immer war es ein Kraftakt.

Nur die Leichtigkeit am Tisch, die fließenden Kombinationen und die unverschämt wirkenden Wechsel zwischen der rechten und linken Hand am Queue überspielten den verzweifelten Streit mit sich selbst.

"Ronnie zu beobachten, ist wie Gott bei der Arbeit zuschauen zu dürfen", sagte Konkurrent Alan McManus einmal tief beeindruckt.

Fadenscheinige Absage der German Open

Worte, die mittlerweile nur noch wie das Echo der längst vergangenen Geschichte klingen.

Seit November hat O'Sullivan nun kein offizielles Match mehr gewonnen, die German Open sagte er mit einer fadenscheinigen Begründung kurzfristig ab.

Nach seiner Erstrundenpleite bei den China Open klang er fatalistisch wie selten:

"Ich habe keine Ahnung, wie lange ich das noch mitmachen will. Ich sage nicht, dass ich aufhöre, aber es sieht nicht gut aus."

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