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Der 34-jährige David Göttler machte 1998 Abitur in Mathe und Physik © G. Kaltenbrunner

Im SPORT1-Interview spricht Extrembergsteiger David Göttler über Weihnachten auf dem Gletscher und Ängste eines Bergsteigers.

Von Rainer Nachtwey

München - Ganz normale Weihnachten sind es auch diesmal nicht für David Göttler.

Der Extrembergsteiger verbringt das Fest zur Geburt Jesu Christi in Südfrankreich - beim Klettern.

So abenteuerlich wie der 34-Jährige es schon erlebt hat, ist es dann aber doch nicht. Denn Göttler feierte Weihnachten bereits an den verschiedensten Orten (655278DIASHOW: Göttler und Bilder seiner Expeditionen).

Sein Beruf als Expeditions-Bergsteiger und Bergführer führt ihn immer wieder auf die Dächer der Welt.

Im Frühjahr peilt er die Besteigung des Makalu, dem mit 8.485 Metern fünfthöchsten Berg der Welt, an. "Für mich ist der nächste Berg immer der schönste", sagt Göttler.

Im Weihnachtsinterview von SPORT1 spricht David Göttler über Weihnachten auf dem Gletscher, Erfahrungen mit dem Tod, die Schuldgefühle beim Absturz eines Rettungspiloten und die Ängste eines Bergsteigers.

SPORT1: Herr Göttler, Sie sind Extrembergsteiger. Waren auf der Zugspitze, in Patagonien, auf 8000ern. Wie gefährlich ist Bergsteigen?

David Göttler: Es wäre sicherlich gelogen, das Bergsteigen zu verharmlosen. Es birgt eine Gefahr. Aber durch gute und konsequente Vorbereitung wie Informationen über die Tour, Wetterlage und im Winter Lawinengefahr, kannst du das Gefahrenpotenzial minimieren. Aber ein Restrisiko bleibt immer.

SPORT1: In wie weit haben Sie sich mit dem Thema Tod auseinandergesetzt?

Göttler: Durch die Erfahrungen, dass jemand am selben Berg ums Leben gekommen ist, oder im Umfeld von mir beim Bergsteigen, muss ich mich zwangsläufig damit auseinandersetzen. Es ist aber kein Thema, das wie ein Damokles-Schwert über mir schwebt. Ich denke mir nicht: Ich werde hier jetzt nicht mehr zurückkommen. Wenn ich mit solchen Gedanken unterwegs wäre, dann müsste ich mir eine andere Sportart suchen. Wir Extrembergsteiger haben keine Todessehnsucht.

SPORT1: Wie ist das, wenn Sie sich von der Familie verabschieden und auf Expedition gehen?

Göttler: Es ist schon immer schwer, weil alle Beteiligten auch wissen, was passieren kann. Meine Eltern sind selbst Bergsteiger, auch meine Freundin weiß, was passieren könnte. Aber ich verabschiede mich nie mit dem Hintergedanken, vielleicht komme ich nie wieder zurück. Ich gehe immer auf eine Expedition mit der absoluten Überzeugung: "Ich schaff' das" und vor allem, dass ich wieder lebendig nach Hause komme.

SPORT1: Spüren Sie manchmal auch einen Druck, dass Sie die Touren zu Ende gehen müssen?

Göttler: Nein, denn so einen Druck zu haben, das wäre wirklich tödlich. Druck macht man sich vielleicht manchmal selbst, weil man sehr viel in sein Ziel investiert, Motivation vor allem, Zeit, Training. Man denkt sich schon: "Mei, jetzt bin ich hier 400 Meter unterhalb des Gipfels und ich muss jetzt hier umdrehen, weil der Hang zu lawinengefährlich ist oder weil die und die Faktoren nicht passen". Aber Gott sei Dank habe ich bisher immer den Moment gefunden umzudrehen. Das Scheitern gehört zum Expeditionsbergsteigen dazu.

