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Thomas Bach gewann bei den Olympischen Spielen 1976 Fecht-Gold © getty

Der einstige Fechter will von Doping nichts gehört haben und bezieht dafür Prügel. Harting hat ihn schon abgeschrieben.

Berlin - Thomas Bach spürt Gegenwind. Nach Veröffentlichung der Doping-Studie stoßen seine Aussagen zum Thema Doping während seiner Zeit als Weltklasse-Fechter auf Unverständnis.

Vor allem die Wissenschaft geht auf Distanz zu dem Mannschafts-Olympiasieger von 1976, der sich in vier Wochen in Buenos Aires als IOC-Präsident zur Wahl stellen wird.

"Dass Thomas Bach zur Hochzeit des Dopings in den 1970-er Jahren als Spitzensportler davon nichts mitbekommen haben soll, ist für mich nur schwer vorstellbar. Das gehörte damals ja fast schon für Laien zur Allgemeinbildung", sagte der Nürnberger Doping-Experte Fritz Sörgel, Leiter des Instituts für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung (IBMP) in Heroldsberg.

Doping damals Alltags-Thema

Ähnlich hatte sich die frühere Spitzenathletin und Olympia-Teilnehmerin Heidi Schüller geäußert: "Zum Thema Doping muss er (Bach, d. Red.) mehr gewusst haben, als er zugibt. Damals wurde überall darüber gesprochen, da kann er ja nicht immer nur weggehört haben."

Bach untermauerte derweil am Donnerstag erneut seine Position. "In meiner aktiven Zeit als Fechter und damit auch bei unserem Olympiasieg 1976 in Montreal war Doping für uns kein Thema", sagte der IOC-Vize in einem vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) auf seiner Homepage veröffentlichten Interview.

Später als Aktivensprecher und hochrangiger Funktionär habe er dann in den 1980er Jahren als Mitglied mehrerer Kommissionen Doping intensiv bekämpft. Bach ringt um seine Reputation, eine Glaubwürdigkeitskrise im eigenen Land kann er sich nicht erlauben.

Bach will im September IOC-Präsident werden

Am 10. September will er in Buenos Aires neuer Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) werden.

Der Heidelberger Doping-Experte Werner Franke kann auch nur schwer glauben, dass Doping für die Fechter seinerzeit kein Thema war: "In der Zeit wurde gedopt, bis die Schwarte kracht." Im Fechten habe es Aufmerksamkeits- und Schnelligkeits-Doping gegeben, und "auch dort gab es positive Fälle", sagte Franke.

Auch für Sörgel ist das Fechten keineswegs eine für Doping nicht relevante Sportart.

Auch beim Fechten Doping möglich

"Ich ärgere mich einfach darüber, wenn behauptet wird, dass im Fechten Doping keine Rolle spielen kann", sagte der Wissenschaftler. Die Fechter seien zwar keine Kandidaten für Epo oder Blutdoping, aber es komme in ihrem Sport auf mental-kognitive Leistungen an, die etwa die Schnelligkeit oder die Konzentration beeinflussen können.

"Und dafür findet sich im Medikamenten-Schrank nicht wenig. Und Anabolika oder Cortison zur Regeneration kann man in jeder Sportart brauchen", meinte Sörgel.

Die Fechter wehren sich vehement. Der zweifache Olympiazweite von Montreal, Jürgen Hehn, praktizierte seinerzeit selbst als Arzt und hat sich deshalb "natürlich damals mit dem Thema Anti-Doping auseinandergesetzt. Wir wurden schließlich auch kontrolliert. Es ärgert mich enorm, wenn jemand versucht, unsere Erfolge von damals mit der aktuellen Doping-Diskussion in Verbindung zu bringen", sagte Hehn.

Im Sommer in die Sauna

Alexander Pusch, 1976 Degen-Olympiasieger, erinnert sich unter anderem an das schweißtreibende Training zur damaligen Zeit: "Wir mussten bei WM-Vorbereitungs-Lehrgängen selbst bei hochsommerlichen Temperaturen in die Sauna, um so noch besser auf die Hitze in den Fecht-Hallen vorbereitet zu sein. Wir haben immer 100 Prozent mehr trainiert als andere, daher waren wir auch erfolgreich."

Sylvia Schenk, Sportbeauftragte der Anti-Korruptions-Agentur Transparency International und frühere Präsidentin des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR), stellt sich ebenfalls vor Bach und die Fechter.

"Es wurden ja sogar als besonders kritisch bekannte Wissenschaftler mit der Studie betraut. Das macht man eher nicht oder anders, wenn man etwas vertuschen will", sagte Schenk: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass 1976 bei den Fechtern Doping eine Rolle gespielt hat. Fechten ist keine Sportart mit hohem Risiko für Doping."

Harting feuert gegen Bach

Bach müsse allerdings "in Montreal oder spätestens bei der öffentlichen Diskussion danach von den aufgeblasenen Schwimmern und von der Kolbe-Spritze erfahren haben".

Kritik musste sich Bach auch von Diskus-Olympiasieger Robert Harting gefallen lassen, der dem DOSB-Präsidenten generell ein fehlendes Interesse an seinem Posten vorwarf.

"Bei DOSB-Präsident Thomas Bach habe ich das Gefühl, es ging ihm noch nie um etwas anderes, als IOC-Präsident zu werden. Er ist nur damit beschäftigt, den interessieren weder wir noch sein Amt beim Sportbund wirklich", sagte Harting bei "Spiegel Online": "Es lohnt sich gar nicht, darüber nachzudenken, wie es mit ihm besser werden könnte."

Warten auf ungeschwärzten Studie

Mit großer Spannung wird nun auf die Veröffentlichung der "ungeschwärzten" Doping-Studie gewartet. Derzeit wird hinter den Kulissen daran gearbeitet. Wann das 800 Seiten starke Werk veröffentlicht wird, ist weiter unklar.

Sörgel hält außerdem die von Bach initiierte Einsetzung einer Kommission mit dem Juristen Udo Steiner als Vorsitzenden für keine gute Idee.

Laut Bach soll das Steiner-Team bei der Ausarbeitung möglicher Konsequenzen helfen.

Sörgel hat weiter Hoffnung

"Wichtig sind doch die medizinisch-pharmakologischen Erkenntnisse, die wir aus dieser Studie gewinnen können. Die Juristen in der Kommission können sich auf strafrechtliche Fragen konzentrieren", sagte Sörgel.

Hoffnungen schöpft Sörgel aus der Tatsache, dass die Studie von jedermann einsehbar sein wird.

"Da können dann auch unabhängige Wissenschaftler, die nicht vom DOSB bestimmt werden, die Ergebnisse der Studie einschätzen. Und das wird sich von den Erkenntnissen der Kommission unterscheiden - da bin ich absolut sicher", sagte der Doping-Experte.

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