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Die Anti-Doping-Agentur ist gefordert
Blutdoping steht seit 1988 auf der Liste der verbotenen Methoden des IOC © getty

Der Bundestag beschäftigt sich mit der Dopingaffäre um Franke. Einschneidende Folgen drohen, doch es gibt viele offene Fragen.

München - Harmlose Infektbehandlung oder Doping? Missverständnis oder Missbrauch von Steuergeldern?

Am Mittwoch sucht der Sportausschuss des Bundestages in der Dopingaffäre um den Erfurter Mediziner Andreas Franke nach Antworten. Sie könnten den deutschen Sport und sein Stützpunktsystem im Olympiajahr ins Wanken bringen.

Allerdings gibt es auch nach Wochen voller hitziger Debatten nur wenige unumstößliche Fakten.

Fest steht, dass Franke zwischen 2006 und 2011 als Vertragsarzt am Olympiastützpunkt (OSP) Thüringen in Erfurt, der pro Jahr gut zwei Millionen Euro aus dem Etat des Bundesinnenministeriums (BMI) erhält, gearbeitet hat.

Bei mindestens 30 Athleten hat Franke Blut entnommen, mit UV-Licht bestrahlt und reinjiziert, nach eigener Darstellung ausschließlich zur Behandlung von Infekten.

Verbot trotz umstrittenem Nutzen

Darüber hinaus wird die Faktenlage diffus.

Unabhängig von der Tatsache, dass der medizinische Nutzen der Methode höchst umstritten ist, bislang aber auch noch niemand einen direkten Zusammenhang mit Doping zum Zweck der Leistungssteigerung nachgewiesen hat, halten die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA und ihr deutscher Ableger NADA das, was in Erfurt geschehen ist, für verboten.

Allerdings scheiden sich die Geister an der Frage, seit wann das der Fall ist. WADA und NADA sagen, "seit vielen Jahren" und meinen vermutlich seit 2005.

Bereits zuvor nicht erlaubt?

Noch 2011 passte die WADA ihren Anti-Doping-Code aber dann dahingehend an, dass eine Methode wie die von Franke angewandte noch zweifelsfreier als Doping eingestuft werden kann.

Die NADA betont jedoch: Der Passus, der zur Präzisierung des Regelwerks hinzugefügt wurde, "bedeutet nicht im Umkehrschluss, dass die darin näher bezeichneten Methoden zuvor erlaubt gewesen sind".

Doping oder nicht?

Genau hier liegt das Dilemma, das Doping-Jäger Professor Wilhelm Schänzer wie folgt beschreibt.

"Wir wissen, dass seit 2011 diese Art der Manipulation nach dem Dopingreglement verboten ist. Für den Zeitraum davor ist es eine Frage der Auslegung. Das müssen die Juristen klären", sagte der Leiter des Instituts für Biochemie an der Deutschen Sporthochschule in Köln.

Und die Mühlen der Justiz mahlen langsam. Ob die Staatsanwaltschaft Erfurt Anklage gegen Franke erhebt, ist noch immer offen.

Seit Frühjahr 2011 ermittelt die Behörde gegen den Mediziner.

Verfahren laut Franke nicht regelwidrig

Zu diesem Zeitpunkt trennte sich der OSP von Franke, der angeblich nie nachgefragt hatte, ob seine Methode regelkonform sei.

Bernd Neudert, Chef des OSP Thüringen, schreibt laut "Spiegel" in seinem Statement an den Sportausschuss, Franke habe dem OSP "glaubhaft versichert", dass seine Methode "nicht dem gültigen NADA-Code widerspricht".

Der OSP soll diesbezüglich 2007 bei der NADA angefragt haben. Die Bonner Dopingjäger sprachen sich damals gegen die Methode aus, kündigten aber weitere Stellungnahmen an, die angeblich nicht mehr kamen.

Danach verlief alles irgendwie im Sand.

Mögliche Missbrauch von Steuergeldern

Für die UV-Behandlungen soll der OSP laut "Spiegel" von 2005 bis 2008 insgesamt 7000 Euro gezahlt haben. In den folgenden beiden Jahren seien Franke etwas mehr als 15.000 Euro als Gesamthonorar überwiesen worden.

Am Mittwoch wird der mögliche Missbrauch von Steuergeldern eine große Rolle spielen, nach dem Willen von Dagmar Freitag (SPD), der Vorsitzenden des Sportausschusses, sogar die größte.

"Es geht nicht darum, herauszufinden, ob die Methode des Herrn Franke zur Leistungssteigerung beiträgt. Die Frage ist, ab wann jeder gewusst hat, dass diese Methode verboten ist, und ob zu diesem Zeitpunkt noch Steuermittel in eine solche Behandlung geflossen sind", sagte Freitag dem "Deutschlandfunk".

Neben der OSP-Führung sollen auch das BMI und die NADA im Berliner Paul-Löbe-Haus hinter verschlossenen Türen Antworten liefern. Als Sachverständige werden der Pharmakologe Fritz Sörgel und der Rechtsanwalt Georg Engelbrecht gehört.

Meinungen gehen auseinander

Der Ausschuss wird keine einhellige Meinung präsentiert bekommen.

Während der renommierte Sportrechtler Engelbrecht in einer schriftlichen Stellungnahme an Freitag und Co. laut "Spiegel" klarstellt, dass die von Franke angewandte UV-Blutbestrahlung eine "verbotene Methode darstellt" und dies spätestens seit 2003 klar sei, bleibt das BMI zurückhaltender.

In der Stellungnahme des Ministeriums, die dem "Spiegel" ebenfalls vorliegt, heißt es, dass die UV-Bestrahlung erst ab 1. Januar 2011 gemäß WADA-Liste "eindeutig verboten" gewesen sein soll.

"Keine Handlungsnotwendigkeiten"

Da "eine abschließende sportrechtliche Würdigung der Blutbehandlung durch den behandelnden Arzt" noch nicht vorliege, ergeben sich derzeit "keine zuwendungsrechtlichen Handlungsnotwendigkeiten".

Die Grünen sehen das völlig anders.

Sie fordern nicht nur eine zuwendungsrechtliche Prüfung sämtlicher medizinischer Behandlungsleistungen an allen Olympiastützpunkten, sondern auch die Einführung des Straftatbestandes Sportbetrug und mehr BMI-Mittel für die NADA.

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