SPORT1: Wie oft haben Sie auf einer Tour gedacht: Hier komm ich nicht mehr weg?

Göttler: Das schlimmste Erlebnis hatte ich bei der Ama Dablam. Da war ich mit einem japanischen Freund, Kazuya Hiraide, auf der Erstbegehung einer neuen Linie durch die Nordwand. Aber uns haben die Schneeverhältnisse überrascht, obwohl wir vorher - so gut es ging - diese ausgekundschaftet hatten. Aber wir sind zum falschen Entschluss gekommen. Wir sind keinen Schritt mehr vorwärts, noch zurück gekommen. Wir waren wie in einer Mausefalle gefangen. Da fragst du dich: Wie hast du es geschafft, dich in so eine Situation zu bringen. Das war für mich eine echte Horrorsituation, und ich denke für jeden Bergsteiger.

SPORT1: Bei dieser Expedition mussten Sie vom Rettungshubschrauber abgeholt werden, der dann verunglückt ist, als Ihr Expeditionspartner gerettet werden sollte. Wie sind Sie damals damit umgegangen?

Göttler: Es kam als erstes diese Situation, in die Mäusefalle hineinzutappen. Das war schon mal echt ätzend. Das war für das Ego schon mal ganz mies, weil du dir denkst: Du bist Profi und kommst hier nur mit fremder Hilfe raus. Und dann hatten wir eigentlich das unglaubliche Glück, dass eine Rettungsmannschaft uns mit dem Helikopter überhaupt rausgeholt hat. Beim zweiten Anflug, als sie Kazuya rausholen wollten - mich hatten die beiden als erstes geholt - sind sie mit dem Rotor an den Grat gekommen und abgestürzt. Diese Konsequenz ist dann noch mal eine ganz andere. Da wird der Dämpfer fürs Ego nichtig. An dem Tod der beiden hatte ich richtig lange zu knabbern.

SPORT1: Setzen Sie sich noch viel mit dem Tod der beiden auseinander?

Göttler: Ja, und ich muss es auch. Es ist jetzt ein Kapitel meines Bergsteigerlebens, das absolut nicht rühmlich ist, aber ich kann es nicht löschen. Wenn ich die beiden wieder lebendig machen könnte, würde ich alles dafür geben. Auf der anderen Seite ist daraus auch wirklich sehr viel Schönes entstanden.

SPORT1: Wie das?

Göttler: Ich bin dadurch mit Nepal noch viel, viel enger verwoben. Ich bin mit den Familien des Piloten und des Co-Piloten in sehr gutem Kontakt, die Eltern des Piloten haben mich in München besucht. Die Familie besuche ich jedes Mal und unterstütze sie finanziell soweit es in meinem Rahmen möglich ist, damit die Söhne die Schulausbildung fertig machen. Sie begrüßen mich mit offenen Armen, es ist eine echte Freundschaft geworden.

SPORT1: Hatten Sie große Schuldgefühle?

Göttler: Klar. Wie krass müsste derjenige drauf sein, der bei so etwas keine Schuldgefühle hätte. Die Ausbilder der Piloten von der Rettung Zermatt, die zu den besten weltweit gehören, haben uns zwei Tage nach diesem Unglück eine Email geschrieben, dass wir uns keine Vorwürfe machen sollen - obwohl wir sie nicht gekannt haben. Das war sehr hilfreich für uns, und deshalb bin ich ihnen auch sehr dankbar. Es war eine Situation, die der Pilot und der Co-Pilot beurteilen müssen. Sie sind wegen uns geflogen, aber der Fehler, weswegen sie abgestürzt sind, ist wiederum das Restrisiko eines Helikopter-Piloten. Aber nichtsdestotrotz nimmt es nicht die Last von meinen Schultern oder das Schuldgefühl, das ich immer habe. Wir waren diejenigen, die angerufen haben und wegen uns sind sie geflogen. Sonst hätten sie einen schönen Tag mit der Familie gehabt.

Hier geht es weiter zum zweiten Teil des Interviews >>